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"Star Trek": Queere Klingon*­innen zum runden Geburtstag

1966 flimmerte "Star Trek" zum ersten Mal über die TV-Bildschirme. Zum 60. Jubiläum schenkt die Kult-Franchise sich und uns die neue Serie "Starfleet Academy" mit vielen frischen, jungen Gesichtern. Wie queer ist die Serie? Und taugt sie was?


Der erste schwule Klingone: Jay-Den Kraag (Karim Diane) flirtet in der fünften Episode von "Star Trek: Starfleet Academy" mit Kyle (Dale Whibley) aus dem War College (Bild: Paramount+)

In den knapp 60 Jahren seit der Premiere der ersten Episode von "Star Trek" am 8. September 1966 ist zwar einiges passiert auf der Welt, dennoch befindet diese sich heute in einer seltsam ähnlichen Situation. Damals dominierte der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion die Geopolitik, und man war wenige Jahre zuvor in der Kuba-Krise nur knapp an einem Dritten Weltkrieg vorbeigeschrammt. In den USA selbst gab es 1966 zahlreiche Unruhen, speziell in den Städten – die heftigen Spannungen entzündeten sich an Rassismus, Kulturkampf und Polizeibrutalität.

Die gewagte Vision einer optimistischen Zukunft

Mitten in diese krisengeschüttelte Zeit platzte mit der Science-Fiction-Serie "Star Trek" die utopische Vision einer optimistischen Zukunft für die Menschheit. Eine Zukunft, in der sich die Völker der Welt zusammengerauft, ihre Differenzen überwunden, ihren Rassismus und ihre Kriege beendet hatten und gemeinsam zu den Sternen aufgebrochen waren – und nicht etwa, um zu erobern, nein, um zu erkunden, zu forschen, Kontakte zu knüpfen und sich weiterzuentwickeln.

Es ist eine Vision, die heute so unerreichbar scheint wie 1966, und dennoch ist es schön, dass es sie noch immer gibt, dass sie uns nun schon 60 Jahre lang begleitet und sich auf Basis von mehreren nostalgischen Fan-Generationen immer wieder ein bisschen neuerfindet. Die aktuellste Inkarnation heisst "Star Trek: Starfleet Academy" und spielt in der legendären Ausbildungsstätte der Sternenflotte der Vereinigten Föderation der Planeten in San Francisco. Sie kann auf so berühmte Alumni zurückblicken wie James T. Kirk, Jean-Luc Picard oder Kathryn Janeway, und wer sie erfolgreich absolviert, hat gute Chancen auf eine prestigeträchtige Position auf einem der Raumschiffe der Föderation.


Auch im 32. Jahrhundert wuppen fierce Dragqueens die besten Bars: Szene aus der fünften Folge von "Starfleet Academy" (Bild: Paramount+)

Die erste neue Klasse seit 120 Jahren

Angesiedelt ist die Serie im 32. Jahrhundert, also rund 900 Jahre nach den Ereignissen der Originalserie. Denn sie ist eine Art Spin-off von "Star Trek: Discovery" (2017-2024) und bringt auch ein Wiedersehen mit einigen von deren Nebenfiguren. Das Raumschiff Discovery machte am Ende der zweiten Staffel einen Zeitsprung in die ferne Zukunft und landete in einer Welt, in der die Föderation nahezu kollabiert war. Ein fatales Ereignis, genannt "The Burn", hatte fast alles Dilithium in der Galaxis zerstört – jenes entscheidende Material für Raumschiffantriebe und andere Energiegewinnung. Sämtliche dieser Reaktoren waren gleichzeitig explodiert, Millionen starben, und die Warp-Technologie, die weite Reisen durchs All überhaupt erst ermöglichte, stand plötzlich nicht mehr zur Verfügung.

Von all dem hat sich die Föderation zum Zeitpunkt von "Starfleet Academy" wieder einigermaßen erholt, aber der Wiederaufbau der alten Kontakte ist noch immer in vollem Gang. Und zum ersten Mal seit 120 Jahren absolviert auch wieder eine Klasse junger, ehrgeiziger Studierender die Ausbildung der Sternenflotte in San Francisco. Und natürlich entwickeln sich während der anspruchsvollen Ausbildung neben allerlei Rivalitäten auch neue Freundschaften und Liebesbeziehungen.

Promis und queere Darstellerinnen

Neben den vielen frischen, jungen Gesichtern gibt's auch ein paar alte Bekannte, darunter Robert Picardo als "The Doctor", den holografischen Chefarzt von "Voyager" (1995-2001), oder Tig Notaro, die clevere Ingenieurin Jett Reno von "Discovery". Zudem ließen sich drei echte Promis verpflichten: Oscar-Gewinnerin Holly Hunter als Kanzlerin der Academy und weise Mentorin der Studierenden sowie die langjährigen "Star Trek"-Fans Paul Giamatti und Stephen Colbert. Für den renommierten Charakterdarsteller und Oscar-Gewinner Giamatti geht mit seiner Rolle als durchtriebener Weltraum-Pirat ein Kindheitstraum in Erfüllung. Ebenso begeistert am Werk ist der politische Late-Night-Comedian Colbert, der dem digitalen Studienleiter der Academy seine Stimme leiht.

