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Graphic Novel
Vision von Geschlechterfluidität, Selbstbestimmung und ästhetischer Freiheit
Mit ihrer Graphic Novel "Orlando" legt Susanne Kuhlendahl eine beeindruckende visuelle Neuinterpretation des queeren Klassikers von Virginia Woolf vor, die große Lust darauf macht, den Roman neu zu entdecken – oder ihn erstmals zu lesen.

Seit Langem gilt Virginia Woolfs Roman "Orlando" als Klassiker der queeren Literatur – die Illustratorin Susanne Kuhlendahl hat nun eine Graphic Novel daraus gemacht
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18. Januar 2026, 04:53h 4 Min.
"Ich habe meinen Partner gefunden. Es ist die Heide. Ich bin die Braut der Natur", ertrinkt Orlando im Selbstmitleid. Wir befinden uns im 19. Jahrhundert, im England unter Königin Viktoria. Orlando ist entsetzt über die Produkte der Modernisierung, über die Beschleunigung des urbanen Lebens, das ihr zugleich "so unanständig, so abscheulich und so monumental" erscheint. Sie sträubt sich gegen die stilistischen wie gesellschaftlichen Veränderungen dieser Zeit: gegen die Krioline, in der ihr kalt ist, die sie einengt, körperlich wie symbolisch. Und für sie das Schlimmste: Noch immer hat sie keinen Ehemann gefunden. Orlando zieht sich zurück in ihren Zufluchtsort, die Natur – eine Konstante in ihrem Leben, deren Schönheit sie seit jeher bewundert und die sie, anders als die Gesellschaft, nicht im Stich lässt.
Virginia Woolfs "Orlando" ist zweifelsohne ein queerer Klassiker – ein Roman, der seiner Zeit weit voraus war und bis heute als radikale literarische Intervention gelesen werden kann. 1928 erschienen, ist das Werk nicht nur eine spielerische Fantasie über Zeit, Geschlecht und Identität, sondern auch eine Liebeserklärung an Schriftstellerin Vita Sackville-West und ein Angriff auf starre bürgerliche Geschlechternormen. Woolf unterläuft in diesem Roman bewusst die Grenzen von Biografie, Historie und Fiktion, lässt ihre Hauptfigur Jahrhunderte durchqueren und mitten im Text ihr Geschlecht wechseln – ohne medizinische Erklärungsnot, ohne moralische Sanktion, ohne Stigmatisierung. Geschlecht wird hier performativ, fluide, historisch bedingt gedacht: als etwas, das getragen, gewechselt, abgelegt werden kann.
Hochreflexiver Text über Schreiben, Geschichtsschreibung und Macht

Die Graphic Novel "Orlando" ist im September 2025 im Schweizer Helvetiq Verlag erschienen
Mit ihrer Graphic Novel "Orlando" (Amazon-Affiliate-Link ) legt Susanne Kuhlendahl nun eine beeindruckende visuelle Neuinterpretation dieses Textes vor, die große Lust darauf macht, den Roman neu zu entdecken – oder ihn erstmals zu lesen. Mit Wasser- und Akrylfarben, mit Pinsel und Stift tanzt sie über die Seiten, taucht das Geschehen in schattierte Schwarz-Weiß-Skizzen, lässt das Buch zwischen Licht und Dunkelheit oszillieren. Die Bandbreite ihrer Zeichenstile ist beeindruckend und trägt diese Ausgabe von "Orlando" inhaltlich wie ästhetisch. Kuhlendahl weiß, wovon sie spricht: Zuvor hat sie bereits Thomas Manns "Der Tod in Venedig" als Graphic Novel umgesetzt sowie eine gezeichnete Biografie über Virginia Woolf veröffentlicht – eine Autorin, deren Leben und Werk untrennbar mit Fragen von Queerness, psychischer Fragilität, patriarchaler Unterdrückung und ästhetischer Selbstermächtigung verbunden sind.
Woolf selbst taucht auch in dieser Adaption immer wieder auf: in grüner Bluse, mit braunem Dutt und strenger, runder grauer Brille. Sie kommentiert das Geschehen, blickt von außen auf ihre eigene Schöpfung. Das ist ein kluger erzählerischer Kniff, der Woolfs spielerischen Umgang mit Autorschaft im Original aufgreift und das permanente Changieren zwischen Erzählinstanz, Figur und historischer Autorin sichtbar macht. Gleichzeitig verdeutlicht diese Entscheidung, dass "Orlando" immer auch ein hochreflexiver Text über Schreiben, Geschichtsschreibung und Macht ist. Teils ist es nicht ganz leicht, der Chronologie der Illustrationen zu folgen; es empfiehlt sich daher, zumindest mit der Inhaltsangabe des Romans vertraut zu sein. Doch vielleicht entspricht genau diese Irritation auch dem Geist des Textes selbst, der sich linearer Lesbarkeit konsequent entzieht.
Zurasen auf eine geschlechterbefreite Gesellschaft
Schon der Buchdeckel lässt die verschiedenen Versionen Orlandos tanzen: Orlando wächst als jedermanns Liebling in einer adligen Familie auf – zunächst als Mann. Das Werk beginnt im England des Jahres 1586 und endet im Jahr seiner Veröffentlichung 1928. An diese zeitliche Rahmung hält sich auch die Graphic Novel, anders als die Verfilmung von Sally Potter aus dem Jahr 1992 mit Tilda Swinton, die in der damaligen Gegenwart endet. Besonders eindrücklich wird Orlandos Verwandlung über Kleidung erzählt: Stoffe, Schnitte, Korsette, Mäntel werden zu sichtbaren Markierungen von Geschlecht. Kleidung erscheint hier als Maske des Geschlechts, als soziales Dispositiv, dem sich das Sein unterordnet – oder gegen das es rebelliert. Woolfs zentrale These, dass sich gesellschaftliche Machtverhältnisse buchstäblich in Körper einschreiben, wird von Kuhlendahl visuell präzise übersetzt.
Ein Bild bleibt nach der Lektüre besonders präsent: Orlando kauft sich im 20. Jahrhundert ein Auto. Sie sitzt hinter dem Steuer, und hinter ihr überlagern sich Projektionen ihres androgynen Seins – frühere Versionen ihrer selbst, männlich, weiblich, uneindeutig. Es ist ein starkes, fast utopisches Bild der Bewegung: Orlando rast – hoffentlich – auf eine geschlechterbefreite Gesellschaft zu. Eine Gesellschaft, die sich, fast hundert Jahre nach Erscheinen des Romans, noch immer nicht eingestellt hat. Gerade darin liegt die queerpolitische Aktualität dieser Graphic Novel: Sie erinnert daran, dass Woolfs Vision von Geschlechterfluidität, Selbstbestimmung und ästhetischer Freiheit keine abgeschlossene literarische Spielerei war, sondern ein bis heute unerfülltes politisches Versprechen.
Susanne Kuhlendahl: Orlando. Eine Graphic Novel nach Virginia Woolfs queerem Klassiker. 208 Seiten. Helvetiq Verlag. Basel 2025. Gebundene Ausgabe: 27 € (ISBN 978-3-0396-4100-0)
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