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Interview
Hat sich die Scham durch Social Media verändert, Til Schindler?
Heute startet "Scham", der Kino-Erstling von Max-Ophüls-Preisträger Lukas Röder, im Kino. Wir sprachen mit Hauptdarsteller und #ActOut-Teilnehmer Til Schindler über das Psycho-Kammerspiel, Traumata in der Familie und queere Repräsentation.

Für seine Rolle in "Scham" wurde Til Schindler – ebenso wie seine Co-Darstellerin Heike Hanold-Lynch – am 23. Januar 2026 in der Kategorie "Entdeckung" mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet (Bild: IMAGO / Panama Pictures)
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29. Januar 2026, 08:03h 8 Min.
Der queere Schauspieler Til Schindler spielt die Hauptrolle im rigorosen Kammerspiel-Drama "Scham" von Lukas Röder, das am 29. Januar 2026 endlich in die deutschen Kinos kommt. Als sensibler Aaron will er mit seiner Mutter über die Traumata seiner Kindheit reden. Doch die Begegnung verläuft anders als erwartet (Filmkritik von queer.de).
Das Spielfilmdebüt wurde im vergangenen Jahr beim Max Ophüls-Festival prämiert (queer.de berichtete). Und erst vor sechs Tagen wurden Schindler und seine Co-Darstellerin Heike Hanold-Lynch für ihre Rollen in "Scham" mit dem Bayerischen Filmpreis in der Kategorie "Entdeckung" ausgezeichnet.
Til Schindler, geboren 1993 in München, studierte Schauspiel an der Universität der Künste Berlin. Er spielte am Deutschen Theater Berlin, am Volkstheater Wien und am Residenztheater München sowie in deutschen und internationalen Kino- und Fernsehproduktionen. 2017 war er auf der Berlinale in Bruce LaBruces "The Misandrists" zu sehen. Für Rosa von Praunheim stand er in "Sex und Tod" vor der Kamera.
Wir sprachen mit dem #ActOut-Teilnehmer über das Psycho-Kammerspiel, seine Zusammenarbeit mit Lukas Röder, Traumata in der Familie und queere Repräsentation.

Poster zum Film: "Scham" startet am 29. Januar 2026 bundesweit im Kino
"Scham" ist kein Feelgood-Movie, sondern geht ziemlich ans Eingemachte. Warum soll man sich diesen harten Tobak im Kino zumuten?
Weil es trotz der harten Geschichte ein universales Thema anspricht, mit welchem jeder Zuschauer etwas anfangen kann: die Aufarbeitung der Beziehung zu den eigenen Eltern oder zu den eigenen Kindern. Wir haben bei allen bisherigen Screenings auf Festivals die Erfahrung gemacht, dass die Seherfahrung zwar eine harte ist, aber auch eine, die positiv nachhallt, weil sie zum Nachdenken einlädt, zum ins Gespräch kommen. Es sind ganz viele Menschen auf uns zugekommen, die gesagt haben, dass sie automatisch ihre eigene Eltern-Kind- oder Kind-Eltern-Beziehung zu dem Film ins Verhältnis gesetzt haben, auch wenn diese gar nichts mit Gewalt oder Missbrauch zu tun hat. Darum geht es auch nur nebensächlich, vor allem geht es eben um diese eine, diese so zentrale Beziehung im Leben von fast jedem Menschen.
Was hat Sie persönlich an dem Projekt interessiert?
Lukas und ich wollten schon viele Jahre zusammenarbeiten, ich musste ihm für seine Kurzfilme mehrfach aus zeitlichen Gründen absagen. Als ich das Drehbuch von "Scham" gelesen habe, habe ich ihm gesagt, dass es das Beste ist, was ich je gelesen habe, und ihn gefragt, wann das Casting sein soll. Er hat gesagt, dass es kein Casting für meine Rolle geben wird und er will, dass nur ich das spiele. Ich habe keine Sekunde gezögert – wegen diesem unglaublichen Buch, dieser so komplexen, widersprüchlichen Figur, den außergewöhnlich mündlich geschriebenen Dialogen und der großen Herausforderung, mich mit meinem Innersten und tiefen Abgründen auseinanderzusetzen.
