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Bücher, Theater, Musik und ein lustiges Gesellschaftsspiel

Die Zerschlagung einer frühen Subkultur

Vor 300 Jahren – im Februar 1726 – wurde in einem homosexuellen Bordell in London eine Razzia durchgeführt. 40 Männer wurden verhaftet; drei von ihnen zum Tode verurteilt.


Cover von Rictor Nortons "Mother Clap's Molly House" (1992, Ausschnitt)

Im England des 17. und 18. Jahrhundert gab es frühe Formen einer homosexuellen Subkultur. Die Treffpunkte von Homosexuellen ("Mollies") wurden dabei als Molly Houses bezeichnet. Dabei handelte es sich meistens um Kneipen oder Kaffeehäuser, wo sich Homosexuelle treffen und Kontakte knüpfen konnten. Eines der bekanntesten Molly Houses war das von Margaret Clap geleitete Bordell "Mother Clap's Molly House" in der Field Lane im Londoner Stadtteil Holborn. Pro Nacht – vor allem sonntags – trafen sich hier 30 bis 40 Männer. Der Hauptraum war groß genug für Tanz und Geigenmusik und es wurde – wie auch in anderen Bordellen – Alkohol ausgeschenkt. Im Jahre 1726 gab es hier eine folgenreiche Razzia.

Die wichtigste Sekundärliteratur zu der Razzia und den anschließenden Verurteilungen stammt von dem US-Historiker und Homosexuellenaktivisten Rictor Norton, der die Prozessunterlagen ausgewertet hat. Soweit nicht anders angegeben beziehe ich mich auf seine ausführlichen Ausführungen "The Raid on Mother Clap's Molly House 1726" ("Die Razzia in Mutter Claps Molly House 1726"), die er auf seiner Homepage online gestellt hat. Ergänzend habe ich Hinweise auf Literatur, Musik und ein Gesellschaftsspiel aufgenommen.

Die Vorgeschichte: 1724 wird ein verärgerter Homosexueller zum Polizeispitzel

Im Oktober 1724 geriet Mark Partridge in einen Streit mit seinem Geliebten Mr. Harrington (dessen Vorname unbekannt ist). Harrington hatte Dritten gegenüber geäußert, dass Partridge sein Geliebter sei. Darüber geriet Partridge in Wut und rächte sich, indem er herum erzählte, Harrington sei Stammgast in diversen homosexuellen Bordellen. Dieser Hinweis verbreitete sich über die Grenzen der Molly-Subkultur hinaus. Partridge wurde von der Polizei kontaktiert und vermutlich gezwungen, als Informant zu arbeiten, um selbst einer Strafverfolgung zu entgehen.

Auch die beiden Stricher Thomas Newton und Edward Courtney arbeiteten als Informanten für die Polizei – möglicherweise aus finanzieller Not. Newton wurde selbst Ende Februar 1726 verhaftet und nach seiner Freilassung im März aktiv als Informant tätig. Wahrscheinlich war die Bedingung für seine Freilassung und die Straffreiheit seine Zusage, Beweise zur Verurteilung anderer zu liefern. Newton nannte die Männer, mit denen er Sex hatte, was zu deren Verhaftung führte.

Observierungen und das Verhalten der Gäste

Durch die Zusammenarbeit mit homosexuellen Informanten bekam auch der Polizist Samuel Stevens Zugang zu diesen an sich internen Club, nachdem ihn der Informant als seinen "Ehemann" ausgegeben hatte. Der Bericht von Stevens über einen Besuch am 14. November 1725 ist Teil der Akten: "Ich fand etwa 40 bis 50 Männer vor, die miteinander schliefen, wie sie es nannten. Manchmal saßen sie aufeinander, küssten sich lüstern und berührten sich unsittlich. Dann standen sie auf, tanzten, machten Knickse und ahmten Frauenstimmen nach. Dann umarmten sie sich, spielten und scherzten miteinander und gingen paarweise in einen anderen Raum auf derselben Etage, um zu heiraten, wie sie es nannten". Entsprechend der euphemistischen Bezeichnung von "Heiraten" für Sex wurden die für einzelne Stunden anmietbaren Zimmer auch als "Hochzeitszimmer" bzw. "Kapelle" bezeichnet.

