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Heimkino
Wichtig anzusehen, schwer zu ertragen: "Amazing Grace"
Das 1992 veröffentlichte Drama "Amazing Grace" ist der letzte Film des israelischen Regisseurs Amos Guttman, der nur ein Jahr nach der Premiere an den Folgen von Aids verstarb. Jetzt ist es neu auf DVD erschienen.

Der erste israelische Film, der sich mit der Aids-Krise beschäftigte: Szene aus "Amazing Grace" (Bild: Salzgeber)
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31. Januar 2026, 09:11h 3 Min.
Jonathan begegnet seinem neuen Nachbarn zum ersten Mal aus dem Fenster. Unten, auf einer Bank im Gemeinschaftsgarten, sitzt er – erschöpft, leer, eine Zigarette im Mund, den Blick ins Nichts gerichtet. Jonathan sieht ihm zu, neugierig und fasziniert. Noch weiß er nichts von der Schwere, die in diesem Mann steckt.
"Amazing Grace" (Amazon-Affiliate-Link ) aus dem Jahr 1992 ist der letzte Film des israelischen Regisseurs Amos Guttman, der nur ein Jahr nach der Premiere an dem Folgen von Aids verstarb. Wie in seinen anderen Werken verwebt er auch hier biografische Elemente. Der Film ist damit nicht nur ein Stück queere Filmgeschichte, sondern auch eines der ersten israelischen Werke, das HIV und die queere Subkultur der frühen 1990er offen ins Bild rückt. Besonders der Ausflug in eine schwule Underground-Bar wirkt wie ein Zeitdokument: hypermaskuline Selbstdarstellung, angespannte Blicke, unterschwellige Gewalt – die in einer chaotischen Schlägerei explodiert.
Zwei Familien, beide mit einem schwulen Sohn

Poster zum Film: "Amazing Grace" ist am 29. Januar 2026 auf DVD erschienen
Doch jenseits seines historischen Werts kämpft "Amazing Grace" mit erheblichen Schwächen. Trotz einer Laufzeit von nur 90 Minuten wirkt der Film redundant und in seiner Struktur zerfasert. Motive, Räume und Konflikte wiederholen sich endlos, bis die Luft zum Zuschauen dünn wird. Guttman gelingt es nicht, seine Vision zu einem kohärenten Ganzen zu bündeln – sein Werk zerfällt in lose Szenen, die mehr Atmosphäre als Entwicklung bieten.
Im Zentrum stehen zwei Familien, beide mit einem schwulen Sohn: Jonathan (Gal Hoyberger), der im Kinderheim seiner Mutter arbeitet, eine komplizierte Beziehung zu dem Soldaten Miki führt und in Tel Aviv nach Halt sucht. Und Thomas (Sharon Alexander), der nach gescheiterten Jahren in New York zurückkehrt – krank, von Aids gezeichnet, verschlossen gegenüber seiner Mutter und Großmutter. Jonathan fühlt sich zu Thomas hingezogen, doch dieser stößt ihn immer wieder ab, flüchtet in Drogen und Distanz. Ihre Wohnung ist dunkel und eng – genauso fühlt sich der Film über weite Strecken an.
Ein Zeitdokument mitg vielen Schwächen
Was tragisch und berührend hätte sein können, bleibt erstaunlich blass. Thomas wirkt durchgehend unsympathisch, verweigert Nähe, verlangt nach härteren Drogen und verliert sich in Selbstzerstörung. Sein innerer Konflikt – die Todesangst angesichts einer HIV-Diagnose – blitzt zwar auf, wird aber kaum vertieft. Jonathan dagegen bleibt zu glatt, fast idealisiert. So entsteht kein echtes Spannungsverhältnis, sondern ein Ungleichgewicht: ein nerviger, abweisender Thomas trifft auf einen naiv-unschuldigen Jonathan.
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Auch die Drogendarstellung bleibt problematisch: Sie dient als schneller Fluchtweg, als stilistische Geste – aber nicht als ernsthafte Auseinandersetzung. Statt Reflexion gibt es Romantisierung. Hinzu kommen endlose Familienszenen, in denen Thomas' Großmutter (Hinna Rozovska) über ihre Leiden klagt, ohne dass es die Handlung voranbringt. Das Tempo sackt ab, die Dialoge klingen oft hölzern, manche Performances wirken unbeholfen.
"Amazing Grace" ist zweifelsohne filmhistorisch bedeutend – als frühes queeres Zeugnis, als ehrlicher Blick auf Aids in Israel, als Vermächtnis eines viel zu früh verstorbenen Regisseurs. Doch als Film enttäuscht er: redundant, unbalanciert, emotional verschlossen. Zwischen Relevanz und Inszenierung klafft eine Lücke, die sich nicht schließen will. So bleibt der Film weniger ein berührendes Werk als vielmehr ein Zeitdokument – wichtig anzusehen, aber schwer zu ertragen.
Amazing Grace. Drama. Israel 1992. Regie: Amos Guttman. Cast: Sharon Alexander, Rivka Michaeli, Hina Rozovska, Dvora Bartonov, Ada Valerie-Tal, Aki Avni, Hasido Stolero, Karin Ophir, Iggy Waxman, Yishay Golan. Laufzeit: 99 Minuten. Sprache: hebräische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Salzgeber. Erhältlich als DVD und VoD
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