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Buchtipp

Ja, es gibt schwule Rentierzüchter!

Der neue Jugendroman "Himmelsfeuer" von Moa Backe Åstot zeigt die Ambivalenz, an einem Ort wie Jokkmokk aufzuwachsen: ihn zu lieben, ohne dort zwangsläufig zu bleiben oder in die Metropole als vermeintlichen queeren Sehnsuchtsort fliehen zu müssen.


Symbolbild: Rentiere auf einer Weide (Bild: jg / unsplash)

"Gibt es homo­sexuelle Rentierzüchter?" – mit dieser scheinbar schlichten, tastenden Frage auf einem Online-Portal beginnt der neue Roman "Himmelsfeuer" (Amazon-Affiliate-Link ). Und sofort ist klar: Es geht um mehr als eine Suchanfrage. Es geht um Existenz. Um Sichtbarkeit. Um das verzweifelte Hoffen, nicht allein zu sein.

Ánte ist in seinen besten Freund Erik verliebt. Erik jedoch lebt in einer heterosexuellen Beziehung mit Julia und bleibt in allem, was sein Innenleben betrifft, eine verschlossene Landschaft. Um Ánte herum: Schnee, der alles dämpft. Zugefrorene Seen. Eisige Temperaturen, gegen die man sich nur mit dicken Schichten wappnen kann. Er liebt die Rentierfarm, die Weite der Natur, das Zugeschneite, die Sterne über Jokkmokk. Und doch wird er in eine Entscheidung gedrängt, die sich anfühlt wie ein Entweder-oder: Queerness oder Herkunft. Begehren oder Gemeinschaft.

Moa Backe Åstot erzählt aus ihrer eigenen Tradition heraus


Der Roman "Himmelsfeuer" erscheint am 29. Januar 2026 bei dtv

Ántes Familie gehört den Sami an; einige Sätze sind im Buch auch auf Sami abgedruckt, einer Sprache, die eng mit dem Finnischen verwandt ist. Die Sami sind ein indigenes Volk Skandinaviens und leben heute vor allem in Schweden, Norwegen und Finnland sowie in Russland. Auch die Autorin Moa Backe Åstot gehört den Sami an – und sie scheut sich nicht, die Gewaltgeschichte dieser Zugehörigkeit mitzuerzählen. Sie verweist auf die Rassenbiologie von Herman Lundborg, der in den 1920er und 1930er Jahren Leiter des Staatlichen Instituts für Rassenbiologie in Uppsala war und behauptete, dass sich die "schwedische Rasse mit vermeintlich minderwertigen Rassen vermischte". Ein bitterer, schmerzhafter Verweis auf weltweite koloniale und rassistische Praktiken, deren Folgen bis heute nachwirken: in der Selbstwahrnehmung indigener Gemeinschaften, in strukturellem Schweigen, in mangelnder Aufarbeitung und bis heute unzureichenden Reparationen.

Gerade darin liegt der kluge Clou dieses Romans: Moa Backe Åstot erzählt aus ihrer eigenen Tradition heraus – und entwirft dennoch eine universell verständliche, leise queere Geschichte. Eine Geschichte vom Aufwachsen in konservativen, traditionsreichen Umfeldern, mit denen man nicht nur Schmerz, sondern auch Wärme, Schönheit und Zugehörigkeit verbindet. Wenn eine queere Figur, die an der sozialen Ächtung zerbrochen ist, zu Ánte sagt, "Versprich mir, dass du mutiger bist als ich", dann sind das Worte, die lange nachhallen. Worte, die vielen queeren Menschen aus der Seele sprechen.

Man fühlt mit Ánte und hofft mit ihm

"Himmelsfeuer" ist ein ruhiges, unaufgeregtes Buch, getragen von einem klaren, leichten Schreibstil. Man fühlt mit Ánte, man bleibt bei ihm, man friert und hofft mit ihm. Ich bin an einem winterlichen Nachmittag förmlich durch die Seiten geflogen.

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Ja, einige Nebenfiguren bleiben eher skizzenhaft: Cousine Ida, die Ánte zum Outing überzeugen will; die männlichen Freunde der Clique – Erik, Juhán und Máhttu -, die sich klischeehaft zum FIFA-Zocken treffen und vor allem Alkohol und Mädchen im Kopf haben; oder die Eltern, von denen sich Ánte entfremdet, aus Angst vor der sozialen Ächtung durch die Gemeinschaft. Hier hätte ich mir gewünscht, dass das Werk stärker bei den Konsequenzen verweilt. Denn Homophobie verschwindet nicht einfach. Sie bleibt – im Ungesagten, in argwöhnischen Blicken, in einer Kälte, die nicht nur meteorologisch ist.

Am stärksten und nachhaltigsten in Erinnerung bleibt mir die Figur der Großmutter Áhhko: eine ruhige Seele, die ihrem Enkel Beistand leistet und über die familiäre Vergangenheit der Sami aufklärt. In ihren Begegnungen verdichtet sich, was dieses Buch auszeichnet: Zärtlichkeit ohne Verklärung, Erinnerung ohne Pathos.

Es darf beides existieren – und genau darin liegt der Mut dieses Romans. "Himmelsfeuer" zeigt die Ambivalenz, an einem Ort wie Jokkmokk aufzuwachsen: ihn zu lieben, ohne dort zwangsläufig zu bleiben oder in die Metropole als vermeintlichen queeren Sehnsuchtsort fliehen zu müssen. Und es zeigt etwas ganz Einfaches, fast Radikales: Dass es schwule Rentierzüchter gibt.

Infos zum Buch

Moa Backe Åstot: Himmelsfeuer. Roman. Aus dem Schwedischen von Anu Stohner. 256 Seiten. Reihe Hanser. dtv Verlagsgesellschaft. München 2026. Taschenbuch: 16 € (ISBN: 978-3-423-65048-9). E-Book: 12,99 €

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