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Interview
Warum braucht queeres Kino mehr Ungehorsamkeit?
Mit dem Projekt "Cinema of Disobedience" tritt die Künstler*innengruppe "New Queer Radicals" auf der Berlinale erstmals in Deutschland an die Öffentlichkeit. Wir sprachen mit Amir Ovadia Steklov und Jürgen Brüning über die Ziele.

Szene aus "The Secret Love Life of The Urban Leopard": Der Film von Pina Brutal wird am 13. Februar 2026 im Rahmen des "Cinema of Disobedience"-Programms im Berliner Kino Moviemento gezeigt (Bild: Cinema of Disobedience)
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13. Februar 2026, 03:59h 13 Min.
Ungehorsam beginnt dort, wo Filme aufhören, gefällig zu sein. "Cinema of Disobedience" (CoD) ist ein internationales Kollektiv neuer queerer Radikaler, das Kino wieder als riskante, lebendige und politische Praxis begreift. Gegründet von Amir Steklov (Israel/Palästina), Jürgen Brüning (Deutschland), Goyo Anchou (Argentinien) und Wojciech Puś (Polen) von der Künstler*innengruppe "New Queer Radicals", vereint CoD 14 Filmemacher*innen aus aller Welt, die sich weigern, ihre Arbeiten den vorab genehmigten Formeln eines konservativen, marktorientierten Systems anzupassen.
Im Februar 2026 tritt das Kollektiv erstmals gemeinsam an die Öffentlichkeit – mit Beiträgen beim International Film Festival Rotterdam, der Berlinale und einem eigenen Special Program im Moviemento Kino Berlin. Dort werden vom noch bis zum 17. Februar Filme gezeigt, die Queerness nicht erklären oder beruhigen, sondern befragen, zuspitzen, verunsichern und öffnen. Filme, die sich Zeit nehmen, Komplexität zulassen und Lust auf Widerspruch haben. Das Programm im Moviemento versteht Kino als Ort der Begegnung, der Diskussion und der Zumutung. Viele Screenings finden in Anwesenheit der Regisseur*innen statt, einige mit Performances – als Einladung, Kino nicht zu konsumieren, sondern gemeinsam zu erleben.
"Cinema of Disobedience" glaubt an ein Kino jenseits der Marktlogik, an kleine, engagierte Öffentlichkeiten und an die politische Kraft der Imagination. Oder anders gesagt: "Disobedience Saves Lives". Wir haben mit Amir Ovadia Steklov und Jürgen Brüning gesprochen.
Ich wollte euch nach eurem Manifest und den verschiedenen Statements auf eurer Website fragen. Was verbindet euch als Kollektiv – und wo liegen die Reibungen?
Amir Ovadia Steklov: Diese Frage kam tatsächlich zuerst aus dem Publikum, in Rotterdam. Und sie trifft den Kern ganz gut. "Cinema of Disobedience" ist kein geschlossenes System. Wir sind nicht Dogma 95, nicht Nouvelle Vague, wir stecken uns bewusst nicht in eine einzige Schublade. Ja, wir haben ein Manifest – aber gleichzeitig war uns von Anfang an klar, dass wir Raum für Unterschiedlichkeit und auch für Widerspruch lassen wollen.
Unsere Stärke liegt genau darin: in der Vielfalt. Und wir wollen Vielfalt nicht nur behaupten, sondern wirklich praktizieren. Deshalb waren diese persönlichen Statements so wichtig für uns. Jede Position zählt, auch wenn sie sich nicht deckt.
Ein zentraler Punkt ist für mich außerdem der Widerstand gegen die permanente Selbstzerfleischung innerhalb queerer, linker und liberaler Communities. Dieses ständige Abgrenzen, Bewerten, Ausschließen. Dazu kommt, dass Festivals uns oft als Tokens behandeln: Es gibt nur wenige Plätze für "queere Filme", was Konkurrenz und Missgunst verstärkt. Wir wollen dem etwas entgegensetzen – sagen: Wir müssen nicht in allem einer Meinung sein. Es reicht, wenn wir uns in etwas Grundlegendem einig sind. Unterschiedliche Stimmen auszuhalten ist kein Makel, sondern der Kern von Demokratie. Und ich habe das Gefühl, dass wir das ein Stück weit verlernt haben.
Jürgen Brüning: Ich komme aus einem ziemlich internationalen Kontext. Ich habe über viele Jahre mit queeren Filmemacher*innen aus ganz unterschiedlichen Ländern gearbeitet und war nie wirklich Teil dieser deutschen Binnenblase. Als Goyo aus Argentinien, Wojciech und Amir mit dem Manifest auf mich zukamen, hat mich das sofort begeistert. Ich habe immer von einer internationalen "Sissy-Revolution" geträumt – und plötzlich war da etwas sehr Konkretes.