Die Razzia im Februar 1726

In einer Sonntagnacht im Februar 1726 führte die Polizei in Margaret Claps Bordell eine Razzia durch. Rund vierzig homosexuelle Männer wurden verhaftet und zunächst ins Newgate-Gefängnis gebracht. Bis Ende des Monats wurden mehrere weitere Bordelle auf ähnliche Weise gestürmt und weitere Männer inhaftiert. Keiner der Männer wurde auf frischer Tat ertappt – obwohl einige mit offenen Hosenknöpfen entdeckt wurden. Später wurden die meisten Männer aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen. Einige von ihnen wurden jedoch mit Geldstrafen belegt, inhaftiert, an den Pranger gestellt und zum Tod verurteilt.


Das Newgate-Gefängnis (ca. 1810)

War war Mother Clap?

Margaret Clap war eine verheiratete und vermutlich heterosexuelle Frau. Aufgrund ihrer Äußerungen vor Gericht ist es für Rictor Norton naheliegend, dass sie das Geschäft eher aus Vergnügen als aus Gewinnstreben betrieb. Margaret Claps Haus in der Londoner Field Lane trug keinen besonderen Namen; es war ein privates Haus mit einem angeschlossenen Kaffeebetrieb. Es gehörte ihrem Mann John Clap, der sich jedoch selten blicken ließ. Ihr Haus galt als etwas zwielichtiges Etablissement, war aber wahrscheinlich nicht speziell als Männerbordell bekannt. Vermutlich verdiente sich Margaret Clap ihren Lebensunterhalt durch die Vermietung von Zimmern und den Verkauf von Spirituosen. In ihrem Haus lebten auch mehrere Männer, wobei es sich wohl meistens um Stricher handelte. Auch William Griffin, der später zum Tod verurteilt wurde, lebte fast ein Jahr lang bei ihr.


Die Field Lane im Londoner Stadtteil Holborn (1840)

Die Prozesse

Im April 1726 wurden mehrere Männer vor Gericht gestellt. Dazu gehörte der 43-jährige Milchmann Gabriel Lawrence. Polizisten hatten ausgesagt, dass er ein häufiger Gast bei Mutter Clap gewesen sei. Lawrence räumte zu seiner Verteidigung lediglich ein, oft bei Mother Clap Bier getrunken zu haben.

In diesem Kontext wurde auch der 43-jähriger Polsterer William Griffin angeklagt. Ein Polizist sagte aus, dass Griffin oft in der Gesellschaft gesehen wurde, er habe Griffin mit einem anderen Mann in den "Trausaal" gehen sehen und einmal habe Griffin ihm "in die Hose gegriffen". Griffin sagte aus, dass er zwar ein Jahr bei Margaret Clap gewohnt habe, aber nie gewusst habe, dass es sich um ein Bordell handelte. Er beteuerte seine Unschuld und gab an, eine Frau und zwei Kinder zu haben.

Auch dem 32-jährigen Wollkämmerer Thomas Wright wurde der Prozess gemacht. Wright hatte verschiedene Bordelle mit Bier beliefert, bevor er sein eigenes Bordell in der Beech Lane eröffnete, dass beinahe so beliebt wie das von Margaret Clap gewesen sein soll. Ein Polizist berichtete: "In einem großen Zimmer fanden wir einen Geiger und acht weitere, die Volkstänze tanzten, obszöne Bewegungen machten und sangen: 'Kommt, lasst uns richtig ficken (=buggern)'." (Nach Rictor Norton wurde dieses Lied in den Gerichtsberichten leider zensiert und der vollständige Text ist verloren gegangen.) "Dann saßen sie aufeinander, unterhielten sich anzüglich und trieben allerlei Unanständigkeiten."

