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Kommentar

Links ist woke!

Die Linke darf auf die "Wokeness"-Debatte nicht hereinfallen. Sie muss jeden Angriff auf sexuelle Minderheiten und Menschen jenseits der Heteronormativität zurückweisen – weil es ums Ganze geht!


Symbolbild: Mitglieder der Linkspartei mit dem Transparent "Queer sein ist keine Phase! Kapitalismus schon" beim CSD Freiburg 2023 (Bild: IMAGO / dieBildmanufaktur)

  • Von Detlef Grumbach
    25. Januar 2026, 04:52h 11 Min.

In liberalen und linken Kreisen wird seit einiger Zeit diskutiert, ob die "woken" Bewegungen, die lautstark die Rechte rassistisch und sexistisch ausgegrenzter, diskriminierter und herabgewürdigter Personen vertreten, nicht eigentlich für den Aufstieg der AfD verantwortlich seien. Aus linker Perspektive wird ihnen vorgeworfen, dass sie sich individuelle Aspekte ihrer Identität herausgreifen (Hautfarbe, sexuelle Orientierung, …) und daran ihren Opferstatus festmachen würden. So sähen sich einzelne Individuen unter einzelnen Aspekten als Opfer aller übrigen. Damit würde der Universalismus der emanzipatorischen Bewegungen, der Anspruch, die Herrschaft des Menschen über den Menschen generell zu überwinden, aufgegeben, die Gesellschaft und die sozialen Bewegungen gespalten und jedweder gemeinsame Fortschritt verhindert. "Links ist nicht woke", sagt deshalb Susan Neimann in ihrer vieldiskutierten Streitschrift.

Doch neu ist das nicht. Dasselbe hat schon Sahra Wagenknecht vor vier Jahren in ihrem Buch "Die Selbstgerechten" festgestellt. Da war sie noch Spitzenkandidatin der Linken für den Landtag in NRW. Sie spricht von der "Normalbiografie", dem "Normalarbeitsverhältnis" und der "Normalfamilie" (S. 65), dagegen aber auch von "skurrile[n] Minderheiten, die für sich in Anspruch nehmen, Opfer zu sein" (S. 102), meint damit Lesben, Schwule, Bisexuelle und trans Personen, die selbstbewusst auftreten und eine auch in nicht-verletzender Sprache sich ausdrückende Akzeptanz einfordern.

Queere Menschen sind tatsächlich Opfer

Die Pauschalkritik an "woken" Bewegungen geht an zwei bedeutsamen Tatsachen vorbei: Erstens sind queere Personen tatsächlich Opfer – und das in einem rasant wachsenden Ausmaß. Zweitens sind die als "woke" kritisierten Emanzipationsbewegungen keine homogenen Gebilde.

Hasskriminalität gegen Lesben, Schwule und Bisexuelle ist 2024 gegenüber 2023 um 18 Prozent auf 1.765 Fälle gestiegen, die gegenüber der wesentlich kleineren Gruppe der trans Personen um 35 Personen auf 1.153 Fälle (Quelle: BKA). Unterschiedliche Erfassungsmuster machen langfristige Vergleiche ungenau. Das BKA geht von einer Verzehnfachung seit 2010 aus. Die Betroffenen nehmen nichts anderes für sich in Anspruch als ihre Bürger- und Menschenrechte. Die meisten Angriffe kommen von rechten Gruppen: Die AfD will einen völkischen, nationalen Staat errichten, der auf eine heroische Geschichte zurückblickt, dessen Stütze das Patriarchat und dessen Keimzelle die traditionelle Familie mit den traditionellen Geschlechterrollen ist – Mann und Frau, sonst nichts. Im Kampf um politischen Einfluss und Macht knüpft sie an Stimmungen, Verunsicherungen und Gefühle an, die auch im konservativen und sogar im liberalen politischen Lager vertreten sind. Damit strebt sie nach kultureller Hegemonie, der "Lufthoheit" über die Stammtische, und kocht die konservative Rechte weich, damit diese ihr den Weg zur Macht (-beteiligung) öffnet.

Zugleich verfolgt sie aber Kernbereiche ihrer inhaltlichen Agenda. Ihre Kampagnen gegen eine "Umvolkung" und zur Migrationspolitik sind nur Beispiele. Genauso bemüht sie den "gesunden Menschenverstand", um Gender-Verbote oder das Hissen von Regenbogenfahnen auf öffentlichen Gebäuden zu verhindern. Sie macht gegen das Selbstbestimmungsgesetz mobil und zieht die Probleme von trans Menschen ins Lächerliche.