In unseren Gesprächen wurde schnell klar, wie unterschiedlich unsere Perspektiven sind. Goyos Situation in Argentinien ist eine völlig andere als meine privilegierte Position in Deutschland. Genau deshalb haben wir entschieden, weitere Filmemacher*innen einzuladen – jede*r konnte Vorschläge machen. Und wir haben uns bewusst dafür entschieden, dass alle persönliche Statements schreiben.
Als diese Texte eintrafen, war ich ehrlich gesagt überwältigt. Es gibt Parallelen, ja – aber auch radikal unterschiedliche Realitäten. Das ist für mich der große Wert dieses Kollektivs: Es ist global. Goyo spricht lieber von einer Bewegung, wir nennen es vorerst ein kollektives Projekt. Schon jetzt entsteht eine kreative Energie, die ich allein nie hätte entwickeln können. Dieses Zusammenkommen ermöglicht Dinge, die sonst unmöglich wären.

Jürgen Brüning (l.) und Amir Ovadia Steklov gehören zu den Erstunterzeichner*innen des Manifests "Cinema of Disobedience" (Bilder: privat)
In eurem Manifest lehnt ihr die Regeln des globalen Filmmarkts ab, der stark kapitalistisch geprägt ist. Welche Erfahrungen haben euch zu dieser Haltung gebracht?
Amir Ovadia Steklov: Man muss zuerst sagen: Wenn du 14 Filmemacher*innen fragst, bekommst du 14 Antworten. Ich spreche hier nur für mich. Unser Verständnis von "Markt" unterscheidet sich stark – darüber haben wir viel diskutiert.
Für mich zeigt sich das Problem vor allem darin, dass Kurator*innen, Förderstellen, Preise und andere Gatekeeper sehr klare Vorstellungen davon haben, wie ein "queerer Film" auszusehen hat. Bestimmte Elemente werden erwartet – und viele meiner Filme passen da schlicht nicht rein.
Ich mache keine Coming-out-Filme, keine Coming-of-Age-Geschichten, keine tragischen Liebesdramen, in denen jemand stirbt. Diese Tropes, diese wiederkehrenden erzählerischen Muster, sind nicht Teil meines Lebens. Sie existieren, weil der Markt sie immer wieder einfordert. Das führt dazu, dass andere Formen queerer Kunst kaum Raum bekommen.
Jürgen Brüning: Ich komme aus einer kollektiven Praxis. In den 1980ern, in West-Berlin, haben viele von uns auf Super 8 gearbeitet – aus ästhetischen Gründen, aber auch, weil es billig war. Förderungen passten selten, weil unsere Projekte nicht in die Raster der Institutionen fielen.
Mit einer Gruppe von etwa 20 Filmemacher*innen wollten wir irgendwann einen längeren Film machen. Die einzige Institution, die uns zugehört hat, war damals "Das kleine Fernsehspiel" beim ZDF. Sie gaben uns 15.000 D-Mark für einen Probedreh. Danach wurde weiterfinanziert – ein Glücksfall, den es heute vermutlich so nicht mehr gäbe.
Aber mit dem Geld kamen die Regeln. Jemand musste Verträge unterschreiben – und plötzlich war ich Produzent. Eine Rolle, die ich nie wollte. Dann kam der Rohschnitt, und die Redakteurin sagte: Das entspricht nicht dem Drehbuch. Wenn wir das nicht absegnen, müsst ihr das Geld zurückzahlen. Da wurde mir klar, wie schnell kreative Freiheit in existentielle Abhängigkeit kippt.
Diese Erfahrung hat mich geprägt. Ich habe später entschieden, nur noch mit queeren Filmemacher*innen zu arbeiten – nicht aus Moral, sondern weil marginalisierte Stimmen ohnehin schon enorme Hürden haben. Oft habe ich Projekte aus eigener Tasche finanziert, weil ich diese Dringlichkeit zum Erzählen gespürt habe.
Der Markt interessiert mich nicht. Weder Hollywood noch europäische Fördersysteme, die queere Filme in normierte Schablonen pressen. Außerdem dauert es oft fünf, sechs, sieben Jahre, bis Förderungen zusammenkommen. Dringlichkeit verträgt sich nicht mit dieser Langsamkeit. Filme wie "No Skin Off My Ass" (Bruce LaBruce, 1991) sind Zeitdokumente – sie halten einen Moment fest, ein Gefühl, eine Szene. Das ist für mich essenziell.
