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Kinostart
Eine sehr unerquickliche heterosexuelle Affäre
"'Wuthering Heights' – Sturmhöhe" mit Jacob Elordi und Margot Robbie bietet opulente Kulissen und einen herausragenden Soundtrack von Charli XCX . Doch statt soziale Hierarchien als strukturelle Gewalt sichtbar zu machen, reduziert der Film sie auf ein romantisches Spannungsmoment.

Jacon Elordi als Heathcliff und Margot Robbie als Catherine Earnshaw in "'Wuthering Heights' – Sturmhöhe" (Bild: Warner Bros. Pictures)
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12. Februar 2026, 01:57h 6 Min.
Ein Geräusch unter dem Bett. Eine Hand, die verzweifelt nach Catherines Fuß greift. Sie keucht erschrocken auf. Ihr stets betrunkener, spielsüchtiger Vater Mr. Earnshaw kommt nach Hause und inszeniert sich als warmherzigster, großzügigster Mann der Welt, als er Heathcliff mit sich bringt und ihm Obhut gewährt. "Du kannst ihn als dein Haustier verwenden." In diesem Moment kippt die vermeintliche Mildtätigkeit ins Autoritäre: Was wie Rettung aussieht, ist von Anfang an eine Machtdemonstration. Heathcliff wird aufgenommen – aber nicht als Sohn, sondern als Besitz.
Cathy benennt den Jungen, der zunächst nicht spricht und über dessen Hintergründe wir bis zuletzt nichts wissen, nach ihrem toten Bruder. Auch ihre familiäre Geschichte – der Tod des Bruders und der Mutter – bleibt im Nebel; die impulsive Gewalttätigkeit und die klassistische Erziehung des Vaters (Martin Clunes), der den jungen Heathcliff (sehr gut: Owen Cooper, bekannt aus "Adolescence") niemals an seiner angeblichen Minderwertigkeit zweifeln lässt, hingegen nicht. Heathcliff wird systematisch klein gehalten, sozial markiert, erniedrigt. Gerade die ersten 40 Minuten entwickeln daraus ein dichtes, immersives World-building: ein kühler, fast entrückter Look, die düstere Monumentalität von Wuthering Heights, ein Anwesen, das weniger Zuhause als Machtapparat ist.
Seltsame Balance zwischen Unschuld und Sündhaftigkeit

Poster zum Film: "'Wuthering Heights' – Sturmhöhe" startet bewusst terminiert zum Valentinstag 2026 im Kino
Die erste Szene des Films setzt sofort Puls der Zeit und die Tonalität des Films: Eine Henkersszene, die durch sexuelles Stöhnen irritierend eingeleitet wird, zeigt Kinder, die sich über die Erektion eines Gehängten amüsieren. Schon hier entsteht das zentrale Spannungsfeld des Films: eine seltsame Balance zwischen Unschuld und Sündhaftigkeit, eine Brücke zwischen Tod und Sex gebaut. Eros und Aggression, Reinheit und Perversion sind dabei nicht getrennt, sondern künstlerisch eng miteinander verwoben.
Technisch ist "'Wuthering Heights' – Sturmhöhe" nahezu makellos. Die Kulissen sind opulent, die Kamera gleitet über weite, vernebelte Landschaften. Mitunter schneidet die Montage fast zu schnell, weil man sich an den großartigen Kostümen und der detailverliebten Setausstattung nicht sattsehen kann; man möchte die Farbpalette länger wirken lassen, wird aber weitergetrieben. Die Musik ist orchestral, dissonant, streicherlastig und wird durch den originalen Soundtrack von LGBTI-Ikone Charli XCX (die nächste Woche mit "The Moment" ihre eigene Mockumentary in die hiesigen Kinos bringen wird) unterstützt. Dieser bewusste Bruch zwischen viktorianischer Bildwelt und zeitgenössischem Sound erzeugt eine produktive Irritation – und funktioniert.
Wenn "Wuthering Heights" komisch sein möchte, gelingt ihm das stellenweise durchaus. Gewöhnliche Objekte werden mit subtiler sexueller Aufladung inszeniert. Isabella (Alison Oliver) ist eine hervorragend gespielte Nebenfigur, die in ihrem bourgeoisen Nichtstun eine fast manische intellektuelle Überdrehtheit entwickelt. Sie fertigt ein überdimensionales Puppenhaus an und setzt Cathy hinein, als diese ihren Bruder Edgar heiratet (Shazad Latif) – jener folgenschwere Fehler, an dem sich Cathy und Heathcliff gegenseitig in den Ruin treiben. Später erdolcht sie diese Puppe. Zunehmend wird sie von Heathcliff erniedrigt – eine emphatisch schwer mit anzusehende Dynamik. Die Haushälterin Nelly ist scharf und herablassend gezeichnet; Edgar bleibt blass, eifersüchtig und kaum mehr als ein dramaturgisches Funktionsmittel.