Wegen des Vorwurfs, ein Bordell betrieben zu haben, wurde auch Margaret Clap vor Gericht gestellt und äußerte sich empört gegenüber der Jury: "Ich hoffe, man wird berücksichtigen, dass ich eine Frau bin und mir daher solche Praktiken unmöglich zugetraut werden können."

Die Urteile und die Zeitungen

Am Montag, dem 9. Mai 1726, wurden Lawrence, Griffin und Wright – gemeinsam mit Verurteilten aus anderen Verfahren – gehängt. Solche Massenhinrichtungen waren beliebt, und die wohlhabenderen Zuschauer nahmen auf den eigens für sie errichteten Tribünen Platz. Die Urteile wurden in Tyburn vollstreckt, einem Dorf, das heute zum Londoner Stadtbezirks City of Westminster gehört und von 1196-1783 der öffentliche Galgenplatz von London war (Wikipedia). Margaret Clap wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und musste am Pranger stehen. Dabei wurde sie so brutal misshandelt, dass sie mehrmals ohnmächtig wurde und vom Pranger stürzte. Es wird davon ausgegangen, dass sie noch im gleichen Jahr an den Folgen starb.


Erhängungen in Tyburn (Symbolbild, 17. Jahrhundert)

In diesem Verfahren wurden bis August 1726 in Tyburn drei Männer gehängt, zwei Männer und eine Frau an den Pranger gestellt, mit Geldstrafen belegt und inhaftiert. Ein Mann starb im Gefängnis. Rictor Norton verwendet daher zu Recht die Formulierung "Hexenjagd" und betont, dass es vor dem Hintergrund der ungewöhnlich harten Strafen als recht gewagt erscheint, vom Zeitalter der Aufklärung zu sprechen. Er verweist auf einen Artikel im "London Journal" (14. Mai 1726), wo ein Journalist eine sogenannte spiegelnde Strafe empfahl. "Wenn jemand entdeckt, angeklagt und verurteilt wird, soll der Henker ihn (…) an Händen und Füßen fesseln, ein geschickter Chirurg soll unverzüglich seine Hoden entfernen, und anschließend soll der Henker seinen Hodensack mit einem glühenden Eisen versengen."

Mark Ravenhills Drama: "Mother Clap's Molly House" (2001)

Basierend auf den realen Ereignissen schrieb Mark Ravenhill sein Drama "Mother Clap's Molly House" (2001, 2008, 2015. 2001 zum Teil online). Es handelt sich um ein Theaterstück mit Liedern, die Matthew Scott beisteuerte. Ravenhill verknüpft das Jahr 1726 mit einer parallelen Handlung über eine Gruppe wohlhabender schwuler Männer, die sich im Jahr 2001 auf eine ausgelassene Party vorbereiten. Als Komödie zeigt das Stück die Vielfalt menschlicher Sexualität und gibt einen Einblick in die Londoner Geschichte. Es lässt sich als Manifest für sexuelle Toleranz lesen und zugleich als Kritik an der Verrohung der Sexualität.

Die Inszenierung von Ravenhills Drama am angesehenen Royal National Theatre in London unter der Regie von Nicholas Hytner war aufgrund expliziten sexuellen Inhalts und unverblümter Sprache umstritten. Die Kritik reagierte unterschiedlich: "The Guardian" (6. September 2001) nannte es ein "Dirty Work"; die "New York Post" (16. September 2001) bemängelte es als eine "derbe Enttäuschung". In Jonathan Croalls Buch "Inside the Molly House: The National Theatre at Work" (o. J.) werden die Hintergründe dieser umstrittenen Inszenierung beleuchtet. Ein Trailer, der Werbung für die Aufführung von Ravenhills Theaterstück im "Bedlam-Theatre" (Edinburgh) macht, kann möglicherweise vermitteln, wie versucht wurde, das Jahr 1726 mit dem Jahr 2001 zu verbinden.


