Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?56801

Rasante Karriere, steiler Absturz

Kerwin Mathews – Hollywoods erster schwuler Fantasyheld

Im Januar wäre der US-Schauspieler Kerwin Mathews ("Herr der drei Welten") 100 Jahre alt geworden. Während er in seinen über 30 Filmrollen meistens Liebesszenen mit Frauen hatte, stand er im wahren Leben auf Männer.


Kerwin Matthews im Film "Der Herrscher von Cornwall" (Originaltitel: Jack the Giant Killer) aus dem Jahr 1962 (Bild: IMAGO / Everett Collection)
  • Von Sebastian Jung
    8. Februar 2026, 11:38h 8 Min.

1958 neigte sich das Goldene Zeitalter Hollywoods langsam seinem Ende entgegen. Das lag unter anderem an der flächendeckenden Ausbreitung des Fernsehens in amerikanischen Haushalten, aber auch am langsamen Schwund der Privilegien großer Studios wie Warner Brothers und Paramount. Dennoch war es ein Jahr, in dem gewissermaßen Filmgeschichte geschrieben wurde, genauer gesagt: Geschichte der Tricktechnik und visueller Effekte. Ray Harryhausen, der heute als Pionier der Stop-Motion-Technik gilt, ließ im actiongeladenen (für damalige Verhältnisse) Kassenschlager "Sindbads siebente Reise" (1958) riesige Zyklopen gegen Drachen kämpfen, eine Schlangenfrau einen Bauchtanz aufführen und in bester Sword&Sorcery-Manier ein vollanimiertes Skelett mit Säbel und Schild gegen den Helden der Geschichte kämpfen. Dieser wurde vom bis dahin noch ziemlich unbekannten Schauspieler Kerwin Mathews verkörpert, der aber dank seiner Performance als Sindbad zu einem der großen Stars des Abenteuerfilms avancierte – zumindest für ein paar Jahre.

Geboren wurde Kerwin Mathews am 8. Januar 1926 in Seattle, zog mit seiner Mutter aber bereits im Alter von zwei Jahren ins ländliche Wisconsin. Dort wurde sein Schauspieltalent an der High School früh entdeckt und gefördert, ehe er seine Schullaufbahn 1943 abschloss. Danach diente er für die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs als Pilot und Schwimmlehrer in der Air Force. Mit der Kapitulation Deutschlands beendete er auch seinen Dienst beim Militär und versuchte sein Glück erneut in der Schauspielerei. Nach einer umfassenden Ausbildung in Schauspiel und Musik an verschiedenen Colleges spielte er zunächst im Theater, verdiente aber auch als Schauspiel- und Englischlehrer seinen Lebensunterhalt. Um sich beruflich weiterzuentwickeln, zog es ihn 1954 nach Los Angeles, wo er schon bald vom Casting Director von Columbia Pictures entdeckt wurde.

Von Columbia unter Vertrag genommen

Columbia zählte damals zu den sogenannten "Little Three", also zu einer Gruppe von drei Filmstudios, die während des Golden Age keine eigene Kinokette betrieben – im Gegensatz zu den "Big Five" (unter anderem Warner Brothers und MGM). Der Unterschied zwischen den Big Five und kleineren Studios wie Columbia bestand aber auch darin, dass die großen Studios eher konservativ geführt wurden: Ihr Fokus lag verstärkt auf Gewinn und Sicherheit. Entsprechend produzierten und veröffentlichten diese Studios vor allem massentaugliche Filme mit großer Starbesetzung, wofür charismatische Schauspieler*innen auch gezielt aufgebaut und für sehr lange Zeitspannen exklusiv unter Vertrag genommen wurden. Die kleineren Studios waren in dieser Hinsicht flexibler und innovativer. Sie gingen größere künstlerische Risiken ein, indem sie beispielsweise Nischen bedienten, die von den Big Five gemieden wurden (etwa Science Fiction). Darüber hinaus engagierten sie auch häufiger junge, unbekannte Talente.

