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Queer History

Als die Antike die Homosexualität legitimieren sollte

Heute vor genau 150 Jahren – am 6. Februar 1876 – wurde Otto Kiefer geboren. Er war ein Teil der frühen Homosexuellenbewegung. Sein bedeutendstes Werk ist "Die Bedeutung der Jünglingsliebe" von 1922.


Statue "Kugelspieler" von Heinrich Missfeldt. Eine Illustration aus dem anspruchsvollen Erotik-Heft "Der schöne Jüngling in der bildenden Kunst aller Zeiten" von Otto Kiefer (1922)

Der promovierte Jurist Dr. Otto Kiefer (1876-1955) war nur kurzzeitig als Jurist tätig, weil er nach einem Prozess wegen der Verbreitung unzüchtiger Schriften den Dienst als Referendar quittieren musste. Danach schlug er sich mühsam mit Übersetzungen und als Hauslehrer durch und war von 1918 bis 1935 an der Odenwaldschule als Lehrer für Griechisch, Latein und Geschichte tätig. Sein bedeutendstes Werk blieb seine Schrift "Die Bedeutung der Jünglingsliebe" (1922).

Otto Kiefer war ein Teil der frühen Homosexuellenbewegung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem aus zwei Aktivisten und ihren Vereinen bestand. Zum einen war dies Magnus Hirschfeld, der mit anderen das Wissenschaftlich humanitäre Komitee (WhK) gründete und die Homosexuellenzeitschrift "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" herausgab. Zum anderen war dies Adolf Brand, der mit anderen, u. a. mit Otto Kiefer, die "Gemeinschaft der Eigenen" (GdE) gründete und die Homosexuellenzeitschrift "Der Eigene" herausgab. Mit beiden Flügeln der Homosexuellenbewegung arbeitete Otto Kiefer zusammen und veröffentlichte in beiden Zeitschriften.

Kiefers Veröffentlichungen im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen"

Im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen wurde recht oft auf Otto Kiefer Bezug genommen, etwa bei seinen wohlwollenden Rezensionen des Jahrbuches in den "Sozialistischen Monatsheften" (1903. S. 1150-1151) und in "Der Mensch" (1904: S. 642). Am wichtigsten sind jedoch seine Artikel, die er für das Jahrbuch schrieb und die unter den Titeln "Platos Stellung zur Homosexualität" (1905. S. 107-126), "Hadrian und Antinous" (1906. S. 565-582) und "Sokrates und die Homosexualität" (JfsZ. 1908. S. S. 197-212, nicht online) abgedruckt wurden. Sie bilden eine anspruchsvolle Verteidigung der antiken Jünglingsliebe und damit indirekt eine Verteidigung der Homosexualität im 20. Jahrhundert.

Kiefers Veröffentlichungen im "Eigenen"

Adolf Brand gründete gemeinsam mit zwölf weiteren Männern am 1. Mai 1903 die "Gemeinschaft der Eigenen" (GdE), die bis mindestens 1932 bestand. Als interner Lesezirkel diente sie wohl auch dem Schutz vor Strafverfolgung. Laut einer 1925 veröffentlichten Satzung gehörten zu den Gründungsmitgliedern die bekannten Aktivisten Benedict Friedlaender und Wilhelm Jansen. Mit dabei war auch "Dr. Reiffegg", ein Pseudonym für Otto Kiefer, das er offenbar nur für die GdE und für sein Buch "Der schöne Jüngling in der bildenden Kunst aller Zeiten" von 1903 verwendete.

Außerdem veröffentlichte Otto Kiefer im "Eigenen" einige Texte, in denen er sich vor allem mit antiker Kultur und männlicher Schönheit befasste. Dazu gehören: "Der schöne Jüngling in der Bildenden Kunst aller Zeiten" in vier Teilen (4. Jg.: Heft 1, S. 13-26; Heft 2, S. 103-114, Heft 3, S. 173-181 und Heft 4, S. 244-254. Die Hefte 1-3 werden nicht online angeboten), "Ein Opfertod. Dramatische Skizze in einem Akt" (5. Jg. Heft 1. S. 19-22), "Der Ganymedesmythos und die bildende Kunst der Antike" (1906. Jahresband. S. 95-100) und "Nietzsche und der Eros" (13. Jg. Heft 5. S. 129-141).