"Discovery" war so queer wie noch keine "Star Trek"-Serie zuvor. "Starfleet Academy" ist nun etwas zurückhaltender unterwegs. Aber es gibt neben Tig Notaro noch zwei weitere offen queere Darstellerinnen: Gina Yashere (als kompromisslose Drillmeisterin Lura Thok, halb Klingonin, halb Jem'Hadar) sowie Kerrice Brooks (als fröhliche Hologramm-Studentin SAM). Notaros und Yasheres Figuren Jett Reno und Lura Thok sind ebenfalls queer und leben als Paar zusammen, was beiläufig ein Thema ist.


Ausbilderin Lura Thok (Gina Yashere, l.) und Ingenieurin Jett Reno (Tig Notaro) sind das lesbische Powerpaar an der Akademie (Bild: Paramount+)

Der erste schwule Klingone

Und dann ist da noch Jay-Den Kraag (Karim Diane), der Klingone unter den auch sonst maximal diversen Studierenden. Entgegen der kriegerischen Reputation seiner Spezies ist Jay-Den zurückhaltend, sensibel, pazifistisch, trägt ab und zu Rock statt Hosen – und steht noch dazu auf Männer. So zumindest scheint es nach der ersten Hälfte der ersten Staffel.

Es interessieren sich sogar gleich zwei attraktive Typen für den ungewöhnlichen Klingonen: Einerseits der selbstbewusste, fast schon arrogante Darem (George Hawkins), andererseits der sympathische Kyle (Dale Whibley) aus dem War College nebenan. In der fünften Episode jedenfalls, als die stets miteinander rivalisierenden Gruppen in einem Club in San Francisco ausgelassen feiern, zerrt Darem Jay-Den von Kyle weg als die beiden nach einigem Flirten etwas zu ausgelassen miteinander tanzen. In den verbleibenden Folgen wird sich das sicherlich noch weiterentwickeln.

"Star Trek" als Gegenprogramm zur MAGA-Bewegung

Die neue Serie geriet auch rasch ins Visier der rechtskonservativen Empörungsmaschinerie, die offenbar die enorme Diversität von "Starfleet Academy" nicht erträgt und als "zu woke" empfindet. Angeführt wird der Backlash vom sehr, sehr weit rechts stehenden Trump-Berater Stephen Miller höchstpersönlich, der auf X forderte, man solle William Shatner die "totale kreative Kontrolle" über die Franchise geben, dem inzwischen 94-jährigen kanadischen Darsteller von Captain Kirk aus der Originalserie von 1966 (queer.de berichtete).

Shatners Antwort auf X folgte postwendend. Den "woke"-Vorwurf ignorierend und Millers Post wohl bewusst falschverstehend, schrieb er reichlich ironisch: "Ich bin ganz Ihrer Meinung! Die Tatsache, dass sie im 32. Jahrhundert noch kein Heilmittel für Weitsichtigkeit gefunden haben, ist eine katastrophale Nachlässigkeit der Autoren." Damit spielte er auf die Brille an, die Holly Hunters Figur in einer Szene trägt.

Bemerkenswert an all dem ist vor allem eins: Dass es offenbar sogar im Leben von rechtskonservativen MAGA-Fans eine Zeit gab, in der sie "Star Trek" so sehr gemocht haben, dass sie nostalgisch darauf zurückblicken. Und dabei offensichtlich irgendwie verdrängen, dass die Serie schon immer für all das stand, was sie verabscheuen. Zwar gab es 1966 den Begriff "woke" so noch nicht, aber genau das war es, was Serienerfinder Gene Roddenberry seinem Publikum vorsetzte: eine Feier der Diversität, der Toleranz und Akzeptanz nach der Überwindung von Fremdenhass, Krieg und Kapitalismus.

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Nicht "zu woke", dafür andere Probleme

Über die Jahrzehnte hat sich der gesellschaftliche Fortschritt immer in den diversen "Star Trek"-Serien abgebildet, wenn auch manchmal vielleicht etwas weniger schnell als sich dies die progressiven Fans erhofften. "Star Trek" ist in jeder Hinsicht das Gegenprogramm der MAGA-Bewegung, und war das auch schon immer. Die Weltbilder von Typen wie Stephen Miller haben die Menschen des "Star Trek"-Universums schon seit Jahrhunderten hinter sich gelassen. Allerdings auch erst nach den Fürchterlichkeiten eines Dritten Weltkriegs, der übrigens 2026 begann und bis 2053 dauerte.

Während "Starfleet Academy" sich mit seiner progressiven Diversität also im üblichen Rahmen bewegt und durchaus überzeugt, lassen andere Aspekte ein wenig zu wünschen übrig. So wähnt man sich in einigen Folgen eher in einer amerikanischen Teenie-College-Serie als bei "Star Trek". Und nicht alle Storys der einzelnen Episoden überzeugen so richtig, wenn sich zuvor sorgsam aufgebaute Probleme und Konflikte innerhalb weniger Minuten auflösen lassen – da wünschte man sich etwas sorgfältigere Drehbucharbeit.

Alles in allem ist das Geburtstagsgeschenk durchaus unterhaltsam und bemüht sich redlich, mit Referenzen zu früheren Serien und Figuren die Nostalgie der Fans zu stimulieren. Auch eine zweite Staffel ist bereits in Vorbereitung. Aber die Weltraumabenteuer fehlen halt irgendwie schon ein bisschen.

-w-