Mathews wurde von Columbia sofort für sieben Filmproduktionen unter Vertrag genommen. Dabei half im wahrscheinlich nicht nur sein Schauspieltalent, sondern auch seine Attraktivität – ein Klassenkamerad beschrieb in später als "hübschen Frechdachs". In seinem ersten Film für das Studio, "Ums nackte Überleben" (1957), wurde er bereits in eine führende Rolle gecastet. Im darauffolgenden Film, "Brückenkopf Tamara" (1958), übernahm Mathews direkt die Hauptrolle als Kapitänleutnant der US-Marines. Weil seine Leistung dem Produzenten dieses Kriegsdramas imponierte, castete der ihn direkt als Hauptbesetzung für seine nächste Produktion: "Sindbads siebente Reise".

Außerordentliche Leistungen

Kerwin Mathews' außerordentliche Leistungen in dieser Rolle wurden von Kolleg*innen auch noch Jahrzehnte später hervorgehoben. Besonders Harryhausen war beeindruckt von seiner Fähigkeit, glaubhaft und authentisch mit unsichtbaren Gegnern zu kämpfen. Denn die damals angewandte Technik, Harryhausens sogenannte "Dynamation", fügte die Trickfiguren erst nachträglich ins Bild ein. Sindbads Begegnungen mit den Zyklopen, sein Kampf gegen einen zweiköpfigen Riesenvogel und sein Schwertgefecht gegen das Skelett: Das alles musste Mathews ohne ein entsprechendes Gegenüber spielen – er stocherte sozusagen mit Schwert und Fackel in der Luft herum. Trotzdem stimmte die Chemie, die Illusion war durchweg gelungen und wird noch heute als Meilenstein in der Weiterentwicklung visueller Effekte gefeiert.

Eine Verfilmung von Jonathan Swifts Satire "Gullivers Reisen" im Jahr 1960 (veröffentlicht unter dem Titel "Herr der drei Welten") brachte Kerwin Mathews wieder mit Ray Harryhausen zusammen, diesmal aber in bedeutend kleineren Dimensionen – sowohl in Bezug auf das Ausmaß an eingesetzter Tricktechnik, als auch in Bezug auf das Schicksal der Titelfigur, die zwischenzeitlich als winziger Däumling zwischen Riesen leben muss. Gegen Riesen, Hexen und Drachen kämpft er auch in einer seiner letzten großen Hollywood-Produktion: Als Jack der Riesentöter in "Der Herrscher von Cornwall" (1962) muss er abermals eine holde Prinzessin vor den finsteren Machenschaften eines tückischen Zauberers retten – ein klischeehaftes Erzählmuster, das so bereits in "Sindbads siebente Reise" durchexerziert wurde. Danach verließ Mathews Columbia und arbeitete fortan als freischaffender Schauspieler, allerdings nur noch in kleineren Produktion oder B-Movies. Dazu zählen zwei Verfilmungen einer französischen Romanreihe um den Geheimagenten OSS 117, sowie eine Reihe trashiger Science-Fiction- und Horrorfilme wie "Battle Beneath the Earth" (1968) und "Octaman" (1971).

Mit der Karriere ging es steil bergab

Warum Kerwin Mathews' steile Karriere nach seiner Vertragszeit bei Columbia so plötzlich und steil bergab ging, darüber lässt sich nur spekulieren. Eine mögliche Antwort bietet aber seine sexuelle Orientierung. 1961 lernte er während eines beruflichen Aufenthalts in London Thomas Clark Nicoll kennen, der in der Luxuswarenkette Harvey Nichols für die Warenpräsentation verantwortlich war. Thomas, der sich für das Klavierspielen ebenso sehr zu begeistern wusste wie für das Ballett, Innenausstattung, Orchideen und Bodybuilding, war zu diesem Zeitpunkt künstlerisch bereits vielseitig aktiv geworden, beispielsweise als Fotograf. Sein Schwerpunkt lag auf ästhetischen Aufnahmen von trainierten Männerkörpern, die in Magazinen wie "Adonis" veröffentlicht wurden und einen engen, professionellen Austausch mit Touko Laaksonen anstießen, der seinerseits unter dem Pseudonym Tom of Finland noch heute als Ikone schwuler Ästhetik gilt. Nicoll, so wird berichtet, war selbst enthusiastischer Kraftsportler und legte großen Wert auf ein athletisches Äußeres, weshalb Laaksonen ihn auch mehrfach darum bat, ihm für erotische Zeichnung Modell zu stehen.