Die Emanzipationsbewegungen sind keine homogenen Gebilde

Doch die als "woke" kritisierten Emanzipationsbewegungen sind sehr verschieden. So lassen sich tatsächlich Bereiche beobachten, in denen die Parzellen wie in einem Kleingarten immer kleiner und die Hecken höher werden. Es gibt Diskussionen, in denen Betroffene sich verrennen, in Grabenkämpfen verzetteln und außen nur noch ein Kopfschütteln hervorrufen. Andere Bewegungen bleiben in einem lediglich formal an Bürger- und Menschenrechten orientierten Ansatz stecken und vernachlässigen die soziale Frage nach den Bedingungen, unter denen Bürgerrechte überhaupt wahrgenommen werden können.

Bedeutsame Teile der Emanzipationsbewegungen orientieren sich aber traditionell an der politischen Linken und suchen die Verbindung ihrer Kämpfe mit denen um soziale Gerechtigkeit. Dabei sind sie allerdings nicht immer auf Gegenliebe gestoßen – und tun dies auch heute nicht, wenn sich linke Kräfte plötzlich Sorgen machen, ob es nicht die sogenannten Woken sind, die den Aufstieg der AfD zu verantworten haben.

Die Zeit der "Nebenwidersprüche" ist vorbei

Schon in den 70ern war innerhalb der westdeutschen Linken von "Nebenwidersprüchen" die Rede, als die Frauen-, Lesben- und Schwulenbewegungen sich zu Wort meldeten. Erst müsse der Hauptwiderspruch, die Klassenfrage gelöst werden, dann kommen die anderen dran. Auch heutzutage gilt: Die Arbeiterklasse oder die Klasse der abhängig Beschäftigten repräsentiert zwar die Mehrheit der Gesellschaft. Aber wer die in der Mehrheit existierenden sexistisch oder rassistisch motivierten Abwertungen und Unterdrückungen ignoriert, den Betroffenen nicht zur Seite steht und sie auf den St.-Nimmerleinstag vertröstet, wird sie nur schwer für den gemeinsamen Kampf gewinnen können.

Wer den Begriff "Universalismus" im Munde führt und einen umfassenden Begriff von Emanzipation ernst nimmt, sollte eine Hierarchisierung von Betroffenheiten überwinden und an der sozialen Verwirklichung der Menschenrechte arbeiten. Sonst betreibt er – in Abgrenzung von den Volksparteien, die das von Ludwig Erhard propagierte Konzept der "formierten Gesellschaft" vertreten und auf deren Seite sich auch die SPD geschlagen hat – selbst eine bornierte Identitätspolitik. Er spaltet die Bewegung. Klassismus, Rassismus und Sexismus lassen sich nur in solidarischen Bündnissen erfolgreich bekämpfen.

Die emanzipatorischen Bewegungen sollten sich auch daran messen lassen, ob sie ihr Ziel einer solidarischen Gesellschaft im gemeinsamen Kampf schon antizipieren. Die Probleme rund um die "Nebenwidersprüche" schienen in den 90ern und Nullerjahren trotz mancher Bauchschmerzen eigentlich gelöst. Warum tat sich die Linke aber lange schwer damit, die Frauen-, Lesben- und Schwulenbewegung als Partner*innen zu begreifen, warum fällt sie heute auf die Debatte über "Wokeness" herein? Wo liegen die Perspektiven eines solidarischen Kampfes um umfassende Emanzipation? Welche Rolle spielt dabei der Begriff "queer"?

Der Begriff "queer" hat viele Bedeutungen

"Queer" ist kein Begriff, der einmal definiert und damit geklärt ist. Er hat sich historisch herausgebildet, wird in verschiedenen Denkrichtungen weiterentwickelt und tritt heute in sehr unterschiedlichen, teils widerstreitenden Bedeutungen auf. Der queerpolitischer Ansatz hat sich in den USA entwickelt – vor dem Hintergrund, dass sich dort Sexismus, Rassismus und Klassismus in virulenter Weise überlagern.

Motor der Entwicklung war die Aids-Krise in den 80ern: Die Frage des Zugangs zu medizinischer Versorgung in einem nur rudimentär entwickelten öffentlichen Gesundheitssystem wurde zu einer Frage von Leben oder Tod. Es ging auch um die Frage, wie schwarze Männer, die Sex mit Männern haben, vor ihrem kulturellen und oft stark religiös geprägten Hintergrund ein schwules Selbstbewusstsein entwickeln können und für Prävention erreichbar sind. Mehrfachbetroffenheiten erforderten differenzierte politische Strategien und gleichermaßen eine neue Qualität von Bündnissen. Hierarchien, Unterdrückung und Ausgrenzung brauchen den Unterschied.

