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Gastkommentar
Warum die "S2k-Leitlinie Varianten der Geschlechtsentwicklung" ein riesiger Schritt in die falsche Richtung ist
Die Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften tragen dazu bei, inter* Personen das Leben abermals zu erschweren, statt sie aktiv in ihrer Selbstbestimmung zu unterstützen.

Symbolbild: Inter-Fahne auf einer Pride-Demonstration (Bild: ChatGPT)
- Von Julien Charles
22. Januar 2026, 11:54h 5 Min.
Ende August wurde von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) die "S2k-Leitlinie Varianten der Geschlechtsentwicklung" veröffentlicht. Obwohl der Fokus angeblich auf das Kindeswohl gerichtet sein soll, gibt es einige Kritikpunkte an der Leitlinie, auf die im folgenden Artikel eingegangen werden soll. Als Erstes fällt etwa auf, dass wiederholt Diagnosen erwähnt werden und somit Ärzt*innen erneut die Deutungshoheit über inter* Personen erhalten. Folge ist die Bekräftigung einer pathologisierenden Sicht auf inter* Körper.
Fatal, denn immerhin kämpfen inter* Selbstvertretungsorganisationen seit Jahrzehnten für mehr Sichtbarkeit und selbst in der Queeren Community werden inter* Lebensrealitäten kaum abgebildet. Zur Erklärung: Inter* ist ein aus der Community entstandener Begriff, welcher, der die Vielfalt von intergeschlechtlichen Körpern und Lebensrealitäten abbildet und sich vor allem gegen die verbreitete Pathologisierung stellt.
Stattdessen nutzt die Leitlinie eine Sprache, welche die Pathologisierung von inter* Personen verstärkt. Ein riesiger Schritt in die falsche Richtung zu einer Zeit, die von allgemein erhöhtem Druck auf inter* Personen sowie dem erstarkenden Rechtsruck geprägt ist. Gerade jetzt braucht es Rückhalt aus der Gesellschaft, insbesondere auch aus dem medizinischen Bereich. Blicken wir in der Geschichte zurück, so hat die Medizin, da die Lebensrealität ihre konstruierten Geschlechterkategorien überschritt, in ihrer Überforderung inter* Menschen oft pathologisiert, unsichtbar gemacht und extremen Gewalterfahrungen ausgesetzt. Tage wie der Intersex Awareness Day, der jedes Jahr am 26. Oktober stattfindet, und der Intersex Day of Remembrance, der am 8. November begangen wird, erinnern an diese Realitäten.
Die Leitlinie befördert ein konservatives binäres Geschlechterbild
Es wäre ein Zeichen der Achtsamkeit und Anerkennung gewesen, hätte sich die medizinische Community diese Tatsachen vor Augen geführt und eine Leitlinie veröffentlicht, die Pathologisierung meidet, wirkliche Selbstbestimmung fördert und diesem Begriff gerecht wird. Nun ist allerdings das genaue Gegenteil passiert:
Eine erhebliche Problematik in der Leitlinie sind vor allem die expliziten Operationsempfehlungen, die vorrangig für nicht einwilligungsfähige Säuglinge und Kinder ausgesprochen werden. Durch ein binär geprägtes Geschlechterbild wird zudem aktiv Druck auf die Elternteile ausgeübt, eine im Großteil aller Fälle überflüssige Entscheidung zu treffen. Hiervon ausgenommen sind nur sehr wenige Eingriffe, bei denen tatsächlich medizinische Notwendigkeit besteht (etwa eine Harnröhrenverengung, um ein Beispiel zu nennen). Und mehr noch – es sorgt für gesellschaftlich verankerte Stereotype, statt mit diesen zu brechen. Komplikationen der Operationen und Folgen für das weitere Leben werden nicht genauer thematisiert. Siehe hierzu die Stellungnahme von TransInterQueer e.V. (TrIQ). So leiden viele inter* Personen unter chronischen Schmerzen, psychischen Erkrankungen und gesellschaftlicher Isolation. Das Vertrauen in die Medizin wird durch die überflüssigen Eingriffe und die daraus resultierenden Leidenserfahrungen nachhaltig zerstört.
Das 2021 verabschiedete sogenannte OP-Verbot (§ 1631e BGB "Behandlung von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung") steht außerdem im direkten Konflikt mit der neuen Leitlinie. Dieses soll gerade das Wohl des Kindes schützen und verbietet, in eine "Behandlung eines nicht einwilligungsfähigen Kindes mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung einzuwilligen, die, ohne dass ein weiterer Grund für die Behandlung hinzutritt, allein in der Absicht erfolgt, das körperliche Erscheinungsbild des Kindes an das des männlichen oder des weiblichen Geschlechts anzugleichen."
Hier zeigt sich die Kontraproduktivität der Leitlinie besonders deutlich: Indem sie durch die OP-Empfehlungen ein konservatives binäres Geschlechterbild befördert, spricht sie sich implizit für schädigende, überflüssige Eingriffe aus. Ein irritierender Schritt, da in der Präambel gerade das Gegenteil zur Sprache kommt: der Wille zur Dekonstruktion des binär geprägten Geschlechterbildes, das man hinter sich lassen wolle.
Vielfalt fördern statt bekämpfen
Die Empfehlungen dienen allerdings im Gegenteil der Festigung des heteronormativen Weltbildes – und nicht dem Wohl der Personen. Sie tragen somit dazu bei, inter* Personen das Leben abermals zu erschweren, statt sie aktiv in ihrer Selbstbestimmung zu unterstützen. Im Weiteren suggeriert die Leitlinie zudem, dass der Körper von inter* Personen korrekturbedürftig sei. Sie bestärkt damit eine Ablehnung des eigenen Körperbildes.
Diese Argumentation entspricht jener fehlerhaften Logik, derer sich rechtskonservative Kräfte seit Jahren bedienen. Das angebliche "Kindeswohl" wird als die Emotionen aktivierendes Schlagwort ins Feld geführt; mit greifbaren Inhalten (wie z. B. der Förderung einer positiven Selbstwahrnehmung und -bestimmung real existierender Kinder) wird es nicht gefüllt. Es dient lediglich der Bekräftigung eines festgefahrenen ideologischen Weltbilds, das die Komplexitäten der Realität ausblendet und Eigenschaften, die sich außerhalb seiner Normierung bewegen, als Bedrohung wahrnimmt.
Genau an diesem Punkt kommt die eigentliche Problematik ans Licht: Unsere Gesellschaft sollte Vielfalt fördern und inkludieren – anstatt sie aktiv zu bekämpfen und zu glauben, dass Vielfalt etwas Problematisches wäre und die Lösung darin bestünde, sie verschwinden zu lassen. Dadurch werden Kinder und Jugendliche nicht geschützt. Im Gegenteil: Hiermit wird ihnen Teilhabe erschwert. Sie werden dessen beraubt, was eigentlich natürlich sein sollte: körperlicher (und zum Teil auch gesellschaftlicher) Selbstbestimmung.
In der Leitlinie wird zudem nicht erwähnt, dass intergeschlechtliche Kinder und Jugendliche vor Diskriminierung sowie Stigmatisierung geschützt werden sollten. Die Stellungnahme von TrIQ möchte diesen Punkt nochmals verdeutlichen – Selbstbestimmung, insbesondere über den eigenen Körper und Identität, geht uns alle an.
Unser Gast-Kommentator Julien Charles ist Vorstand und Peerberater bei TrIQ Berlin e.V.
Links zum Thema:
» Die Stellungnahme von TransInterQueer e.V. als PDF