Sie haben im Vorfeld dem Regisseur Lukas Röder eine eigene Scham-Story erzählt. Worum ging es dabei?
Das kann ich nicht erzählen, da geht es um Geschichten aus meinem Leben, die ich nicht mal mit meinen besten Freunden geteilt habe. Ich habe das Lukas erzählt und mich dabei gefilmt, um mich ebenfalls der Situation auszusetzen, der sich Aaron aussetzt, um zu erfahren, wie sich das anfühlt, damit ich einen schauspielerischen Zugang dazu finden kann. Ich wollte wissen: Was passiert mit mir, wenn ich mich schäme, wie sehe ich dabei aus, was passiert mit meinem Körper, mit meiner Stimme?
Halten Sie Scham für eine wichtige emotionale Instanz?
Ich bin kein Experte für das Thema, aber ich denke schon: ja. Scham hat eine soziale Schutzfunktion und fördert die Selbstreflexion, im Übermaß führt sie aber zu Isolation und Minderwertigkeit. Ich finde Scham und Beschämung beängstigend. Ich habe Lukas zum Geburtstag das Buch "Scham" von Matthias Kreienbrink geschenkt, vielleicht sollte ich das auch mal lesen.

Szene aus "Scham": Heike Hanold-Lynch und Til Schindler am Küchentisch (Bild: missingFILMs)
Hat sich die Scham durch Social Media verändert?
Ich weiß es nicht, aber vielleicht, bestimmt. Für mich ist Social Media schon auch schambehaftet: dieses sich verkaufen müssen, sich selbst zur Ware machen beziehungsweise nicht sich selbst, sondern eine geschönte, Perfektion vorgaukelnde Version von sich selbst, die keinen Platz lässt für Makel und Unzulänglichkeiten. Da schäme ich mich schon dafür, dass ich da mitmache. Dann die Frage, was gibt man preis, was nicht? Und der ständige Vergleich mit Kollegen. Die Relevanz von Like- und Followerzahlen führt uns gnadenlos vor Augen, dass es eine Illusion ist, Kunst fände außerhalb der materiellen Verhältnisse statt. Für Schauspieler ist das hochgradig schädlich, aber leider wird Social Media immer wichtiger in unserer Branche.
Sie steigen in einer Szene nackt aus der Badewanne und betrachten sich im Spiegel. Wie groß ist dabei die Scham?
Gar nicht, sonst würde ich das nicht machen. Ich habe die Nacktheit selbst vorgeschlagen, alles andere hätte ich total inkonsequent gefunden. Ehrlich gesagt habe ich mich aber auch ziemlich darüber geärgert, als Sie in Ihrem Interview mit Lukas die Szene als "Sahnehäubchen für das Publikum" bezeichnet haben. Weil es dabei einfach nicht um eine Sexualisierung der Figur geht, sondern um eine visuelle Übersetzung des sich Offenbarens, des Sich-Nackt-Machens.
Ist Attraktivität für einen Schauspieler eher von Vorteil oder von Nachteil?
Attraktivität ist ja etwas sehr Subjektives. Aber ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, das Aussehen eines Schauspielers spiele keine Rolle. Wie man aussieht, hat ja schon einen großen Einfluss darauf, mit welchen Rollen man assoziiert wird, für was man infrage kommt, weil es hierzulande einfach einen großen Realismusanspruch gibt. Aber mit Attraktivität hat das erstmal nichts zu tun, und zum Glück gibt es erfolgreiche Schauspieler jeglichen Aussehens.
Wie war die Zusammenarbeit mit Regisseur Lukas Röder und Filmmutter Heike Hanold-Lynch?
Wirklich wunderschön. Lukas hatte eine sehr genaue künstlerische Vision und wusste genau, was er will, war aber trotzdem sehr offen für meine Ideen. Heike und ich arbeiten sehr unterschiedlich, konnten aber trotzdem sehr gut miteinander, waren vollkommen ehrlich zueinander und haben an einem Strang gezogen, um jeden Tag noch tiefer reinzugehen. Wir haben uns gepusht, bis wir in jedem Take geheult haben. Und man sieht das zwar nicht im Film, aber wir hatten alle sehr viel Spaß zusammen und eine wirklich wunderschöne Zeit.