Die Illustration zum Artikel im "Eigenen" über den Ganymedesmythos: Bertel Thorvaldsens berühmte Marmorskulptur "Ganymed und der Adler" (1817. Hier als Kopie aus Wikipedia)

Kiefers Veröffentlichungen über die Jünglingsliebe

Seine Zusammenarbeit mit beiden Flügeln der Homosexuellenbewegung zeigt sich auch anhand seiner wichtigsten emanzipatorischen Publikation. Man kann von drei eng miteinander verbundenen Veröffentlichungen sprechen: Im Verlag von Max Spohr (1902), der dem WhK nahestand, veröffentlichte Kiefer unter seinem Pseudonym Dr. Reiffegg die Schrift "Die Bedeutung der Jünglingsliebe für unsere Zeit". Die Rezension im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1903. S. 1012-1015) ist zurückhaltend positiv und verdeutlicht, dass gleichgeschlechtliches Verhalten in der Antike und Homosexualität in der damals bestehenden Gegenwart zusammengedacht wurden: "Das von warmem Idealismus erfüllte Schriftchen erwartet mit Recht von der Änderung in der Beurteilung der Homosexualität günstige Folgen für das allgemeine Wohl. Verfasser hegt wohl etwas allzu optimistische Hoffnungen, aber hohe Ideale und weit gesteckt Ziele sind im Grunde kein Schaden". Die Homosexualität ist "keine höhere, bessere Liebe", was der Verfasser "wohl auch nicht beabsichtigt" zu betonen.

Unter seinem richtigen Namen veröffentlichte Kiefer später "Der schöne Jüngling in der bildenden Kunst aller Zeiten", ein Werk, das zwei Mal abgedruckt wurde: Zuerst erschien der Text in vier Teilen in Adolf Brands Homosexuellenzeitschrift "Der Eigene" (1903. s.o.). Bekannt wurde der Text aber vor allem, als er 1922 als eigenständige Schrift im Verlag von Adolf Brand erschien. Während der Text offenbar wortgleich übernommen wurde, wurden 1922 mehr und deutlichere Illustrationen verwendet. Vor allem die Schrift von 1922 verbindet ansprechende Illustrationen mit einem anspruchsvollen Text und wird wohl auch aufgrund der erotischen Abbildungen gekauft worden sein.


Drei Fotos von Skulpturen aus "Der schöne Jüngling in der bildenden Kunst aller Zeiten" (1922): "Schäfer" von Heinrich Missfeldt, "Adonis" von Richard König und "Adonis" von Bertel Thorwaldson

Griechische Liebeslyrik (1906, 1912)

In den Jahren 1904 bis 1920 übersetzte und publizierte Kiefer mehrfach antike Texte, ohne sich dabei offensichtlich für Homosexualität zu interessieren. Dazu zählen Übersetzungen von Longus' "Hirtengeschichten" (1904), Plotins "Enneaden" (1905), Xenophons "Erinnerungen an Sokrates" (1906) und verschiedene Werke von Platon (1908 / 1915 / 1925).


) Übersetzungen, bei denen sich Kiefer nicht für die Homosexualität antiker Autoren interessierte

Das war anders, als Kiefer im Piper-Verlag die "Liebesgedichte aus der Griechischen Anthologie" (1906) veröffentlichte, die in der zweiten Auflage im gleichen Verlag mit doppelt so vielen Abbildungen unter dem Titel "Griechische Liebesgedichte" erneut erschien. In seiner Einleitung (1906: S. XVII-XXI; 1912: S. XIV-XVI) verteidigte Kiefer die antike Knabenliebe auf mehreren Seiten und erklärte zuvor im Vorwort, er habe auch auf "Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur" zurückgegriffen – also der ersten homosexuellen Anthologie der Weltgeschichte.