"Queer" wurde zum gemeinsamen Begriff für Individuen, die sich buchstäblich quer oder schräg zu den gesellschaftlichen Hierarchien eines rassistischen heteronormativen Patriarchats und einer ausgeprägten Klassengesellschaft bewegen. Damit verbunden ist der Begriff der Intersektionalität, also von verschiedenen nebeneinander existierenden Aspekten einer Identität, die sich überlagern und in unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen eine unterschiedlich gewichtete Rolle spielen: Die Aspekte von Ethnie und Geschlecht beispielsweise treten im Verhältnis der weißen Managerin zu ihrem schwarzen Fahrer zurück.

Queer bedeutet in diesem Sinn also nicht die bloße Addition verschiedener Aspekte unterdrückter oder marginalisierter Identitäten, sondern eine neue Qualität. Sie ist die Antwort auf die Grenzen einer eng fokussierten Identitätspolitik und denkt die hierarchischen Verhältnisse, auch die klassistischen, zusammen. So sehen es zumindest linke Ansätze einer queeren Theorie und Praxis, die das Queere mit einer marxistischen Gesellschaftsanalyse in Verbindung bringen.

Das Patriarchat passt sich an

Warum spielen diese Ansätze innerhalb der linken Diskussion um die Perspektiven einer organisierenden Klassenpartei kaum eine Rolle?

Anders als in den USA beschränken sich die Diskussionen über Queeres in der Bundesrepublik meist auf Geschlechterrollen und sexuelle Minderheiten. Der Prototyp der identitätspolitischen Bewegungen ist die Frauenbewegung. Seit fast 50 Jahren begleitet der von Florence Hervé mitbegründete, identitätsstiftende und -bestätigende Kalender "Wir Frauen" die Forderungen nach Quoten, gleichem Zugang zu Arbeit und gesellschaftlichen Positionen, gleicher Bezahlung, Selbstbestimmung über den eigenen Körper.

Die Frauenbewegung hat vieles erreicht. Der jährliche Equal Pay Day, die Forderung nach Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs oder die Thematisierung von Femiziden und Quoten zeigen aber auch: Als Antwort auf eine unausgesprochene, aber sehr erfolgreiche und wohl älteste identitätspolitische Bewegung des Patriarchats ist sie längst nicht am Ziel. Ein Grund dafür: Dem Patriarchat ist es gelungen, den herrschenden sexuellen und Geschlechterverhältnissen den Anstrich von Natürlichkeit und Normalität zu verleihen. Dabei ist unter den Tisch gefallen, dass sich diese Verhältnisse ebenso historisch und gesellschaftlich herausgebildet haben wie die Dichotomie von Mann und Frau und der abendländische Ausschluss von Trans.

Das "Unnatürliche" und "Perverse" wurde definiert

Dabei hat es bestimmte Formen sexueller Identitäten, das Prinzip der Liebesheirat und lebenslange monogame Ehe lange Zeit nicht gegeben. In Fürstenhäusern und Unternehmensdynastien wurde nach politischen und wirtschaftlichen Interessen geheiratet. Sie brauchten einen männlichen Erben und dem Herrn im Hause standen für die Befriedigung seiner sexuellen Gelüste eine ganze Reihe weiterer Möglichkeiten zur Verfügung. Noch der homosexuelle Alfred Krupp vergnügte sich auf Capri, während homosexuelle Arbeiter zu Hause unter dem Damoklesschwert des § 175 StGB lebten. Auf dem Land arbeiteten Männer, Frauen und Kinder, alles Weitere regelte – grob verkürzt – die Großfamilie oder die Dorfgemeinschaft. In diesem Rahmen galt die Moral der Kirchen.

Es war vieles möglich und etliches verboten, und wer sich strafbar machte, galt nicht als Vertreter einer eigenständigen "Art". Erst mit der Entwicklung des Kapitalismus, der Industrialisierung und der Konzentration eines Industrieproletariats in den Städten ergab sich die Notwendigkeit, die Verhältnisse zu ordnen, zu normieren und unter Kuratel zu nehmen. Die Kleinfamilie wurde zur "natürlichen Lebensform" erhoben, weil proletarische Familien auf engstem Raum in kleinen Wohnungen funktionieren, die Reproduktion der Ware Arbeitskraft sichern und das, was heute Care-Arbeit genannt wird, leisten mussten.

Um dieses System der "Natürlichkeit" bzw. der "Normalität" zu stabilisieren, entstanden Eheberatungsstellen und Sexualratgeber, wurde notwendigerweise auch das "Unnatürliche" und "Perverse" definiert. So wurde – im Strafrecht, in der Medizin und der Psychiatrie – der Homosexuelle als eigene Identität geschaffen.

