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Queere Kulturgeschichte
Was die Beziehung zwischen Achill und Patroklos für uns bedeutet
Von der Ilias über Shakespeare bis zu Hollywood – set 3.000 Jahren ringt die Welt mit der Frage, was Achill und Patroklos füreinander waren. Doch es geht um weit mehr als um die Frage nach queerer Sichtbarkeit.

Die Sosias-Schale mit der intimen Darstellung des verwundeten Patroklos, dem Achill den Arm verbindet, zählt zu den kostbarsten Exponaten im Alten Museum Berlin (Bild: Altes Museum / wikipedia)
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24. Januar 2026, 09:03h 5 Min.
Seit nunmehr über 3.000 Jahren beschäftigt sich die westliche Literatur mit der Beziehung zwischen den Griechen Achill und Patroklos. Für die queere Kulturgeschichte ist sie von besonderer Bedeutung – nicht trotz, sondern wegen eines Problems, das sie von Anfang an begleitet. In Homers "Ilias", der frühesten überlieferten Quelle, begegnen wir einem Verhältnis von äußerster Intimität, das sich weder als Freundschaft noch als Liebesverhältnis eindeutig fassen lässt.
Zu dieser Unbestimmtheit gesellt sich eine weitere Irritation. Selbst wenn es sich um eine libidinöse Beziehung zwischen Achill und Patroklos handelt, entspricht sie nicht dem in der klassischen griechischen Kultur verbreiteten Modell pädagogisch-erotischer Bindungen, das auf einer klaren Hierarchie von Alter, Status und Rolle beruht. Zwar erscheint Patroklos als der Ältere, doch Achill ist der überlegene Krieger; zwar folgt Patroklos Achill, doch ist er zugleich dessen moralisches Korrektiv und emotionaler Halt. Die Rollen sind nicht eindeutig verteilt, sondern ineinander verschränkt. Gerade diese Brechungen machen die Beziehung erzählerisch so reizvoll – und zugleich irritierend, weil sie sich den Erwartungen entzieht.
Top-Bottom-Debatte schon in der Antike
Schon in der Antike ist die Ambivalenz der Beziehung umstritten. Platon und Aischylos versuchen, Achill und Patroklos in die damals vertrauten Kategorien einzuordnen. Ihre Vorstellungen darüber, wem von beiden welche Rolle zukommt, sind dabei entgegengesetzt: Während für Aischylos Achill den führenden Part einnimmt, kehrt Platon die Hierarchie um und sieht Patroklos in der dominanten Position. Andere zeitgenössische Autoren hingegen sprechen dem Verhältnis jegliche erotische Verbindung ab. Eine Liebesgeschichte jenseits der klassischen Machtverhältnisse erscheint offenbar unmöglich.
Im Mittelalter bedeutet der Übergang zur christlich geprägten Welt eine tiefgreifende Veränderung in der Wahrnehmung von Körper, Begehren und Heldentum. Homer gerät weitgehend in Vergessenheit. Die Ilias ist nur über sekundäre Quellen oder lateinische Zusammenfassungen bekannt, und die Beziehung zwischen Achill und Patroklos findet kaum noch Erwähnung. Doch ganz in Vergessenheit gerät sie nicht: In der Renaissance erwacht das Interesse erneut.

Szenen mit Achill und Patroklos aus dem deutschen Stummfilm "Helena" (1924)
Für Shakespeare waren sie ein schwules Paar
In Shakespeares ambivalenter Antikriegssatire "Troilus und Cressida" werden Achill und Patroklos eindeutig als ein schwules Paar markiert, offenbart in den verächtlichen und homophoben Äußerungen ihrer Mitstreiter. Da klagt Odysseus gegenüber Agamemnon, dass die beiden "auf einem Lotterbett den lieben langen Tag freche Possen treiben", während der Demagoge Theresites ihre Liebe als "widernatürlich" bezeichnet und Patroklos als "männliche Hure" beschimpft.
In der Romantik verschiebt sich wiederum der Blick: Die Antike dient nicht mehr allein der historischen Erzählung und Deutung, sondern wird für die eigene Zeit als ästhetischer Zufluchtsort vereinnahmt – für ein Begehren, das im zeitgenössischen Umfeld keinen legitimen Ausdruck findet. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Archäologe Johann Joachim Winckelmann, der im 18. Jahrhundert die moderne Kunstgeschichte begründete und in seiner Antikenrezeption den männlichen Körper idealisiert und homoerotisch auflädt. In der englischen Romantik findet diese Bewegung bei Lord Byron eine literarische Entsprechung: Achill und Patroklos werden zu Projektionsfiguren von Exzess und schwuler Leidenschaft, wenngleich sich dies nur verschlüsselt äußern darf – im Pathos des Heroischen, in der Bewunderung des männlichen Körpers, in Metaphern von Freundschaft, Treue und Opfer. Ein offenes Bekenntnis bleibt undenkbar.
Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird die überlieferte Beziehungsgeschichte vereindeutigt. In seinem actionreichen Hollywood-Streifen "Troja" eliminiert Wolfgang Petersen jegliche homoerotischen Untertöne und stellt das Verhältnis von Achill und Patroklos auf eine verwandtschaftliche Grundlage: die beiden sind lediglich Cousins – eine Deutung, für die es in der Literaturgeschichte kein Vorbild gibt.

