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Kommentar
Als ich etwas über "Trans auf TikTok" lernen wollte
Die transfeindliche Initiative Queer Nations (IQN) lud am Freitag in Berlin zum Vortrag "Trans auf TikTok. Trägt Social Media zu Gesundheit bei?" von Till Randolf Amelung. Bis zur Pause habe ich es ausgehalten.

Anstelle eines Fotos von der "Queer Lecture" mit Till Randolf Amelung: Wenn man ChatGPT bittet, ein Bild zum Thema "Trans auf TikTok" zu erstellen, bekommt man dieses schöne Ergebnis
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8. Februar 2026, 10:51h 4 Min.
Das "Dreamteam" der Initiative Queer Nations (IQN) hat am Freitagabend nach Berlin-Neukölln zu einer "Queer Lecture" eingeladen. Im Hinterzimmer der Kneipe "Bajszel" in der Emser Straße präsentierten die uns bestens bekannten Jan Feddersen (Moderation) und Till Randolf Amelung (Vortragsredner) ihre uns ebenfalls bestens bekannten Ansichten zum Thema trans Kinder und Jugendliche unter dem Titel "Trans auf TikTok. Trägt Social Media zu Gesundheit bei?".
Das nennt man eine rhetorische Frage, denn natürlich war klar: Erstens Social Media ist ungesund und das Transsein für Kinder und Jugendliche sowieso, Stichwort "soziale Ansteckung". In dem gut besuchten Hinterzimmer hatte sich – so mein Eindruck – eine Schar von Einverständigen versammelt, man kannte sich wohl weitgehend, was ein Zuwinken und Hallo hier, ein Lächeln und Kopfnicken dort signalisierten. Deshalb dürfte Feddersens Bekenntnis, nichts mit Queer-Feminismus am Hut zu haben, bei den Versammelten dankend innerlich abgenickt worden sein.
Manipulative Kurven
Gut, man muss nicht queer-feministisch sein, aber man muss schon gar nicht dem genderkritischen Feminismus huldigen – feministisch zu sein und alle zu adressieren, wie uns das bell hooks einst lehrte, wäre top. Außerdem würde es schon reichen, bei einem existentiellen Thema wie trans Kinder und Jugendliche sachlich zu bleiben. Statistiken sind jedenfalls kein verlässlicher Ausweis für Wahrheit, sondern oft nur Teil von Strategien und so viel wert wie eine frisierte Buchhaltung.
Denn natürlich beeinflusst auch die Art der Darstellung – all die hochrauschenden Kurven, die scheinbar für sich sprechen. Was sie tatsächlich und wortwörtlich tun, aber leider auch in einem manipulativen Sinne. Wie wäre es zur Abwechslung mit absoluten Zahlen, um beispielsweise ein Gespür für Verhältnismäßigkeit zu bekommen? Oder wie wäre es, zur Abwechslung auch die andere Seite zu zitieren.
Thema verfehlt
Und wie wäre es, endlich diese Mythenerzählung, wonach es mehr trans Mädchen gebe und nur Mädchen Pubertätsprobleme haben, mit der Realität zu konfrontieren? Geschlechtlich spiegelt die trans Community am Ende das gesellschaftliche Geschlechterverhältnis wider (mit einem wahrscheinlich etwas höheren Anteil an nichtbinär). Nur scheint es bei transweiblich und transmännlich eine zeitliche Verschiebung zu geben. Ganz klar: Der Blick für das Ganze fehlt. Eine Bilanz hat immer zwei Seiten.
Wäre Amelungs anderthalbstündiger (!) Vortrag ein Deutsch-Aufsatz gewesen, stünde darunter: Thema verfehlt. Nicht weil er versäumt hat, über Social Media zu sprechen und die Frage, ab welchem Alter sie zugänglich sein sollte oder über die medizinische Seite von Transitionen und gewisse Risiken, nicht weil er geradezu quälend ausführlich Definitionen von trans und deren geschichtliche Entwicklung lieferte, sondern weil über "Trans und TikTok", von wenigen Hinweisen abgesehen, schlicht nichts zu hören war. Genau dafür aber hatte ich mich auf den Weg nach Neukölln gemacht. Stattdessen gab es die Empfehlung, sich auf TikTok selbst einmal umzuschauen. Na, danke, und dafür bin ich durch den Berliner Schneematsch gestapft.
In der Pause ergriff ich die Flucht
Ich hatte die Pause nach den ziemlich herausfordernden anderthalb Stunden Vortrag als Chance gesehen und die Flucht ergriffen. Meine Leidensfähigkeit hat Grenzen und die anschließende Diskussion, so meine Befürchtung, wäre nicht weniger strapaziös geworden. Ist das ein Vorurteil? Nein, nur Erfahrung.
Eines war vorher schon klar: Amelung sieht sich als Mahner und nutzt jede Gelegenheit, sich gegen den sogenannten genderaffirmativen Ansatz in der trans Therapie auszusprechen mit Seitenhieben gegen den trans Aktivismus. Aber was spricht denn dagegen, junge Menschen ernst zu nehmen?
Gewiss, trans wird nicht in allen Fällen die Problemlösung sein, aber trans quer durch die Bank zu diskreditieren ist ein Riesenproblem. Und zum Stichwort "soziale Ansteckung", mal abgesehen davon, dass das die Lieblingsideologie von Putin & Co ist, ist das sicherlich ein Phänomen der menschlichen Kultur. Geschlechterrollen funktionieren nur so. Ist das noch niemanden aufgefallen, dass Lernen Nachahmen bedeutet? Ja, vor fünfzig Jahren brauchte ich auch Wissen und Vorbilder, um zu erkennen, dass ich eine trans Frau bin.














