Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?56849

Hilfe aus dem Hause Hohenzollern

"Jeder fühlt den Eros auf eine and're Weise"

Heute vor genau 200 Jahren – am 12. Februar 1826 – wurde Georg von Preußen geboren, der zu den ersten und wichtigsten Förderern der frühen Homosexuellenbewegung gehörte


Georg von Preußen (1826-1902) auf einem Ölgemälde von 1902 (Bild: Moritz Röbbecke / wikipedia)

Friedrich Wilhelm Georg Ernst, Prinz von Preußen (1826-1902) aus dem Hause Hohenzollern wurde am 12. Februar 1826 in der Nähe von Düsseldorf als Sohn von Prinz Friedrich und dessen Gattin Louise von Anhalt-Bernburg geboren. Abweichend von der Familientradition zeigte er keine Neigung zur militärischen Laufbahn, sondern begann schon früh, seine musischen Talente zu entfalten. In meinem Buch "Anders als die Andern. Schwule und Lesben in Köln und Umgebung 1895-1918" (2006. DVD: S. 87) hatte ich über Prinz Georg von Preußen bereits ein eigenes Kapitel geschrieben. Weil er mich 2006 vor allem lokalgeschichtlich interessierte, habe ich den Text nun um weitere Angaben ergänzt.

Seine Dramen

Prinz Georg von Preußen war unter den Pseudonymen "G. Conrad" und "Georg Conrad" als Dramatiker tätig. Er verfasste mindestens 24 Werke – überwiegend Tragödien und Dramen, die sich an antiken oder historischen Stoffen orientierten. Im Vordergrund standen meist heroische Ideale, familiäre Konflikte oder historische Persönlichkeiten. Damit blieb Georg von Preußen in seiner literarischen Produktion den bürgerlichen und höfischen Normen des 19. Jahrhunderts treu. Es stimmt, dass Werke wie "Alexandros" (1877), "Sappho" (1887), "Umsonst" (über Königin Christine von Schweden, 1877) und "Conradin" (über Konradin von Staufen, 1887) aus "heutiger Sicht wegen ihrer homoerotischen Konfigurationen von Interesse sind" (Lexikon "Mann für Mann". 2010. 1. Band, S. 390). Bisher lässt sich jedoch in keinem seiner Werke eine deutliche Auseinandersetzung mit gleichgeschlechtlicher Liebe nachweisen.

Daher geht es auch in "Sappho. Drama in einem Aufzug" (1887) um die Liebesbeziehung von Sappho zu dem schönen Phaon. Nur einzelne Zeilen lassen vermuten, dass sich der Autor Liebe auch außerhalb der Liebe zwischen Frau und Mann vorstellen konnte: "Denn Millionen beugen sich dem Eros, und jeder fühlt den Eros auf eine and're Weise. Wem soll man Recht, wem soll man Unrecht geben?" (S. 11) und "Ist nicht Verschiedenheit in der Natur – Begründet, festgestellt? Erfreut uns nur" (S. 15).


Buchcover von "Sappho. Drama in einem Aufzug" (1887. Ausschnitt)

Seine Theater-Kontakte in Berlin

Das Erstaufführungsrecht seiner Dramen besaß das Berliner Nationaltheater am Weinbergweg. Dieses Theater war in den 1860er und 1870er Jahren ein Treffpunkt von Homosexuellen. Der Direktor und viele der dort beschäftigten Schauspieler, wie z.B. auch der aus Köln gebürtige Hermann Hendrichs, waren homosexuell. "Im Tunnel des Nationaltheaters herrschte in den Pausen ein reges Leben, in dem für den Kenner ein nicht unbeträchtlicher homosexueller Einschlag unverkennbar war. Allabendlich sah man hier auch den Prinzen Georg, wegen seines leutseligen, heiteren Wesens äußerst populär, und oft neben ihm (…) Herrn von Schweitzer (Zu Schweitzer s. queer.de). Ihre gewöhnliche Unterhaltung bildete das Theater. Beide waren nämlich im Nebenberuf selbst Dramatiker" (Magnus Hirschfeld: "Von einst bis jetzt", 1986. S. 96). Als Hermann Hendrichs Direktor des Berliner Victoriatheaters wurde, gehörte Prinz Georg von Preußen auch hier zu einem (nach heutiger Terminologie) schwul-kulturellen Netzwerk – "eine Vorform eines schwulen (…) Zusammenhaltes vor der Gründung eigentlicher Organisationen" ("Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit. 200 Jahre Geschichte". 2004. S. 47-48. S. a. "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" 1914. S. 53-54, 57 im Rahmen des Artikels: "Aus dem homosexuellen Leben Alt-Berlins").

