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Kommentar

"Vater, Mutter, möglichst viele Kinder": Staatlich verordnete Unmündigkeit

Das Familienbild im Entwurf des AfD-"Regierungsprogramms" für Sachsen-Anhalt ist rückwärtsgewandt, weil es ausgrenzt; reaktionär, weil es Angst in Moral übersetzt; und absurd, weil es Denken durch Parolen ersetzt.


Symbolbild: Protestschild "FCK AFD" beim Berliner CSD 2025 (Bild: IMAGO / Emmanuele Contini)

Die Keimzelle des Menschen ist jetzt auch rückwärts kompatibel. Die "Familie als Keimzelle der Gesellschaft" – das klingt zunächst nach Bio-Unterricht in der siebten Klasse. Doch was die AfD Sachsen-Anhalt in ihrem Wahlprogramm meint, ist kein pädagogisches Hilfsmittel, sondern ein politisches Reagenzglas. Hinein darf nur, was genetisch, moralisch und ideologisch normgerecht ist: Vater, Mutter, möglichst viele Kinder. Alles andere gilt als Ausschlag, Mutation oder – noch schlimmer – Lebensentwurf.

Zubehör wie Liebe, Zuneigung oder freie Entscheidung sind optional, aber nicht systemrelevant. Wer davon abweicht, gilt als Fehlproduktion. Familie ist hier kein soziales Verhältnis, sondern eine staatlich erwünschte Serienfertigung. Abweichungen werden nicht als Realität wahrgenommen, sondern als Defekt. Regenbogenfamilien, Alleinerziehende, kinderlose Paare – das sind in diesem Weltbild keine Menschen, sondern Betriebsstörungen.

Familie ist hier kein Ort von Zuneigung, sondern eine demografische Pflichtübung. Wer liebt, ohne zu reproduzieren, handelt staatsfeindlich. Wer Kinder hat, aber allein, macht es falsch. Und wer glücklich ist, ohne in dieses Raster zu passen, macht sich verdächtig.

Demografischer Wandel oder: Das große Verschwinden

"Überalterung und Aussterben des Deutschen Volkes" – selten wurde ein statistisches Phänomen so dramatisch ins Reich der Endzeitmythen überführt. Man sieht förmlich die Sanduhr einer sterbenden Nation, daneben tickt die Uhr der Geschichte, und irgendwo im Hintergrund spielt Wagner.

Schuld an allem sollen "sexuelle Abweichungen" sein. Offenbar führen lesbische Paare und schwule Männer seit Jahren einen geheimen Feldzug gegen den Nachwuchs, bewaffnet mit Reproduktionsunlust, Latte macchiato und Ikea-Möbeln. Dass Geburtenraten vor allem mit Bildung, ökonomischer Sicherheit und Gleichstellung zusammenhängen, wäre empirisch belegbar – aber Empirie hat bekanntlich den Nachteil, dass sie nicht empört.

Dass moderne Gesellschaften nicht deshalb weniger Kinder bekommen, weil sie zu liberal sind, sondern weil Frauen nicht mehr gezwungen werden, ihr Leben der Gebärfähigkeit unterzuordnen, ist eine Erkenntnis, die man wissen könnte. Man müsste allerdings lesen – und denken.

Die Fortpflanzungspflicht der Bürger*innen

Im Weltbild der AfD ist der Mensch vor allem eines: ein Mittel. Nicht zum Zweck seiner selbst – das wäre ja Aufklärung und Kant -, sondern zum Zweck einer völkisch gedachten Zukunft. Kinder werden nicht um ihrer selbst willen gewünscht, sondern als Beitrag zur nationalen Bestandswahrung. Liebe ist erlaubt, solange sie produktiv ist. Sexualität ist akzeptabel, sofern sie Ergebnis bringt. Kant hätte höflich gefragt, ob wir hier über Menschen oder über Viehzucht sprechen. Denn wer den Einzelnen auf seine Reproduktionsleistung reduziert, verabschiedet sich nicht nur von der Aufklärung, sondern auch von der Idee der Würde.