Dramaturgische Selbstwiederholung
Doch gerade mit dem Zeitsprung zu Cathy und Heathcliff als junge Erwachsene entgleitet Regisseurin Emerald Fennell (bekannt für ihre Filme "Saltburn" und den großartigen "Promising Young Woman") das zuvor aufgebaute Spannungsgefüge. Dass Margot Robbie und Jacob Elordi attraktiv sind, hätte kein Film dieser Länge beweisen müssen. Zwischen ihnen entsteht keine brennende, gefährliche Energie; ihre Liebe bleibt Behauptung statt Erfahrung. Sie schaffen es nicht glaubhaft zu zeigen, dass sie sich tief und obsessiv lieben – so sehr, dass sie ihre eigenen Leben und die ihrer Mitmenschen sukzessive zerstören. So oft habe ich schon lange nicht mehr "Ich liebe dich" im Kino sagen hören – und selten war es mir gleichgültiger.
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Heathcliff tritt zunächst deutlich übergriffig auf, obwohl ihn Cathy verbal wie körperlich zurückstößt und ihre Grenzen klar kommuniziert. Natürlich ist ihre Figur manipulativ und innerlich zerrissen angelegt. Doch hier stellt sich eine grundsätzliche Frage nach der Verantwortung von Filmemacher*innen: Warum braucht es im gegenwärtigen Zeitgeist eine weitere Adaption eines vielfach verfilmten Stoffes, die ein Narrativ reproduziert, in dem ein attraktiver Mann eine Frau zu einem "Ja" drängen muss – und es erfolgreich tun kann -, um sie von ihrem eigenen Willen zu überzeugen?
Das wiederholte Hin und Her zwischen den beiden – er, der für fünf Jahre verschwindet, zu seiner Zuneigung jedoch konsequent steht und durch ihre Zurückweisung zum rachesüchtigen Monster wird; sie, die undurchsichtig pendelt, kaum nachvollziehbare Entscheidungen trifft und schließlich selbstmitleidig resigniert – entwickelt keine tragische Unausweichlichkeit, sondern kreist in dramaturgischer Selbstwiederholung. Was als zerstörerische, obsessive Liebe angelegt ist, bleibt psychologisch erstaunlich flach. Die Beziehung wird permanent verbalisiert, aber nie existenziell erfahrbar gemacht. Gerade dadurch gerät diese Konstellation zur unerquicklichsten heterosexuellen Affäre, die ich seit Langem im Kino gesehen habe: nicht, weil sie radikal oder verstörend wäre, sondern weil sie in ihrer Behauptung von Leidenschaft erschreckend konventionell bleibt. Die enorme Lauflänge von 136 Minuten verstärkt dieses Problem – nicht Intensität entsteht, sondern Ermüdung. Zu oft rutschte ich ungeduldig in meinem Stuhl hin und her.
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Klassenunterschiede als erotische Spannung
Hinzu kommt, dass die klassistische Dimension dieser Dynamik kaum ernsthaft durchdrungen wird. Statt soziale Hierarchien als strukturelle Gewalt sichtbar zu machen, reduziert der Film sie auf ein romantisches Spannungsmoment. Sie erscheint als verwöhntes reiches weißes Mädchen ohne existenzielle Not, das erst vom armen Hilfsbedürftigen verführt werden muss. Klassenunterschiede fungieren damit nicht als politische Realität, sondern als ästhetisierte Differenz – als erotisches Gefälle, das Spannung erzeugen soll. Der soziale Konflikt wird sentimentalisiert und dadurch entpolitisiert.
Gerade hierin liegt die größte Leerstelle der Adaption: Die rassistische und klassistische Tiefenstruktur der literarischen Vorlage von 1847, "Sturmhöhe" von Emily Brontë, bleibt nahezu vollständig unberührt. Im Roman wird Heathcliff durchgehend rassifiziert, obwohl seine Herkunft nie eindeutig benannt wird. Seine moralische Ambivalenz, Gewalttätigkeit und Wildheit sind eng an seine dunkle Erscheinung gekoppelt – er fungiert als Projektionsfläche für koloniale Ängste des viktorianischen Englands. Auch seine Klassenzugehörigkeit wird stark essentialisiert: "Niedrige" Herkunft erscheint als Synonym für Unkultiviertheit, Triebhaftigkeit und Brutalität. Sein sozialer Aufstieg erfolgt nicht durch moralische Integrität, sondern durch Rache, Kapitalakkumulation und Gewalt – als Spiegel einer Gesellschaft, in der Besitz über Wert entscheidet.
Eine zeitgenössische Verfilmung hätte diese Verschränkung von Rassifizierung, Klassenverachtung und Besitzlogik offenlegen können. Stattdessen entkernt der Film diese Konfliktlinien und verwandelt sie in eine ästhetisch aufgeladene, politisch folgenlose Liebestragödie. So bleibt ein Werk, das in der Vielzahl an Adaptionen untergeht – und ausgerechnet dort regressiv wird, wo es die Chance gehabt hätte, die Vorlage radikal neu zu befragen.
"Wuthering Heights" – Sturmhöhe. Drama. USA 2025. Regie: Emerald Fennell. Cast: Margot Robbie, Jacob Elordi, Hong Chau, Alison Oliver, Shazad Latif, Martin Clunes, Ewan Mitchell, Owen Cooper, Vy Nguyen, Charlotte Mellington, Robert Cawsey, Andrew Charles Davis. Laufzeit: 136 Minuten. Sprache; deutsche Synchronfassung, FSK 12. Verleih: Warner. Kinostart: 12. Februar 2026
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