Seine Theater-Kontakte im Rheinland

Auch für das Rheinland deutet sich ein Netzwerk an, das die Homosexuellenbewegung u. a. durch die Unterstützung der Petition zur Abschaffung des § 175 unterstütze. In meinem Buch "Anders als die Andern" (2006, DVD: S. 156-157, 162) habe ich dies durch die vielschichtigen Beziehungen von Louise Dumont (Intendantin des Düsseldorfer Schauspielhauses) und Berthold Litzmann (Germanist und Literaturhistoriker in Bonn) dargelegt. Auch in diese Kreise wirkte Prinz Georg von Preußen hinein, weil er Protektor der von Berthold Litzmann begründeten Literarhistorischen Gesellschaft war und mit Litzmann im freundschaftlichen Kontakt stand. In der Düsseldorfer Malerschule sowie im Schauspielhaus Düsseldorf förderte Georg von Preußen junge männliche Talente. "Durch (seine) Arbeit half er in edelster Weise jungen Künstlern; füllte seine Säle mit trefflichen Kopien nach Rafael. (…) Viel und gern umgab er sich mit jungen Leuten, (…) lud sie zu kleinen Diners oder in seine Loge ein." (Nachruf von Marie von Olfers "Georg Prinz von Preußen". In: "Hohenzollern-Jahrbuch VI", 1902, S. I-IV, hier S. III). Zu diesen jungen Männern gehörte auch sein Adjutant Georg von Hülsen-Häseler, dem er den Weg bei Hofe und beim Theater ebnete (s. "Mann für Mann", 2010. S. 391, 580-582).


Eine Frühstückseinladung "Auf höchsten Befehl": Prinz Georg lädt 1896 zu einem "Dejeuner"

Die Petition zur Abschaffung des § 175 (1899)

Magnus Hirschfeld (1868-1935) hatte gemeinsam mit anderen Männern 1897 das Wissenschaftlich humanitäre Komitee (WhK) und damit die erste homosexuelle Interessenvertretung der Welt gegründet. 1899 initiierte er zudem eine Petition zur Abschaffung des§ 175 StGB, der homosexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe stellte. Zuvor hatte er für dieses Vorhaben prominenten Unterstützer gesucht und auch gefunden. Die wichtigsten und ersten vier Personen, die diese Petition unterstützten, waren August Bebel (Vorsitzender der SPD), Richard von Krafft-Ebing (Autor des sexualwissenschaftlichen Bestsellers "Psychopathia sexualis"), Franz von Liszt (liberaler Strafrechtslehrer) und Ernst von Wildenbruch (Hofdichter und Freund des Kaisers). Es war der Ausstrahlungskraft dieser vier Namen zu verdanken, dass diese Petition zunächst von hunderten und später von tausenden Personen unterstützt wurde.

Dass Ernst von Wildenbruch für diese Petition erfolgreich geworben werden konnte, ist dem Einfluss von Prinz Georg von Preußen zu verdanken. So schrieb Magnus Hirschfeld ("Von einst bis jetzt". 1986. S. 93), dass auf "unmittelbare Veranlassung" von Georg von Preußen Ernst von Wildenbruch die Petition unterschrieb. Georg von Preußen gehörte außerdem zu den ersten finanziellen Förderern des WhK.

Sein Tod und der Nachruf der Homosexuellenszene (1902)


Der Nachruf im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufe" (1903)

Nach seinem Tod Anfang Mai 1902 in Berlin wurde Prinz Georg auf Burg Rheinstein (bei Bingen) überführt, die Burg, für die er schon zeitlebens eine Vorliebe hegte. Im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1903. S. 1297-1303) erschien ein ausführlicher Nachruf mit einem Foto von ihm. Hier wurde betont, dass der Nachruf nicht nur deshalb erscheine, dass Prinz Georg den "homo­sexuellen Emanzipationskampf materiell unterstützte, sondern vor allem auch weil der feinsinnige liebenswürdige Fürst gerade in dem urnischen (=homo­sexuellen) Teil der Bevölkerung Berlins ganz besondere Verehrung und Sympathie genoss".