Im Familienbild der AfD ist der Mensch also kein Zweck an sich, sondern lediglich Mittel zur Bestandssicherung eines imaginierten Kollektivs. Kinder werden nicht geliebt, sondern benötigt. Sexualität wird nicht gelebt, sondern bewertet. Würde existiert nur, solange sie nützlich ist. Immanuel Kant hätte das höflich, aber bestimmt als moralischen Offenbarungseid bezeichnet. Wer Menschen nach ihrer Reproduktionsleistung taxiert, verabschiedet sich nicht nur von der Aufklärung, sondern auch von jeder ernst zu nehmenden Ethik.

Russland – das leuchtende Vorbild der Finsternis

Besonders aufschlussreich ist der Blick nach Osten. Die AfD wendet sich gegen die "staatliche Bewerbung alternativer Lebensentwürfe" – ein Satz, der so harmlos klingt wie ein Werbeverbot für Lakritze. Gemeint ist jedoch das russische Modell: Dort gilt queeres Leben als "Propaganda", Sichtbarkeit als Straftat, Existenz als Provokation. Dass die AfD sich am russischen Modell orientiert, ist folgerichtig. Dort ist queeres Leben keine Lebensform, sondern ein Ordnungsproblem. Sichtbarkeit gilt als Provokation, Liebe als Propaganda, Existenz als Verdacht.

Der Staat erzieht, indem er verbietet. Er schützt, indem er verfolgt. Und er nennt das dann Tradition. Das ist keine Familienpolitik, das ist Sozialdisziplinierung und eine Pädagogik der Angst. Der Staat entscheidet, welche Liebe erlaubt ist und welche nicht. Freiheit wird durch Ordnung ersetzt, Vielfalt durch Schweigen. Kant nannte so etwas Unmündigkeit – allerdings nicht selbst verschuldet, sondern staatlich verordnet.

Aufklärung – ein gefährliches Gedankengut

Der Humanismus der Aufklärung ist unerquicklich für autoritäre Fantasien. Er behauptet nämlich, dass Menschen verschieden sein dürfen. Dass Familie dort entsteht, wo Verantwortung übernommen wird, nicht wo Chromosomen korrekt angeordnet sind. Dass Gesellschaft kein Biotop ist, das vor Abweichungen geschützt werden muss, sondern ein Raum, der von Zuneigung und Vernunft lebt.

Eine aufgeklärte Gesellschaft misst ihren Erfolg nicht an der Anzahl normierter Geburten, sondern an der Freiheit ihrer Bürger*innen. Sie weiß: Vielfalt ist kein Verfallszeichen, sondern ein Stabilitätsfaktor. Wer das nicht versteht, verwechselt Homogenität mit Halt. Für autoritäre Bewegungen ist das unerträglich. Denn wer denkt, lässt sich schwerer lenken. Wer frei lebt, eignet sich schlecht als Projektionsfläche.

Schlussfolgerung: Mehr Kant, weniger Keimzelle

Das Familienbild der AfD ist kein Schutzraum, sondern ein Schrumpfmodell. Es ist rückwärtsgewandt, weil es ausgrenzt; reaktionär, weil es Angst in Moral übersetzt; und absurd, weil es Denken durch Parolen ersetzt. Es beruft sich auf Natur, wo es Ideologie meint, und auf Tradition, wo es Kontrolle will.

Aufklärung beginnt dort, wo Menschen aufhören, andere zu zählen – und anfangen, sie ernst zu nehmen. Alles andere ist nicht konservativ, sondern bloß schlecht gelaunte Vergangenheit.

Ein letzter Gedanke zur Dummheit

Albert Einstein soll gesagt haben, er sei sich nur bei zwei Dingen sicher: bei der Unendlichkeit des Universums – und bei der Unendlichkeit menschlicher Dummheit. Beim Universum allerdings sei er sich nicht ganz sicher.

Die AfD liefert täglich Anschauungsmaterial für den zweiten Teil dieses Gedankens. Nicht als bloße Torheit, sondern als beharrliche, selbstgewisse, aggressive Dummheit. Eine Dummheit, die nicht fragt, sondern behauptet. Die nicht zweifelt, sondern ausgrenzt. Und die deshalb gefährlicher ist als jeder Irrtum. Denn Irrtümer lassen sich korrigieren. Dummheit hingegen fühlt sich im Recht – und wählt sich ihre Keimzellen selbst.

-w-