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Brauchen Sie Schnittmengen mit Ihren Figuren?
Ich glaube, was ich brauche, sind Schnittmengen mit den Emotionen der Figur. Eine Figur kann sehr weit weg von mir sein und nichts mit mir zu tun haben, wenn ich die Möglichkeit habe, den Text für mich zu übersetzen, ein Substitut zu finden, welches sich auf mein eigenes Leben übertragen lässt. Damit ich eben nicht einfach eine Fremdfigur spiele, sondern diese angebunden ist an mein eigenes emotionales Vokabular.
Was ist die wichtigste Qualität in Ihrem Beruf?
Puh, das ist eine schwierige Frage. Vielleicht ist es genau das, was ich gerade versucht habe zu beschreiben: eben gar nicht wirklich "spielen", sondern die Suche nach Authentizität im Fremden, sonst wird es schnell zu Over-Acting. Dafür braucht man emotionale und körperliche Durchlässigkeit. Und ich glaube, außerhalb des Handwerks selbst ist es eine wichtige Qualität, sich in diesem unständigen Leben mit diesem Beruf überhaupt zurechtzufinden. Sich einen Alltag zu bauen, eine Struktur, irgendwie zu versuchen, sich von diesem Druck freizumachen und Dinge außerhalb des Berufes zu finden, die einen auch glücklich machen
Wie hat sich das Dabeisein bei #ActOut im SZ-Magazin für Sie geäußert?
Im ganz Persönlichen habe ich da keinen Unterschied gemerkt, ich war aber auch nie ungeoutet, und auch nicht so bekannt, das hatte bei den prominenten Teilnehmern sicherlich größere Auswirkungen. Ich spiele schon immer eher mehr heterosexuelle als schwule Rollen, das spielt für mich in der Figurengestaltung aber auch keine große Rolle. Insgesamt in der Branche hat #ActOut auf jeden Fall etwas verändert, Diskurse haben sich weiterentwickelt und verselbstständigt, die Repräsentation ist größer geworden. Aber es gibt auch noch viel zu tun.
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Was halten Sie von der Forderung, dass queere Figuren nur von queeren Menschen gespielt werden sollten. Wichtig oder überholt?
Überholt. Ich finde das wirklich falsch, weil dem ein falsches Verständnis unseres Berufes zugrunde liegt. Kunst entsteht nicht durch Regeln, sondern dort, wo Regeln gebrochen werden, und die Einteilung und Kategorisierung von Menschengruppen ist nicht automatisch etwas Emanzipatorisches. Ich verstehe und befürworte den Sinn dahinter von Sichtbarmachung von queeren Schauspielern, aber es kann nicht die Lösung sein, dass jeder nur noch das spielt, was er ist. Dann wird Identität nicht wie erhofft aufgebrochen, sondern eher verfestigt. Und schauspielerisch wäre das auch super uninteressant.
Welche Reaktionen würden Sie sich wünschen zu "Scham"?
Gerne genau solche Reaktionen, wie wir sie bisher bekommen haben: "Scham" ist ein Film, der etwas schafft, was nicht viele Filme schaffen: Er berührt, er lässt nicht los, er wirft Fragen auf und versucht vielleicht gar nicht, sie zu beantworten. Diesen Film im Kino zu sehen, ist eine richtige besondere Erfahrung. Ich würde mich sehr freuen, wenn möglichst viele Menschen diese Erfahrung machen wollen.
Werden Sie weiter mit Lukas Röder arbeiten?
Lukas und ich sind im ständigen Austausch und sprechen über unterschiedliche Projekte. Es ist aber noch nichts so konkret, dass ich das hier sagen könnte. Aber klar ist, dass wir ein sehr besonderes Match sind, künstlerisch wie politisch und freundschaftlich. Ich bin wirklich sehr froh, dass wir uns gefunden haben.
Scham. Drama. Deutschland 2025. Regie: Lukas Röder. Cast: Heike Hanold-Lynch, Til Schindler. Laufzeit: 86 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 16. Verleih: missingFILMs. Kinostart: 29. Januar 2026
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