Mark Ravenhills "Mother Clap's Molly House" (2001) und Jonathan Croalls "Inside the Molly House" (o.J.)

Musik und Krimis

Die Geschichte der englischen Molly-Houses hat viele KünstlerInnen zu eigenen Werken inspiriert. Ein Beispiel dafür ist das Musikalbum "Molly House Volume 1 (Deluxe Edition)" (2017) von "davomakesbeats", das elektronische Tanzmusik präsentiert. Dazu gehört auch Grahame Peace, der in seinen wilden Geistergeschichten reale Orte und historische Ereignisse mit Fantasy-Elementen verbindet. Sechs seiner Bücher tragen den Untertitel "The Ghost from the Molly-House" (2018-2021).

Für mich sind dies Beispiele für Namedropping, mit denen der Eindruck vermittelt wird, man knüpfe an historische Begebenheiten an. Durch Bezüge zu den Molly-Houses soll das Musikalbum den Eindruck erzeugen, in einer langen Tradition queerer Subkultur zu stehen und die Fantasy-Romane sollen so authentischer erscheinen. Historische Bezüge werden suggeriert, um ein Produkt zu vermarkten. Die Kritik richtet sich auch an viele ähnliche Produkte – wie an ein Gesellschaftsspiel.


Das Musikalbum "Molly House" und eine von mehreren Geistergeschichten über Molly House

Ein lustiges Gesellschaftsspiel für die ganze Familie

Im Internet ist seit 2025 das historische Strategiespiel "Molly House" erhältlich. Das Spielbrett trägt die Bezeichnung "Mother Clap's Molly House" und verdeutlicht, welches Molly House gemeint ist. In der Beschreibung wird das London des 18. Jahrhunderts als "eine Stadt voller Geheimnisse, Sehnsüchte und Gefahren" beschrieben. "In 'Molly House' schlüpfen 1 bis 5 Spieler in die Rollen der gender-nonkonformen 'Mollies', die in den versteckten Winkeln der Stadt Zuflucht und Gemeinschaft suchen. Doch die Gesellschaft zur Reformation der Sitten ist ihnen dicht auf den Fersen. Durch das Ausspielen von Vice-Karten veranstalten die Spieler rauschende Feste, knüpfen Beziehungen und versuchen, Freude zu verbreiten – stets mit dem Risiko, entdeckt und verraten zu werden. Jeder Zug birgt die Möglichkeit, zum Informanten zu werden oder Opfer eines solchen zu sein". Auf YouTube gibt es mehr als zehn Werbevideos zu diesem Spiel (u.a. in 38:01 Min. und in 49:37 Min.).


Das historische Strategiespiel "Molly House"

Es ist begrüßenswert, dass auch über Gesellschaftsspiele historische Ereignisse vermittelt werden. Dennoch wirkt es befremdlich, Verfolgungen und Todesurteile zu reinen Unterhaltungszwecken einzusetzen. Ich möchte kein Spielverderber sein, doch wäre es aus meiner Sicht vergleichbar damit, in einer historischen Monopoly-Ausgabe statt Schlossallee und Wasserwerk Konzentrationslager und Klappen aufzugreifen.

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Resümee

Bis heute bleibt die Erinnerung an die Razzia von 1726 lebendig – gelegentlich über fragwürdige Referenzen, häufig aber auch durch engagierte kurze Info-Filme wie "The Story Of Mother Clap" (Folge 140 von "The History Lord". 4:45 Min.). Als weiterführende Literatur empfehle ich neben Rictor Nortons "Mother Clap's Molly House" (1992) auch Alan Brays "Homosexuality in Renaissance England" (1982. S. 81-115).

Insgesamt gehören die Dokumente zu Mother Clap's Molly House zu den wichtigsten und spannendsten Unterlagen, um die Molly-Kultur und den Umgang der Homosexuellen untereinander im England des 18. Jahrhundert zu verstehen.

-w-