Achilles beklagt den Tod von Patroklos: Gemälde des russischen Malers Nikolai Nikolajewitsch Ge aus dem Jahr 1855
Madeline Miller erzählt eine gleichgeschlechtliche Liebesgeschichte
Die Altphilologin und Schriftstellerin Madeline Miller hingegen bleibt mit ihrem Roman "Das Lied des Achill" aus dem Jahr 2011 im Rahmen der epischen Tradition, wobei sie unmissverständlich eine gleichgeschlechtliche Liebesgeschichte erzählt. Miller fügt fiktive Elemente hinzu, wie etwa eine gemeinsame Kindheit von Achill und Patroklos, sowie explizite Romantik und schwules Begehren. Dabei dienen ihre Eingriffe der Schärfung der Charaktere, nicht der Verfälschung des Mythos. Die beiden Protagonisten begegnen sich von Anfang an auf Augenhöhe – ihre Beziehung ist ausdrücklich nicht hierarchisch angelegt, sondern wird als eine gleichwertige und komplex ineinandergreifende Bindung zweier gleichaltriger Prinzen gezeichnet. Überzeugend gerät in Millers Bestseller auch der Bezug des queeren Paars zu den weiblichen Figuren.
Souveräner als in anderen Nacherzählungen und Varianten des Ilias-Mythos weiß Miller jene überlieferte Episode aus dem Leben Achills zu erzählen, bei der ihr Titelheld zum Zwecke der Täuschung die Identität des Mädchens Pyrrha annimmt und auf einer Insel versteckt wird, um dem Krieg zu entgehen. Dabei tritt er im Rahmen einer Tanzdarbietung in einem Frauengewand auf – eine Szene, die Miller durchaus mit Humor schildert, ohne dabei in einen Slapstick-Modus zu verfallen.
Lediglich mit der kurzen, jedoch heftigen Äffäre zwischen Achill und der Amazone Penthesilea auf dem Schlachtfeld des Trojanischen Krieges kann Miller nicht so recht etwas anfangen – vermutlich verkürzt sie sie deshalb auf eine halbe Seite in ihrem ansonsten recht umfänglichen Roman. Dabei wäre diese Nebenhandlung der Ilias durchaus anschlussfähig im Sinne einer queeren Interpretation.
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Warum die Erzählung von Achill und Patroklos bedeutsam bleibt
In seinem Buch "Mein Jahr mit Achill. Die Ilias, der Tod und das Leben" schildert der Philologe Jonas Grethlein die Episode mit Penthesilea als einen grausamen, aber bedeutenden Akt der Erkenntnis, der dem Kriegsgeschehen einen thematischen Kontrapunkt setzt: In dem Moment, als Achill die Amazone tötet, fühlt er sich tief zu ihr hingezogen – Liebe und Begehren entfalten sich erst im Bewusstsein von Endlichkeit, doch in diesem Fall ist es zu spät. Auch im Verhältnis von Achill zu Patroklos lässt erst dessen unerwarteter Verlust die existenzialistische Dimension seiner Verbindung deutlich werden.
Auch dieser Aspekt berührt queere Kulturgeschichte: Wo Begehren historisch verfolgt, pathologisiert oder unsichtbar gemacht wird und sich fortgesetzt mit seiner Endlichkeit konfrontiert sieht, bleibt es oft flüchtig, riskant und intensiv – gespiegelt in einer Ästhetik des Rauschs und der Ekstase. Darum bleibt die Erzählung von Achill und Patroklos in all ihren Facetten bedeutsam – nicht zuletzt, weil Queerness von Anfang an in die Weltliteratur eingeschrieben ist.
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