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Nachruf
Anstand in der Politik ist möglich: Zum Tod von Rita Süssmuth
Mit dem Tod von Rita Süssmuth verliert die Bundesrepublik einen Maßstab für politische Moral, für intellektuelle Redlichkeit und für den Mut, auch gegen die eigene Partei recht zu behalten.
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2. Februar 2026, 05:19h 4 Min.
Es gibt nur wenige Personen in der Politik, deren Charakter kein Parteiabzeichen braucht, um respektiert zu werden. Rita Süssmuth war eine dieser Persönlichkeiten. Eine, die nicht aus der Farbe ihres Parteibuchs, sondern aus Haltung wirkte. Für die Partei, der sie angehörte, könnte sie bis heute ein echtes Vorbild sein. Allerdings könnten die jetzigen Repräsentant*innen der CDU dieser Frau kaum das Wasser reichen. Denn dazu bräuchte es Charakterstärke und Mut – Eigenschaften, die man nicht erbt und nicht beschließt, sondern lebt.
Haltung vor Herkunft
Rita Süssmuth trat nie auf wie eine Karrieristin des Apparats. Sie war keine Lautsprecherin, keine Sammlerin taktischer Vorteile. Ihre Autorität speiste sich aus Bildung, aus Ernsthaftigkeit, aus einer leisen, aber unbeirrbaren Konsequenz. Sie war konservativ im besten Sinne: bewahrend dort, wo Menschenwürde verteidigt werden musste, und radikal offen dort, wo alte Denkmuster Schaden anrichteten.
Dass sie in der CDU wirkte, war für viele ihrer Überzeugungen eher ein Hindernis als ein Schutzraum. Doch gerade darin lag ihre Größe: Sie widersprach, ohne sich zu verbiegen. Sie blieb, ohne sich zu unterwerfen.
Gegen die Angst, für die Menschen
Besonders deutlich wurde diese Haltung in den 1980er Jahren, als Aids in Deutschland nicht nur eine medizinische, sondern vor allem eine moralische Panik auslöste. Während männliche Parteikollegen öffentlich über Isolation, über Lager, über das Brandmarken von HIV-Infizierten nachdachten – Worte, die man sonst aus den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte kennt -, stellte sich Rita Süssmuth dagegen.
Sie sprach von Aufklärung statt Ausgrenzung, von Prävention statt Strafe, von Respekt statt Angst. Sie bestand darauf, dass Krankheit kein moralisches Versagen ist und der Staat nicht das Recht hat, Menschen zu stigmatisieren, um die eigene Hilflosigkeit zu kaschieren. Das war kein Konsens, das war ein Risiko. Und sie ging es ein – wissend, dass sie dafür angefeindet, isoliert, belächelt werden würde.
In einer Zeit, in der Homosexualität noch immer als Makel galt und Menschen mit HIV gesellschaftlich zu Unberührbaren erklärt wurden, war Süssmuths Haltung nicht nur mutig, sondern menschlich radikal.
Feminismus ohne Parolen
Rita Süssmuth war Feministin, ohne je den Begriff vor sich herzutragen. Sie kämpfte für die Rechte von Frauen, nicht als identitätspolitisches Projekt, sondern als demokratische Selbstverständlichkeit. Gleiche Teilhabe, gleiche Würde, gleiche Chancen – das waren für sie keine Forderungen einer Randgruppe, sondern der Prüfstein einer modernen Gesellschaft.
Gerade deshalb war ihr Feminismus für die CDU so unbequem. Er ließ sich nicht folkloristisch vereinnahmen, nicht als Feigenblatt nutzen. Er stellte Fragen nach Macht, nach Sprache, nach Strukturen – und traf damit vor allem Männer, die es gewohnt waren, unter sich zu bleiben.
Präsidentschaft mit nüchterner Autorität
Als Präsidentin des Deutschen Bundestags leitete Rita Süssmuth das Parlament mit nüchterner Autorität. Keine Pose, kein Pathos, kein Machtgehabe. Sie stritt für die Rechte anderer, oft umgeben von mächtigen Männern, die lauter waren, aber nicht größer. Ihre Präsenz war ruhig, fast spröde – und gerade deshalb wirksam.
Sie zeigte, dass Autorität nicht aus Dominanz entsteht, sondern aus Integrität. Dass Führung nicht im Überstimmen besteht, sondern im Ernstnehmen. Und dass Respekt nicht eingefordert, sondern erworben wird.
Ein Maßstab, der fehlt
Mit dem Tod von Rita Süssmuth verliert die Bundesrepublik mehr als eine ehemalige Ministerin und Bundestagspräsidentin. Sie verliert einen Maßstab. Einen Maßstab für politische Moral, für intellektuelle Redlichkeit, für den Mut, auch gegen die eigene Partei recht zu behalten.
Die CDU verliert mit ihr eine Figur, an der sie sich bis heute messen lassen müsste – und an der sie allzu oft scheitert. Denn Rita Süssmuth erinnerte daran, dass Politik mehr sein kann als Machtverwaltung: ein Dienst an der Gesellschaft, besonders an ihren verletzlichsten Mitgliedern.
Solche Persönlichkeiten brauchen kein Parteiabzeichen. Sie hinterlassen etwas Wertvolleres: das Gefühl, dass Anstand in der Politik möglich ist.















