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Komponist der Wiener Klassik

270 Jahre Mozart: Als sich Wolfgang Amadé in Thomas Linley verliebte

Am 27. Januar 1756 wurde in Salzburg das Wunderkind der europäischen Musikgeschichte geboren. In den gängigen Biografien wird meist unterschlagen, dass seine erste große Liebe einem gleichaltrigen Jüngling galt.


Mozart und Thomas Linley bei der Familie Gavard des Pivets in Florenz, unbekannter Künstler, 1770 (Bild: wikipedia)

Was in der Mozart-Rezeption bis heute kaum erwähnt wird: Die erste große Liebe des Jahrhundert-Komponisten galt dem gleichaltrigen Jüngling Thomas Linley – beide sind zu dieser Zeit 14 Jahre alt. Sie begegnen sich bei einem privaten Auftritt im April 1770 in Florenz und musizieren zweimal zusammen. Linley ist ein gutaussehender und charmanter Violinist aus England, für den Wolfgang entflammt – es ist das erste Mal in seinem Leben, dass er von leidenschaftlichen Gefühlen überwältigt wird. Die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit; die beiden jungen Männer herzen und umarmen sich unentwegt. Zum Abschied erhält Wolfgang von Thomas ein Gedicht, das einer Liebeserklärung gleichkommt. Tränen fließen.

Derlei emotionale Verbindungen unter jungen Männern sind zu damaliger Zeit durchaus etwas Besonderes, doch ein gesellschaftliches Tabu verletzen sie nicht – solange keine sexuellen Handlungen stattfinden. Dennoch gerät sein Vater Leopold Mozart aufgrund des Vorfalls derart aus der Fassung, dass er sich entschließt, die Freundschaft zu unterbinden. Wolfgang wird Thomas nie wieder begegnen, doch zeit seines Lebens eine schwärmerische Erinnerung an ihn behalten.

Wolfgang wurde inspiriert von zwei Kastraten

Als Wolfgang Mozart diese Erfahrung macht, ist er mit seinem Vater Leopold schon monatelang auf einer großen Italienreise. Im Dezember 1769 begann sie mit einer mühseligen Überquerung der Alpen – inmitten eines harten Winters. In Verona gibt Wolfgang sein erstes Konzert. Erstmals ist er für längere Zeit ohne Mutter und Schwester unterwegs. Er befindet sich im Stimmbruch und hat auch äußerlich längst nichts Kindliches mehr an sich. In einer Phase, in der sein Körper zur Auseinandersetzung mit seiner geschlechtlichen Identität drängt, verbringt er seine freie Zeit mit zwei Kastraten seines Alters. Ihre Gesellschaft inspiriert ihn offenbar, denn Wolfgang komponiert für die beiden unentgeltlich zwei Motetten.

Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits einen erstaunlichen Werdegang hinter sich. Schon im frühen Kindesalter war er durch seine außergewöhnliche musikalische Begabung aufgefallen, die er am Klavier, auf der Geige und später auch an der Orgel zum Ausdruck brachte. Er verfügte über einen kulturellen und räumlichen Erfahrungshorizont, der ohne Beispiel war. Er wurde von seinem Vater auf einer ersten großen Reise – von Wien über Paris bis nach London – an den Höfen zahlreicher Königs- und Fürstenhäuser als Wunderknaben vorgeführt, wo er mit einer verblüffenden Leichtigkeit seine Talente unter Beweis stellte. Dabei gab er erste eigene Kompositionen zum Besten, glänzte durch Kunststückchen mit verdeckter Tastatur, spielte prima vista von spontan vorgelegten Notenblättern und improvisierte so unbefangen wie hingebungsvoll, dass dem entzückten Publikum die Ohren unter den voluminösen Rokokoperücken schlackerten.

Väterlicher Ehrgeiz führt zu erstem Reinfall


Porträt von Mozart, etwa 1781 (Bild: Johann Nepomuk della Croce / wikipedia)

Noch bevor Wolfgang seinen zwölften Geburtstag erlebte, wurde er im Beisein seines Vaters bei einer Audienz von Kaiser Joseph II. dazu ermuntert, eine Oper für ein Wiener Theater zu komponieren. Sogleich sorgte der in seinem väterlichen Ehrgeiz beflügelte Leopold dafür, dass sich sein Sohn an die Vertonung eines Librettos machte, beruhend auf einer literarischen Vorlage von Carlo Goldoni. Doch damit stieß das Wunderkind-Projekt des Vaters an Grenzen – nach quälend langem Hin und Her wurde die Aufführung von "La finta semplice" ("Die verstellte Einfalt") abgesagt.