Ihr kritisiert queere Tropes – aber was wollt ihr stattdessen erzählen? Was ist für euch radikales queeres Kino?
Amir Ovadia Steklov: Wichtig ist mir zuerst: Wir sind nicht gegen Tropes. Wenn jemand im Kollektiv solche Filme machen will, ist das völlig legitim. Für mich persönlich sind diese Narrative einfach nicht echt. Ich empfinde sie als künstlich – und ich will keine Filme machen, nur um Förderlogiken zu bedienen.
Das hat eine politische Dimension. Unser System scheint sich mit queeren Menschen vor allem dann wohlzufühlen, wenn wir marginalisiert bleiben. Bestimmte Sichtbarkeiten werden unterstützt, andere nicht. Viele Filmemacher*innen beugen sich diesen Erwartungen, weil sie sonst keine Filme machen können. Und dann wird plötzlich der eigentliche Adressat nicht mehr das Publikum, sondern die Politik. Das ist gefährlich. Wenn Gatekeeper und Politiker*innen zur Zielgruppe werden, verlieren wir demokratische Freiheit. Das passiert schleichend – aber wir sehen weltweit, wohin das führen kann.
Radikales queeres Erzählen heißt für mich: diesen Einfluss erkennen und ihm widerstehen. Geschichten erzählen, die dringend sind. Keine Angst vor Kontroversen haben. Unbehagen ist kein Fehler, sondern ein notwendiger Bestandteil einer lebendigen Demokratie.
Und ich mag die alte Bedeutung des Wortes "queer": seltsam, abweichend. Ich habe kürzlich "Moby Dick" gelesen – dort ist alles "queer". Dieses Anderssein, das die Norm herausfordert, ohne destruktiv zu sein, sondern um Gesellschaft zu verändern. Das ist für mich der Kern.
Jürgen Brüning: Für mich ist Radikalität stark an Form gebunden. Ich komme aus dem experimentellen Film. Lineare Erzählungen interessieren mich kaum.
Ein Beispiel: "No Skin Off My Ass". Ein tuntiger Friseur verliebt sich in einen Skinhead. Anfang der 90er war das ein Skandal. In Deutschland wollte niemand Werbung dafür machen, weil Skinheads automatisch als rechts galten. Selbst Förderstellen sagten: So einen Film haben wir schon – und meinten damit Rosa von Praunheim, den "Token-Gay" der Zeit.
Heute ist die politische Lage noch viel härter. In Ländern wie Brasilien werden queere und trans Personen massenhaft ermordet. Trotzdem will ich keine Leidensfilme machen, die nur Opferbilder reproduzieren. Radikal ist für mich, die eigene Perspektive ernst zu nehmen – egal, ob sie bequem ist oder nicht.
In eurem Manifest stellt ihr auch einen Zusammenhang zwischen Faschismus und dem Abbau von Intellektualität her. Welche Verantwortung haben Filmemacher*innen in einem queeren und politischen Kontext?
Amir Ovadia Steklov: Darüber haben einige Theoretiker intensiv geschrieben – und ich finde diese Analysen extrem überzeugend. Eine zentrale Strategie faschistischer Systeme ist es, Bildung zu schwächen, akademisches Denken zu delegitimieren und Intellektualität als elitär oder gefährlich darzustellen.
Was wir im Kino erleben, ist etwas Ähnliches: Narrative werden immer weiter vereinfacht. Wieder und wieder dieselben Coming-out-Geschichten, dieselben vorhersehbaren Dramaturgien. Das ist kein Zufall. Es senkt die Erwartungen daran, was Publikum aushalten, verstehen und reflektieren kann. Komplexität wird als Zumutung begriffen.
Dieser Prozess ist gefährlich, weil er Menschen daran hindert, sich mit widersprüchlichen Realitäten auseinanderzusetzen. Wenn Kino nur noch einfache Antworten liefert, verlernen wir als Gesellschaft, mit Ambivalenz umzugehen.
Jürgen Brüning: Ich würde mich selbst nicht als besonders intellektuell bezeichnen. Ich komme aus einer Arbeiter*innenfamilie und war der Erste, der studiert hat. Für mich ist das Thema sehr konkret: Über Jahrhunderte hinweg hatten Menschen aus ärmeren oder marginalisierten Klassen kaum Zugang zu Bildung, zu Diskursen, zu kultureller Teilhabe.