"Griechische Liebesgedichte" (1912. Cover. Ausschnitt)

In zwei Rezensionen im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" wird die zweite Auflage dieser Anthologie positiv besprochen: Kiefer versuche nicht wie andere die Homosexualität "antiker Gedichte zu verschleiern oder einfach wegzulassen, sondern er bringt mutig viele Liebeslieder, die den Jüngling besingen" (1919: S. 72-73. S.a. 1914: S. 70-71). In beiden Rezensionen wird auf eine Rezension im "Berliner Tageblatt" eingegangen, die 1914 eher negativ und 1919 eher positiv bewertet wurde.

Diese Rezension von Sigmar Mehring, die unter dem Titel "Die Liebeslyrik der Antike" (In: "Berliner Tageblatt". 19. März 1913. Morgen-Ausgabe, S. 17) erschien und auch digitalisiert vorliegt, lässt tatsächlich beide Lesarten zu. Dort steht u. a. "Wir dürfen uns an der geistvollen und leidenschaftlichen Liebeslyrik griechischer Liebeslyrik ergötzen, ohne ihre Sittenanschauungen zu teilen". Auch der "jugendliche Freund" wird wegen seiner "geistigen und körperlichen Reize (…) gepriesen (…) und umworben. (…) Der Verkehr der Dichter mit den Jünglingen nimmt in seinem Überschwang Formen an, die auf uns nur komisch wirken. Dieses Schmachten, Girren, Heulen, dieser Kampf mit Launen und Eifersucht erzeugen parodistische Wirkungen". Vor allem aber gehe es ja um die Liebeslyrik an Frauen, "die uns in ihren Gefühlen näher stehen".

Die Veröffentlichungen unter weiteren Pseudonymen

Bisher habe ich nur die Artikel aufgeführt, die Otto Kiefer unter seinem Namen oder unter seinem Pseudonym "Dr Reiffegg" veröffentlicht hat. Zu erwähnen sind noch die Veröffentlichungen unter den Pseudonymen "O. K.", "Pugnator", "Sokrates" und "Dr. OKA".

Im "Eigenen" erschienen pseudonyme Texte über Erziehung, Strafe und Disziplin u. a. von "O. K.": "Wie Dr. Weichherz das Prügeln lernte" (In: "Der Eigene". 7/2. S. 3-4). Den Text von "O. K." schreibt die Literaturwissenschaftlerin Marita Keilson-Lauritz ("Die Geschichte der eigenen Geschichte". 1997. S. 327-328) Otto Kiefer zu. Dies geschah offenbar wegen der passenden Initialen und weil Kiefer vorher drei inhaltlich ähnliche Bücher über Züchtigung veröffentlicht hatte: "Die körperliche Züchtigung bei der Kindererziehung" (1904), "Zur Frage der körperlichen Züchtigung bei Kindern. Studien für prakt. Erzieher" (1907) und "Die Prügelstrafe in der Erziehung" (1908).

Im Max Spohr-Verlag – dem Haus- und Hofverlag der frühen Homosexuellenbewegung – erschien von "Pugnator" das Buch "Triumph der Liebe. Aus den Papieren eines Geächteten" (1902). Im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1903. S. 1084-1086) wurde das Buch rezensiert und – vielleicht als Wink mit dem Zaunpfahl – auch die Parallelen zu Reiffegg und "Der schöne Jüngling" aufgezeigt. Keilson-Lauritz (S. 338, 495) vermutet, ebenfalls aufgrund biografische Bezüge im Text, dass Otto Kiefer der Autor dieser Schrift ist.