Die sexuellen und Geschlechterverhältnisse der Gegenwart sind also eng mit der Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise verbunden. Die Paragrafen 218 und 175 StGB erfüllten in diesem Kontext ihre Zwecke und wurden deshalb von SPD und KPD bis 1933 als Instrumente der Klassenjustiz bekämpft. Die Veränderungen der Produktivkräfte, industrielle Revolutionen, neoliberale Entwicklungen verändern die Bedingungen der Reproduktion, die Forderung nach Flexibilität lassen beispielsweise die Bedeutung der (lebenslangen) Ehe zurückgehen. So ändern sich auch die Bedingungen der sexuellen Emanzipation – auch der heterosexuellen!

Die Buchstabenkette wurde und wird länger

Queer wurde in den 90ern und 2000er Jahren zu einem Sammelbegriff, der anfangs lediglich dazu diente, die gebetsmühlenhafte Wiederholung von "Lesben, Schwulen und Bisexuellen" etwas abzukürzen – alternativ zu "LSB" und dem dann doch für das Queere hinzukommende "Q". So wie sich Lesben- und Schwulenbewegung einst im Windschatten der Frauenbewegung zu Wort gemeldet haben, treten heute, im Zuge der Erfolge sexueller Emanzipationsbewegungen, weitere marginalisierte Minderheiten auf und pochen auf ihr Recht. Die Buchstabenkette wurde und wird länger.

Die Erfolge der Frauen-, Lesben- und Schwulenbewegungen bis hin zur Ehe für alle waren aber vor allem deshalb möglich, weil sie die Ehe als Grundpfeiler des Patriachats genauso wenig in Frage gestellt haben wie die Dichotomie von Mann und Frau. Ausnahmen bestätigen die Regel. Männer, die Männer lieben, und Frauen, die Frauen lieben, bleiben Männer und Frauen. Sie lassen sich, wenn auch unter Vorbehalten und auf nach wie vor gefährdete Weise, in dieses Konzept integrieren – trans Personen nicht. Mit der stärkeren Sichtbarkeit von trans Menschen wird die Grundlage des Patriarchats, das Konstrukt der Natürlichkeit von "Mann und Frau" grundlegend in Frage gestellt.

Was ist eine "richtige" Frau, was ein "richtiger" Mann? Wie verhalte ich mich in einer Unisex-Toilette? Wozu die ständige Frage nach dem Pronomen in den Vorstellungsrunden? Was darf ich noch sagen und womit grenze ich schon jemanden aus, trete in ein Fettnäpfchen, ohne es auch nur zu ahnen? Die Verunsicherung wächst nicht nur am rechten Rand, sondern auch in der Mitte und auf der linken Seite. Sie wächst vor allem dort, wo sie auf soziale Unsicherheit, Abstiegs- oder sogar Existenzängste trifft und sich diese Ängste gegenseitig verstärken.

Das nutzt die Rechte für ihre gezielten Provokationen und Falschmeldungen über alles, was ihrem völkischen Konzept entgegensteht: geschlechtersensible Sprache, Akzeptanz von queeren Menschen und anderen. Sie nutzt es aber genauso aus für ihr Programm der Spaltung, des Schürens von Neid und Missgunst zwischen unterschiedlichen, deklassierten gesellschaftlichen Gruppen. Sie wollen das Rad der Geschichte zurückdrehen.

Ein intersektionaler Ansatz ist notwendig

Dieser Strategie kann linke, emanzipative Politik nur mit geduldiger Aufklärungsarbeit entgegenwirken. Es geht um ein historisches Bewusstsein und darum, Begriffe wir Normalität und Natürlichkeit in Frage zu stellen. Als organisierende Klassenpartei (der abhängig Beschäftigten) muss sich eine linke Partei auch in dieser Frage von völkischen und Volksparteien abgrenzen, einen intersektionalen Ansatz zur Überwindung von Hierarchien und Erreichung einer umfassenden Emanzipation verfolgen. Das gilt zumal, weil die gegebenen heteronormativen Verhältnisse und das Patriarchat eng verbunden sind mit der Herausbildung kapitalistischer Produktions- und Klassenverhältnisse.

Die Linke muss jeden Angriff auf sexuelle Minderheiten und Menschen jenseits der Heteronormativität zurückweisen – nicht nur, weil sie sich solidarisch und schützend vor diese angegriffenen, verächtlich gemachten und diskriminierten Minderheiten stellt. Dieser Weg wird schon erfolgreich beschritten. Sie muss dies tun, weil es ums Ganze geht! In diesem Sinne gilt: "Links ist woke".

Dieser Text von Detlef Grumbach erschien zuerst unter dem Titel "Linke und 'Wokeness': Lasst euch nicht spalten!" in der Tageszeitung "nd".

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