Dabei wird der Schriftsteller Paul Lietzow mit seinen Erinnerungen an den Verstorbenen ausführlich zitiert: "Er war ein schöner Mann. Aus seinen Augen sprühten Feuer und Geist. Die etwas knappe Uniform saß ihm wie angegossen". Es habe Prinz Georg "sehr verdrossen", als er von Lietzow erfuhr, dass Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder Friedrich des Großen, früher "wegen seiner gleich­geschlechtlichen Neigungen von der ganzen Armee verachtet worden" sei. (Damit ist der 1726 geborene Prinz Heinrich von Preußen gemeint, zu dem ich hier auf queer.de vor einem Monat einen Artikel verfasst habe). Paul Lietzow betonte zudem die Gemeinsamkeiten von Georg von Preußen mit Ludwig II. "Beide waren von hoher edler Gestalt. Beider Haupt zierte dasselbe auffallende, üppige, dunkle Lockenhaar [...] König Ludwig und Prinz Georg kauften Unmassen von Büchern an und lasen fast stets und ständig. Beide waren hervorragende Kunstkenner und große Musik- und Theaterfreunde. Beide verabscheuten Krieg und Jagd".

Es liegt nahe, dass dieser Hinweis wegen der damals bekannten Homosexualität von Ludwig II. eine Anspielung auf die Homosexualität von Prinz Georg von Preußen gewesen sein sollte. Einen ähnlichen möglichen Wink mit Zaunpfahl gab es schon zehn Jahre zuvor und damit aus der Zeit vor dem Beginn der Homo­sexuellenbewegung: Melchior Grohe widmete seine emanzipatorische Schrift "Der Urning vor Gericht" (1893. S. 9) Ludwig II. und Georg von Preußen.


Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Melchior Grohe widmete seine emanzipatorische Schrift "Der Urning vor Gericht" (1893. S. 9) Ludwig II. und dem Prinzen Georg von Preußen

Das Outing erfolgte erst 20 Jahre nach seinem Tod

Über die Liebesbeziehungen von Georg von Preußen sind leider keine Selbstäußerungen bekannt. Erst posthum wurde er als finanzieller Förderer des WhK bezeichnet. Es fällt auf, dass er auch posthum in dem ausführlichen Nachruf zunächst nicht als homo­sexuell bezeichnet wurde, weder vom WhK, noch von Paul Lietzow und auch nicht vom homo­sexuellen "Gewährsmann M.", der von einer jahrzehntelangen Freundschaft mit ihm berichtete.

Die Queer-Kollekte
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Jetzt unterstützen!

Erst im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1920. S. 91) wies die Homosexuellenbewegung darauf hin, dass sich unter den verstorbenen Hohenzollern drei Homosexuelle befanden: neben dem König Friedrich den Großen (1712-1786) gehörte dazu auch sein Bruder Heinrich von Preußen (1726-1802) und der hier behandelte Georg von Preußen (1826-1902).

Zwanzig Jahre nach seinem Tod wurde Magnus Hirschfeld ("Von eist bis jetzt", 1986. S. 96-97) etwas deutlicher: "Das seines Schicksals Liebe sich auf das gleiche Geschlecht bezog, bezeugen viele Homosexuelle, die er in seinem [...] Palais empfing." Dabei erwähnt Hirschfeld auch, dass er in den 1920er Jahren – offenbar für das Archiv des WhK – einen Briefwechsel von Carl Friedrich Müller mit Georg von Preußen aus den Jahren 1872-1988 geschenkt bekam: "Wieviel ungestillte Sehnsucht spiegeln diese Seiten für den wider, der in und zwischen den Zeilen zu lesen versteht".


Die Burg Rheinstein (bei Bingen), auf die Prinz Georg nach seinem Tod überführt wurde (Bild: Manfred Heyde / wikipedia)

-w-