In "Der Eigene" (9. Jg. 1920-1921) erschienen von "Sokrates" die Beiträge "Bücher und Menschen" (S. 62-63) und "Winteridyll" (S. 119-120). Außerdem erschien hier der Beitrag "Ein Erlebnis von Dr. OKA" (S. 156-157) von einem homosexuellen Erzieher. Dass Keilson-Lauritz davon ausgeht, dass es sich bei "Sokrates" und "Dr. OKA" um Pseudonyme von Otto Kiefer handelt, dürfte darauf beruhen, dass als Verfasser dieser drei Beiträge im Inhaltsverzeichnis (S. 7) – vielleicht nur aus Versehen – Otto Kiefer als Verfasser genannt wurde und ein gesprochenes "O.K." einem "OKA" ähnelt.

Kiefers Kehrtwende: Seine Bücher über die Antike ab 1933

Nach 1933 veröffentlichte Otto Kiefer noch drei Romane über das antike Rom. Aus der NS-Zeit sind keine Texte zu erwarten, die sich positiv mit Homosexualität beschäftigten, daher weichen Kiefers Äußerungen zu diesem Thema erwartungsgemäß von früheren Veröffentlichungen ab.

Besonders deutlich wird dies in seiner "Kulturgeschichte Roms unter besonderer Berücksichtigung der römischen Sitten" (1933, 1964, hier 1933), die vor allem in Übersetzungen wie "La vita sessuale nell'antica Roma" und "Sexual Life in Ancient Rome" erfolgreich war und viele Auflagen erreichte. Kiefer wertet nun Homosexualität ab und führt negative historische Beispiele an. So erwähnt er Homosexualität im Kontext heterosexueller Prostitution (S. 65). Er bringt Zitat von Martial von "derber Unzweideutigkeit" über das Entfernen von Körperhaaren, dass "vor allem (…) von all den männlichen Geschöpfen geübt" wurde und das dies "irgendwie homosexuellen Zwecken" diene (S. 162). Ovids Hinweis auf die Knabenliebe ist für Kiefer nur ein Beispiel dafür, wie "moralfern" die Römer über die Homosexualität dachten (S. 230). Bei Petronius' "Satyricon" handelt es sich, so Kiefer weiter, um einen "ganz und gar a-moralischen" Roman, wobei Kiefer "vor allem die naive Selbstverständlichkeit" auffiel, mit der Petronius die Knabenliebe "wie etwas ganz Selbstverständliches neben der andern Liebe behandelt" (S. 248-250). Der antike Autor Persius schreibe zwar Freundschaftsgedichte an einen Mann, "ohne daß man (…) berechtigt wäre, geradezu von Homosexualität zu sprechen" (S. 266-268). Neben Caligula (S. 310) habe auch Nero "homosexuelle Züge" und Quellen "erzählen von der für unsern Geschmack so lächerlichen 'Heirat' Neros mit irgendwelchen Lustknaben". Historische Quellen seien oft nur "böswillige(n) Erfindungen" und ein "eigentümliches Doppelleben" gäbe es auch bei den heutigen Homosexuellen (S. 317-319). Kiefer zitiert eine frauenfeindliche Äußerung von Johann Wolfgang von Goethe: "…hab ich als Mädchen sie satt, dient sie als Knabe mir noch" (S. 283). Den Beginn des Goethe-Zitates "Knaben liebt ich wohl auch" aus den "Venezianischen Epigrammen" (Nr. 144) verschwieg Kiefer.

In seinem nächsten Buch "Frauen um Nero" (1935 / 1950) versuchte Kiefer Hinweise auf Neros Homosexualität als pubertäre Spielchen zu bagatellisieren: "Wie jeder Jüngling reicher Kreise im Rom jener Zeit hat er nicht nur die lüsternen Spiele zusammen mit dem kleinen Lieblingssklaven erlebt – Dinge, aus denen man ihm dann viel später die tollsten Märchen angedichtet hat (S. 10). Sein drittes Buch "Kaiser und Kaiserinnen von Byzanz" (1937) stand mir nicht zur Auswertung zur Verfügung.