Der Grund dürfte wohl kaum allein an fehlendem Wohlwollen gegenüber dem jungen Wolfgang gelegen haben, wie sein Vater argwöhnte. Eher war der knapp Zwölfjährige mit der Aufgabe überfordert, für ein von erotischen Intrigen handelndes Werk das richtige Gespür zu entwickeln – bei aller Virtuosität der Komposition blieben die Figuren hölzern und klischeehaft. Auch wenn das Stück nach langem Ringen Leopolds schließlich in der Salzburger Residenz aufgeführt wurde, begriff der Vater nun, dass es eines neuen Kraftaktes bedurfte, um seinem Sohn den Übergang in eine Erwachsenen-Karriere zu ermöglichen. Sein Hauptaugenmerk richtete er nun auf das Musikdrama als künstlerische Königsdisziplin – eine Erkundungs- und Konzerttournee in das Mutterland der Oper sollte nun den ersehnten Durchbruch bringen. Mit Erfolg: In Mailand werden in den nächsten Jahren drei Opern von ihm aufgeführt, und zweifellos sind sie ein Erfolg am Uraufführungsort, werden jedoch nirgends nachgespielt.

"Leck mir den Arsch fein recht schön sauber"

Den ehrgeizigen Vater stellt das nicht zufrieden. Für Leopold ist das eher ein Signal, dass er seinen Sohn weder beruflich noch privat sich selbst überlassen darf. Bis zu seinem Lebensende wird er nicht müde, auf Wolfgangs emotionales Leben massiv Einfluss auszuüben und ihn zu manipulieren. So fürchtet er, der künstlerische Antrieb seines Sohnes werde erlöschen, sobald dieser seine Aufmerksamkeit zu sehr auf die Erfüllung leidenschaftlichen Begehrens richte. Der Eifer des Vaters bleibt nicht ohne Wirkung, denn auch wenn sich Wolfgang – nach wenigen glücklosen Romanzen und Affären mit verschiedenen Frauen – über diesen letztlich hinwegsetzt und gegen dessen ausdrücklichen Willen mit Constanze Weber eine Liebesheirat eingeht, so nistet sich in seinem Herzen doch eine unstillbare Sehnsucht ein. Seit frühster Kindheit quält ihn das Gefühl, um seiner selbst willen nicht genug geliebt und anerkannt zu werden.

Diese innere Zerrissenheit prägt ihn und seine Arbeit genauso wie seine Auseinandersetzung mit dem Tod. Dieser zeigt sich bereits bei seiner Geburt allgegenwärtig, denn mit Ausnahme von ihm und seiner Schwester Maria Anna haben fünf andere Geschwister das erste Lebensjahr nicht überstanden – Wolfgangs Mutter empfindet das als eine familiäre Katastrophe, obgleich die Kindersterblichkeit zu der Zeit sehr hoch ist. Auch vier von Wolfgangs und Constanzes sechs Kindern fallen einem frühen Tod zum Opfer. Aller Bitterkeit zum Trotz bewahrt sich Wolfgang einen kindlichen Hanswursthumor, der mitunter ins Derbe abgleitet. Der von ihm erdichtete Text des Kanons "Leck mir den Arsch fein recht schön sauber" ist dafür nur eines von vielen Beispielen.

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Queere Aspekte in manchen Opernfiguren

Meist bleibt sein Witz jedoch subtil. Vor allem in seinen späteren Opern freut er sich diebisch daran, die gängigen Konventionen zu hintertreiben. Sein Markenzeichen ist es, das Publikum musikalisch zu manipulieren und dessen Erwartungen ins Leere laufen zu lassen. So wird etwa ein Moment von höchster, berührender Wahrhaftigkeit wenige Takte später durch das Erklingen eines Akkords konterkariert, der eine völlig andere emotionale Wahrheit verrät. Dies entspricht der typisch Mozartschen Ironie in der Musik, die nicht sarkastisch gemeint ist, sondern um die Verletzlichkeit und Flüchtigkeit von Gefühlen weiß und die gesellschaftlichen Konventionen durchschaut.

Bei genauem Hinhören lassen sich auch queere Aspekte in manchen seiner Opernfiguren entdecken: Don Giovannis ergebener Diener Leporello ist dafür ein Beispiel, oder auch der zum Brachialen neigende Haremswächter Osmin, der in der "Entführung aus dem Serail" als hypersexualisierte Projektionsfläche für europäische Fantasien vom muslimischen Mann dient.

Indem sich Mozart über das strenge Regelwerk des italienischen Musikdramas hinwegsetzte und zudem das deutsche Singspiel zu höchster Vollendung führte, hat er sich als einer der wichtigsten Akteure in die Operngeschichte eingeschrieben. Bei allen Erfolgen, die er während seines kurzen Lebens feierte, folgte eine angemessene Anerkennung seines Schaffens erst nach seinem frühen Tod mit gerade mal 35 Jahren in Wien.

Für diesen Beitrag wurde ein erstmals im Opernführer "Casta Diva" erschienener Text neu bearbeitet.

-w-