Und genau das verschärft sich gerade wieder. Wenn man sich anschaut, was rechte Parteien wie die AfD planen, wird sehr deutlich, welche Inhalte sie aus Bildung und Öffentlichkeit verdrängen wollen: Queerness, Demokratie, kritisches Denken. Das ist kein Nebeneffekt, das ist Programm.
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Aber ist es dann problematisch, wenn Menschen nach einer 40-Stunden-Woche einfach ins Kino gehen und einen Blockbuster sehen wollen? Ist Kino als Konsum per se falsch?
Amir Ovadia Steklov: Nein, überhaupt nicht. Kino kann vieles sein – und das ist auch gut so. Es ist wie mit Essen: Manchmal esse ich eine billige Currywurst, manchmal koche ich ein aufwendiges Gericht. Beides hat seinen Platz. Wir müssen uns nicht entscheiden, wir können beides wollen.
Jürgen Brüning: Ich habe in den 1970ern "Star Wars" gesehen und mochte es. Heute arbeite ich für die Berlinale und schaue fast nur noch Dokumentarfilme. Wenn ich inzwischen ins Kino gehe, selbst bei vielen europäischen Arthouse-Filmen, halte ich diese stereotypen Figuren und Beziehungsdramen kaum noch aus.
Warum müssen wir immer wieder dieselben Liebes- und Paarprobleme sehen, diese patriarchalen Vorstellungen von Beziehung, Ehe, Normalität? Das interessiert mich nicht. Trotzdem verurteile ich niemanden, der zwei unterhaltsame Stunden im Kino verbringen will. Ich sehe vielleicht einen Horrorfilm, bin kurz unterhalten – und habe ihn zwei Stunden später vergessen. Das ist völlig okay. Aber nicht alle Menschen haben Zugang zu anderen Formen der kulturellen Unterhaltung. Für viele ist Kino der einzige Raum.
Amir Ovadia Steklov: Als ich aufgewachsen bin, habe ich beides erlebt. In den 90ern habe ich auch "Star Wars" gesehen – aber auch Arthouse-Filme mit meiner Mutter. Beides parallel. Ich frage mich manchmal, ob diese Durchlässigkeit heute noch existiert.
Jürgen Brüning: Meine Eltern sind nie ins Kino gegangen. Ich habe mit 17 sowohl Blockbuster als auch Pasolinis "Salò" gesehen – letzteres hat mich komplett überfordert. Ich hatte niemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte. Aber genau diese Irritation war wichtig. Vielleicht war es mein Queersein, das mich dazu gebracht hat, nach etwas anderem zu suchen.
Ihr seid gerade in Rotterdam gewesen und zeigt aktuell Filme auf der Berlinale. Gleichzeitig kritisiert ihr Festivals als exklusive Strukturen. Wie passt das zusammen?
Amir Ovadia Steklov: Ich sehe da keinen Widerspruch. Wir sind nicht gegen Festivals. Wir sind auch nicht anti-institutionell. Wir kritisieren konkrete Probleme – und glauben, dass Veränderung nur im Dialog möglich ist.
In Rotterdam lief zum Beispiel Gustavo Vinagres Film "The Passion According to GHB" – ein radikaler, pornografischer Film über Chemsex in Brasilien von einem Kollektivmitglied. Kein Coming-out, keine Wohlfühlgeschichte, sondern eine extrem präzise Auseinandersetzung mit aktuellen Zuständen. Solche Filme entstehen, und sie werden auch gezeigt.
Das Problem ist: Diese Slots sind extrem begrenzt. Ein oder zwei radikale queere Filme pro Festival – das macht sie zu Tokens. Und genau diese Knappheit erzeugt Konkurrenz und Neid innerhalb der Community.
Ich habe das selbst erlebt: Mein Kurzfilm lief bei Frameline, einem großen queeren Filmfestival in den USA. Zurück in Berlin war plötzlich eine spürbare Distanz bei Kolleg*innen – weil Frameline kaum internationale Kurzfilme zeigt und ich einen Platz bekommen hatte. Das ist unfair und spaltet.
Jürgen Brüning: Ich hatte das Glück, dass viele meiner Produktionen auf großen Festivals liefen – Sundance, Toronto, Berlin, Rotterdam. Aber selbst ich sehe, wie die Räume für radikale Filme immer kleiner werden. Filme, die ich vor zehn Jahren produziert habe, würden heute wahrscheinlich nicht mehr in die Berlinale kommen.