Aus Mathews' Bekanntschaft mit Nicoll entwickelte sich schnell eine stabile Beziehung, bald schon lebten sie gemeinsam unter einem Dach in der kleinen Stadt Venice in Kalifornien. Der Schauspieler hielt diese Beziehung weitgehend geheim, da Homosexualität im sonst so liberalen Hollywood zu jener Zeit noch stark stigmatisiert war und er in seinen Heldenrollen explizit als Frauenschwarm inszeniert wurde. Es ist durchaus möglich, dass seine Lebenssituation trotz der Diskretion Verdacht erregte. Kerwin Mathews hatte keine Alibifrau – anders als viele andere ungeoutete Stars seiner Zeit wie etwa Rock Hudson – und lebte verhältnismäßig zurückgezogen. Das allein dürfte schon für ordentlich Klatsch und Geraune in Hollywood gesorgt haben. Dazu kam sein offenkundiges Interesse an Kunst und Kultur, vor allem aber auch für Antiquitäten und Kunstmöbel. Dieses Faible verband ihn Zeit seines Lebens mit Thomas Nicoll.

Die Queer-Kollekte
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Jetzt unterstützen!

Antiquitätenhändler in San Francisco

1978 strich Mathews nach einigen letzten, kleineren Fernsehauftritten endgültig die Segel in Hollywood und ließ sich gemeinsam mit Nicoll in San Francisco nieder, wo sie ihre Leidenschaft für Antiquitäten und Mode zum Beruf machten. Thomas lebte und arbeitete zu diesem Zeitpunkt schon seit einigen Jahren in der Stadt und machte Karriere bei der Joseph Magnin Company – einer luxuriösen Kaufhauskette, die sich auf Mode, Schmuck und Kosmetik aus Europa spezialisierte. Stöbert man ein wenig im Stadtarchiv von San Francisco, dann findet man einige Anhaltspunkte dafür, dass auch Kerwins Umzug in die Stadt bereits lange vor dem offiziellen Ende seiner Karriere begann, sozusagen Schritt für Schritt. Im städtischen Branchenverzeichnis und Telefonbuch von 1974 wird er bereits als Manager von "Pierre Deux" in der Sutter Street 532 erwähnt, einem zu diesem Zeitpunkt noch jungen Label aus New York, das sich auf Mode und Möbel in der Ästhetik der französischen Provence spezialisierte. Das Geschäft lag günstig am Union Square und damit direkt an der Hauptschlagader des queeren Epizentrums Amerikas. Zeitungsberichte aus den späten 70ern erwähnen die Adresse gelegentlich und weisen darauf hin, dass Kerwin Mathews nicht nur Massenware des Labels veräußerte, sondern auch selbst hochwertige Textilien wie Tischdecken und Servietten anfertigte und alte Polstermöbel restaurierte.

Im gleichen Jahr gibt es bereits einen Eintrag für Nicoll in der Buena Vista Terrace 67, ein beschauliches, nobles Viertel voller imposanter Altbauten aus der Zeit vor dem großen Erdbeben von 1906. Von dort dauerte eine Autofahrt zum Geschäft am Union Square etwa 20 Minuten – ein geringer Aufwand für ein finanziell abgesichertes Paar, das vor allem seine Privatsphäre und Ruhe schätzte. Hier lebten die beiden glücklich mit ihren Katzen für viele Jahrzehnte bis zu einer warmen Sommernacht am 5. Juli des Jahres 2007, in der Mathews im Alter von 81 Jahren im Schlaf verstarb. Thomas hielt die Erinnerung an Kerwin noch für mehr als anderthalb Jahrzehnte wach und erzählte am liebsten von seiner gemeinsamen Zeit mit seinem geliebten Partner, ehe er selbst am 2. Januar 2024 im biblischen Alter von 94 Jahren friedlich einschlief.

Ihr gemeinsamer Nachlass ging an eine Reihe gemeinnütziger Institutionen, die sich für die Rechte und den Schutz queerer Menschen einsetzen. Thomas Nicolls eigene Fotografien, aber auch seine private Sammlung von Kunstwerken (unter anderem seines Freundes Tom of Finland) vermachte er dem James C. Hormel LGBTQIA Center der Stadtbibliothek von San Francisco, sowie dem San Francisco Museum of Modern Art. Am 8. Januar diesen Jahres wäre Kerwin Mathews 100 Jahre alt geworden.

-w-