Kiefers Kehrtwende. In seinen Büchern nach 1933 wertete er Homosexualität ab, hier "La vita sessuale nell'antica Roma" (1988) und "Frauen um Nero" (1935)

Die literarische Einordnung von Otto Kiefer

Nach Marita Keilson-Lauritz (s. o.) gehört Otto Kiefer zu den Autoren, die im "Eigenen" und im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" schrieben (S. 146). Beruflich passt Kiefer gut zu den anderen Autoren des "Eigenen": Er gehörte zu den rund 20 Autoren im "Eigenen", die auch als Lehrer tätig waren (S. 274). Zudem gehörte Kiefer zu den nicht wenigen Juristen, die sich im Bereich der Literatur oder Literaturkritik versuchten; bekannteste Vertreter sind Karl Heinrich Ulrichs, Kurt Hiller, Hanns Heinz Ewers und Erich Ebermayer (S. 156). Keilson-Lauritz stellte außerdem fest, dass in Rezensionen von Juristen das "zugrundliegende Rechtssystem in den Werturteilen" argumentativ seltener vorkommt, als man eigentlich erwarten könnte. Damit lasse sich die "Erwartung, der 'Eigene' argumentiere vorwiegend innerhalb und aus dem System Kunst/Literatur, das 'Jahrbuch' dagegen im Rahmen des Systems Wissenschaft" nicht ohne Weiteres bestätigen (S. 224-225).

In den Veröffentlichungen über die antike Jünglingsliebe sieht Keilson-Lauritz "Versuche, Literatur als 'unsere Literatur' und damit als emanzipations-relevant" zu deuten (S 226). Auf diese Weise diente die Antike auch der Legitimation von Homosexualität zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Keilson-Lauritz vermutet – in Verbindung mit Rezensionen wie zu Robert Musils "Die Verwirrungen des Zöglings Törless" – ein sexuelles Interesse von Kiefer an Adoleszenten (S. 191), was nachvollziehbar erscheint, aber anhand der Quellenlage nicht endgültig verifizierbar ist. Zur Thematik von Ephebophilie bzw. Homosexualität sei zudem auf den auch online verfügbaren Aufsatz von Kiefer "Der Knabe in der Literatur" verwiesen (In "Das literarische Echo". 1916. 1. August. Spalte 1297-1304), der von der Antike bis zu Thomas Manns Novelle "Tod in Venedig" reicht.

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Resümee

Kiefers Veröffentlichungen über die Antike ergeben kein rundes Bild. Mal scheint er sich überhaupt nicht für die Homosexualität zu interessieren, mal verteidigt er sie engagiert und mal wertet er sie ab. Es ist verständlich, dass sich ein Autor dem politischen Druck des NS-Regimes beugte und zur Homosexualität schwieg oder sich zurückhielt. Aber ohne äußere Not Homosexualität abzuwerten, bleibt auch für die Zeit während einer Diktatur zu hinterfragen. Seine "Kulturgeschichte Roms" hätte er auch ohne die zahlreichen homophoben Positionierungen vermarkten können.

Leider ist auch die private Person Otto Kiefer kaum greifbar. Es existiert noch nicht einmal ein Foto von ihm und es gibt kaum Äußerungen über sein Privatleben. Auch die Veröffentlichungen unter Pseudonymen führen nicht weiter.

Die Aussicht, zukünftig noch mehr über Otto Kiefer zu erfahren, erscheint dabei durchaus realistisch. Marita Keilson-Lauritz erwähnt in ihrem Artikel "Vom Schicksal des pädagogischen Eros oder Das Dilemma der Emanzipation" (In: "Capri". Nr. 47. Mai 2013. 28-31. Online-PDF S. 2120-2123), dass sie während eines Besuchs in der Odenwaldschule Kontakt mit Kiefers Lieblingsschüler hatte, einem beinahe 90-jährigen alten Herrn, der voller Respekt von seinem verstorbenen Lehrer sprach. Zu den Dokumenten, die Keilson-Lauritz im Archiv der Odenwaldschule entdeckte, gehört auch ein unpublizierter "Jugendroman in einem Landschulheim" aus Kiefers Feder, der eines Tages vielleicht mal nachgedruckt wird und ihn greifbarer machen könnte.

-w-