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Kiel
Anklage nach wohl queerfeindlicher Attacke: Hauptverdächtiger war zur Tatzeit 15 Jahre alt
Mehr als 30 Zeug*innen, lange Ermittlungen: Nach einem Streit um lackierte Fingernägel erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage wegen einer lebensbedrohlichen Messerverletzung.

Die Tat hatte sich vor der Bar "Mum&Dad" am Ziegelteich in der Kieler Innenstadt ereignet (Bild: mumdadkiel / instagram)
- 11. Februar 2026, 13:13h 3 Min.
Mehr als drei Jahre nach einem blutigen Überfall mit queerfeindlichen Beschimpfungen vor der Kieler Innenstadt-Kneipe "Mum&Dad" hat die Staatsanwaltschaft nach langwierigen Ermittlungen Anklage gegen drei Tatverdächtige erhoben. "Gegen einen zur Tatzeit 15 Jahre alten jungen Mann wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit versuchtem Totschlag und gegen zwei zur Tatzeit 17 Jahre alte junge Männer wegen gefährlicher Körperverletzung", sagte der Kieler Oberstaatsanwalt Michael Bimler der Deutschen Presse-Agentur. Der jüngere Hauptverdächtige ist inzwischen 18 Jahre alt – und sitzt wegen einer anderen Straftat in Haft.
Über eine Eröffnung des Hauptverfahrens vor der Jugendkammer habe das Landgericht Kiel noch nicht entschieden. Zuvor hatten die "Kieler Nachrichten" (Bezahlartikel) berichtet. Sollte es zum Prozess kommen, würde die Öffentlichkeit wegen des Alters der Beschuldigten ausgeschlossen werden.
Staatsanwaltschaft hält trotz queerfeindlicher Äußerungen Motiv für unklar
Nach der Tat im November 2022 wurde in Richtung eines möglichen homophoben Hintergrunds ermittelt. "Keiner der Beschuldigten hat sich zur Sache eingelassen", sagte Bimler. Deswegen sei die Frage des Motivs weiter schwierig. "Anlass der ersten Auseinandersetzung sind lackierte Fingernägel eines der Geschädigten gewesen." Danach seien schwulenfeindliche Äußerungen gefallen. Ob Queerfeindlichkeit handlungstreibend für die gesamte Auseinandersetzung gewesen oder ob etwas eskaliert sei, müsse der Prozess zeigen.
Alle drei Tatverdächtigen kommen aus Kiel, bei einem von ihnen ist der Aufenthaltsort derzeit unbekannt. Die Ermittler*innen hätten zu Beginn keinen Beschuldigten gehabt und Stein für Stein in dem Fall umgedreht, sagte Bimler. Handy-Daten seien ausgewertet und zahlreiche Zeugen vernommen worden. In der Anklageschrift seien mehr als 30 Zeug*innen aufgeführt.
Was war passiert?
Früheren Angaben der Polizei zufolge hatte ein 23-Jähriger, der nachts vor dem Lokal einen Streit zwischen zwei Männergruppen schlichten wollte, eine zunächst lebensbedrohliche Stichverletzung am Oberkörper erlitten (queer.de berichtete). Erste Befragungen von Geschädigten und Zeug*innen hatten demnach ergeben, dass die lackierten Fingernägel eines Mannes offenkundig den Streit ausgelöst hatten. Der Mann sei zunächst homophob beleidigt worden, dann habe bei einer folgenden körperlichen Auseinandersetzung mindestens ein Mann mit einem Messer zugestochen.
Zwei Männer aus der attackierten Gruppe im Alter von 23 und 27 Jahren erlitten den damaligen Polizeiangaben zufolge oberflächliche Schnittverletzungen an den Armen. Der Dritte aus dem Trio, ebenfalls 23 Jahre alt, wurde von Schlägen im Gesicht verletzt.
Die Tatverdächtigen flüchteten. Eine Fahndung mit zahlreichen Streifenwagen verlief ohne Erfolg. Die Staatsanwaltschaft setzte damals für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, eine Belohnung von 2.000 Euro aus.
Nach der Tat hatten rund 800 Menschen vor dem Tatort gegen queerfeindliche Gewalt demonstriert, viele lackierten sich aus Solidarität die Fingernägel bunt (queer.de berichtete). Im Kieler Stadtrat stellten sich alle Fraktionen – außer der rechtsextremen AfD – in einer Resolution hinter die queere Community (queer.de berichtete). (dpa/dk)















