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Porträt
"Viele Menschen besitzen eine wunderbare Stimme, ohne es zu wissen"
Unsere neue Serie über queere Erfolgsgeschichten setzen wir heute mit dem Atem-, Sprech- und Stimmlehrer Marian Hudek fort. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist trans und nebenbei ein wunderbarer Interpret seiner Songs.

Marian Hudek wurde 1968 in Schwerte geboren und lebe seit 1989 in Berlin (Bild: privat)
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15. Februar 2026, 08:32h 5 Min.
Im November letzten Jahres startete die Porträtreihe queerer Persönlichkeiten mit der Philosophin Luce deLire. Die Fortsetzung hat nun etwas gedauert, aber heute ist es nun endlich so weit. Vorstellen möchte ich den Atem-, Sprech- und Stimmlehrer Marian Hudek. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist trans und nebenbei ein wunderbarer Interpret seiner Songs.
Zuvor noch ein Wort in eigener Sache: Die Porträtreihe will Persönlichkeiten aus der queeren Community in den Mittelpunkt stellen, die sonst nicht unbedingt im Rampenlicht stehen, die aber vor allem ein Beispiel dafür geben, dass die Begriffe queer und kreativ Synonyme geworden sind, Es geht um Lebensentwürfe, die in ihrer wie auch immer definierten Nonkonformität für Kreativität und vor allem für ein selbstbestimmtes Leben stehen. Ja, wir haben allen Grund, stolz auf uns zu sein.
Von Schwerte nach Berlin
Kennengelernt habe ich Marian Anfang 2019. Das war anlässlich einer Vernissage im Schwulen Museum in Berlin. Wir kamen ins Gespräch und am Ende wurde daraus eine Freundschaft. Als ich 2023 mein fünfzigjähriges Berlin-Jubiläum in der AHA feierte (so lange lebe ich schon in Berlin) gab es ein literarisch-musikalisches Abendprogramm. Marian war mit Akkordeon und Ukulele und seinen Songs mit dabei.
Hinterher meinte einer der Gäste, das sei ja wohl ziemlich anmaßend, wenn ein cis Mann solche Songs (in denen es auch um das Transsein ging) für sich beanspruche. Ich musste herzhaft lachen: "Hey, Marian ist trans!" "Was, wirklich?" So viel zum Thema Passing. Doch Marian denkt gar nicht daran, es bei dieser privilegierten Situation zu belassen. Denn hin und wieder hält er die Ansage, trans zu sein, für wichtig – gerade mit Blick auf Anfeindungen und Gewalt gegen die trans Community. Und letzten Endes aus Gründen der Solidarität.
Geboren und aufgewachsen ist er in Schwerte an der Ruhr. Doch mit 21 will er raus aus der Provinz und landet im Sommer 1989 in Berlin – damals noch als Lesbe. Er wollte, wie er sagt, "auf diese eigenwillige Insel, zu den Unangepassten, zu den Außenseitern, die dort keine waren und vor allem dorthin, wo Lesben- und Schwulenclubs selbstverständlich zum Stadtbild gehörten".
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Starkes Interesse an der Stimme
Mit der Erkenntnis, trans zu sein, dauerte es noch. Vorerst stehen ein paar andere Dinge auf dem Programm. Zunächst wird das Abitur nachgeholt und anschließend ging es zur Schauspielschule. Ausgerechnet dort, wird ihm klar, dass diese Frauenrollen gar nicht für ihn passen. Das war er einfach nicht, aber ohne schon sagen zu können, was er denn nun wirklich sei. Aber nicht nur diese Verunsicherung verbindet Marian mit der Erinnerung an die Schauspielschule, sondern auch das starke Interesse an der Stimme. Einer seiner Lehrer meinte einmal "Worte, die in eine klangvolle Stimme gegeben werden, sind niemals leere Worte."
Genau das ist hängengeblieben, verbunden mit dem Wunsch, über die Stimme mehr zu lernen. Und so stand schließlich irgendwann die Prüfung als Sprech- und Stimmlehrer bzw. -therapeut an. Bei diesem Beruf ist er bis heute geblieben. In der Community ist seine Praxis längst eine gute und begehrte Adresse in Berlin. Es kommen viele trans Menschen zu ihm, die er stimmtherapeutisch begleitet.
Erste Auftritte als Dragking
Marian hatte ziemlich lange gehadert mit seiner Rolle als Frau, aber ebenso mit der Vorstellung, als Mann zu leben. Doch dann kamen die ersten Auftritte als Dragking und die fühlten sich für ihn absolut authentisch an. Und mit diesem Erlebnis des Authentischen verband sich schließlich die Gewissheit – ja, trans ist lebbar. Auch das war eine wichtige Einsicht. An das erste Testo kann er sich sehr gut erinnern – es war am 10. April 2004 und hat alles in seinem Leben verändert. Zwei Jahre später dann die Entscheidung für eine Mastektomie und für die Namensänderung.
Viele Jahre war er auf Bühnen der queeren Community unterwegs, um seine selbst getexteten und komponierten Songs und Balladen vorzutragen. Dazu sein hinreißendes Akkordeonspiel. Aber wirklich sensationell war und ist für mich immer wieder seine Singstimme, dieser ausdrucksstarke, biegsame Bariton. Auf die Frage, wie es denn um Auftritte aktuell stehe, meinte er, die Pause gehe schon ziemlich lange. Aber er habe Lust, neue Songs zu kreieren, denn schließlich bleibt das Leben nicht stehen. Also braucht es neue Lieder. Und auf die Frage, was denn seine Vorlieben seien, wenn er selbst einmal unterhalten werden will. Na, dann gehe er gern ins Theater oder ist in der Schwulenszene unterwegs.
"Durch gezielte Stimmarbeit wächst die Ausstrahlung"
Eigentlich ist Marian selbst die beste Visitenkarte für seine Sprech- und Stimm-Praxis. Und wenn er sich selbst als "Stimm- und Präsenz-Manager" bezeichnet, dann deshalb: "Ich zeige Wege auf, wie eine Stimme klingen kann, wenn sie sich wohlfühlt, d.h. wenn sie Raum bekommt, getragen ist und natürlich schwingt. Durch gezielte Stimmarbeit wächst die Ausstrahlung – und damit die Präsenz der Person."
Dazu gehört auch die Erfahrung: "Viele Menschen besitzen eine wunderbare Stimme, ohne es zu wissen. Sie sprechen den ganzen Tag – und verschenken dabei ihr Resonanzpotenzial, weil sie ihre Stimme zu einseitig oder zu eng nutzen."
Links zum Thema:
» Homepage von Marian Hadek