Dieses Jahr ist "Uchronia" (Fil Ieropoulos, 2026) aus dem Kollektiv im Forum Expanded – das ist bereits die äußerste Randsektion des Mainstreams. Wir fordern keine Abschaffung von Festivals, sondern Transparenz. In Rotterdam oder bei den Teddy Talks der Berlinale wird zumindest darüber gesprochen, wie queere Filme innerhalb der Industrie funktionieren. Ich sitze dieses Jahr in einem Panel mit dem Titel "Der Teddy als Katalysator für queere Filme". Ich selbst bin skeptisch, ob der Teddy wirklich geholfen hat, queere Filme sichtbarer zu machen. Aber ich bin gespannt auf die Diskussion.

Szene aus dem Film "Uchronia" (Bild: FYTA Films)
Ihr zeigt während der Berlinale auch ein Programm im Moviemento. Wie lief die eigene Kuratierung – und wie vermeidet ihr Tokenismus?
Amir Ovadia Steklov: Am Anfang hatten wir nur drei oder vier Filme: meinen, die von Goyo und Wojciech und Jürgens "Klappe". Dann hat jede*r von uns andere Filmemacher*innen vorgeschlagen. So ist das Kollektiv gewachsen – und so wird es vermutlich weitergehen.
Jürgen Brüning: Der konkrete Ausgangspunkt war Rotterdam. Amir, Goyo und Wojciech waren dort mit Filmen, weil ich sie empfohlen hatte. Nach dem Festival kamen wir ins Gespräch, dann das Manifest. Uns war wichtig: keine Website mit hunderten Filmen. Jede*r im Kollektiv wählt einen Film. Ein Film pro Person. So entstanden 14 Filmemacher*innen mit 14 Filmen.
Über meine Kontakte zum Moviemento haben wir beschlossen, genau diese Filme während der Berlinale zu zeigen. Wie es weitergeht, wissen wir noch nicht. Ich bin neugierig, wer sich meldet, aus welchen Regionen, mit welchen Perspektiven.
Und wie sieht eure Vision für die Zukunft aus?
Amir Ovadia Steklov: Ich wünsche mir, dass wir noch internationaler und diverser werden. Vielleicht wie ein wandernder Zirkus. Oder ein reisendes Freakshow-Kollektiv.
Jürgen Brüning: Mir fehlen vor allem Stimmen aus Afrika, aus arabischen Ländern. Reisen kostet Geld, das haben wir nicht. Aber Unterstützung heißt nicht nur Finanzierung.
Alle Beteiligten haben ihre Communities – in Argentinien, Polen, Deutschland, anderswo. Warum nicht dort Screenings organisieren? In Berlin hat es funktioniert, weil wir Strukturen hatten. Vielleicht lässt sich das übertragen. Ich bekomme bereits Rückmeldungen von Festivalprogrammer*innen. Ich habe keine festen Ziele – ich will sehen, was entsteht.
Amir Ovadia Steklov: Es ist ein Experiment. Wir stehen ganz am Anfang. Vielleicht machen wir irgendwann sogar einen gemeinsamen Film.
Jürgen Brüning: Aber keinen Episodenfilm. Ich würde wirklich gerne ein Projekt gemeinsam entwickeln – mit all diesen unterschiedlichen Perspektiven. Das wird kompliziert. Aber genau das reizt mich.
Zum Abschluss: Was bedeutet für euch der Satz "Disobedience Saves Lives"?
Amir Ovadia Steklov: Ungehorsam kann ganz konkret Leben retten. Wenn Menschen sich gegen den Krieg in Gaza stellen würden etwa, auch hier in Deutschland. Demokratie bedeutet nicht Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit. Demokratie bedeutet, Minderheiten Raum zu geben – auch in Entscheidungsprozessen. Das haben viele vergessen.
Jürgen Brüning: Ungehorsam – Ungehorsam hat in Deutschland eine lange Tradition. Jede*r muss selbst entscheiden, wie viel Ungehorsam im eigenen Kontext möglich ist. In meiner Arbeit versuche ich, politisch klar zu sein. Wenn Filme Menschen helfen, sich in dieser komplexen Welt besser zu orientieren, ist das bereits viel.
Amir Ovadia Steklov: Gandhi und Martin Luther King waren nicht anti-staatlich. Wir auch nicht. Wir sind nicht gegen Festivals, Förderinstitutionen oder den Staat an sich. Wir wollen zeigen, was besser laufen könnte.
Wir leben in Berlin, in relativer Sicherheit. Andere Mitglieder unseres Kollektivs arbeiten unter lebensgefährlichen Bedingungen. Queere Menschen werden weltweit verfolgt. Das dürfen wir nicht vergessen.
Links zum Thema:
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» Das Manifest
» Special Program im Moviemento Kino Berlin
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