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Schwuler Klatsch über einen Musiker

War Franz von Holstein tatsächlich homo­sexuell?

Heute vor genau 200 Jahren – am 16. Februar 1826 – wurde der Komponist Franz von Holstein geboren. Die kolportierten Hinweise auf seine Homosexualität sind kritisch zu hinterfragen.


Fotografie von Franz von Holstein (1826-1878) aus dem Jahr 1874 (Bild: Alexander Seitz, Leipzig / wikipedia)

Franz von Holstein (1826-1878) wurde 1826 als Sohn einer alten mecklenburgischen Adelsfamilie geboren. 1859 übernahm er in Leipzig die Leitung der Bach-Gesellschaft, war Gründungsmitglied des Bach-Vereins und betätigte sich als Komponist. Seine Oper "Der Haideschacht" wurde 1868 in Dresden uraufgeführt und blieb sein erfolgreichstes Werk.

Mit Bezug auf Homosexualität finden sich in der Wikipedia zu Holstein gleich mehrere interessante Aussagen: Holstein war homosexuell, er war befreundet mit Wilhelm Henzen bzw. Heinrich Bulthaupt und wollte den damals 19-jährigen Schauspieler Joseph Kainz adoptieren und als Universalerben einsetzen. Diesen Aussagen bin ich nachgegangen.

Holsteins Homosexualität – der Beginn der Schnitzeljagd

In Wikipedia steht: "Durch Magnus Hirschfeld wurde Holsteins homosexuelle Veranlagung publik". Den Weg zu der Quellen zurück zu verfolgen, auf die sich diese Behauptung stützt, wirkt wie eine Schnitzeljagd: Für die Quelle zu seiner Homosexualität verweist Wikipedia auf "Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und männlicher Sexualität im deutschen Sprachraum" (2010. S. 569-571). Dieses Lexikon verweist auf die Äußerungen von Richard Meienreis und Magnus Hirschfeld. Magnus Hirschfeld ("Die Homosexualität des Mannes und des Weibes". 1914. S. 665) verweist bei der Annahme seiner Homosexualität jedoch nur auf die Veröffentlichungen von J. E. Meisner. Letzterer ist das Pseudonym des Musikwissenschaftlers Richard Meienreis (1865-1926. S. Marita Keilson-Lauritz "Die Geschichte der eigenen Geschichte". 1997. S. 441; Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft). Was über Holsteins Homosexualität bekannt ist, basiert somit im Kern auf zwei Veröffentlichungen eines Autors.

Die Klatschgeschichten von Richard Meienreis

Richard Meienreis schrieb unter dem Pseudonym J. E. Meisner "Uranismus oder sogenannte gleichgeschlechtliche Liebe" (1908). Um homosexuellen Zeitgenossen positive Möglichkeiten der Identifikation zu bieten, zählt er hier 23 angeblich homosexuelle Dichter (S. 16, u. a. Heinrich Bulthaupt) und fünf angeblich homosexuelle Musiker (S. 17, u.a. Franz von Holstein) auf. Er erläuterte nicht, warum er sie als homosexuell einordnete.

Unter seinem richtigen Namen schrieb er später im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1923, S. 93-99) den Beitrag "Franz von Holstein und Heinrich Bulthaupt". Richard Meienreis hat zwar nie Franz von Holstein, aber seine Ehefrau und Heinrich Bulthaupt persönlich kennengelernt. Die "Eingeweihten, die intimsten Freunde des Hauses" sollen Meienreis mitgeteilt haben, dass das Ehepaar Holstein in einer "Vernunftehe" wie "Bruder und Schwester" zusammenlebten. Heinrich Bulthaupt hatte eine Biografie über Franz von Holstein geschrieben, in der er jedoch – so Meienreis weiter – von "dessen urnischer (=homosexueller) Veranlagung nicht nur nichts verlauten läßt, sondern alle Spuren davon geflissentlich verwischt. (…) Obwohl Bulthaupts sexuelle Veranlagung ein offenes Geheimnis war, obwohl jeder Strichjunge in Bremen den alten Herrn, der nebenbei von abschreckender Hässlichkeit war, kannte und wußte, was er in den dämmernden Büschen der Wallanlagen suchte: nach außen hin mußte der Schein gewahrt werden, mußte geheuchelt werden. (…) Daß Bulthaupt über die geschlechtliche Veranlagung Franz von Holsteins – die mir u.a. auch von dem in Leipzig lebenden und mit Holstein noch persönlich befreundeten Schriftsteller Wilhelm Henzen bestätigt worden ist – Bescheid wusste, daran darf bei dem intimen Verhältnis beider wohl kein Zweifel obwalten". Marita Keilson-Lauritz ("Die Geschichte der eigenen Geschichte". 1997. S. 61, s.a. S. 442) beurteilt die Form, wie sich Meienreis in diesem "Jahrbuch" über Holstein äußerte, als "etwas klatschhaft". Das stimmt und trifft sogar noch mehr auf seine Äußerungen über Bulthaupt zu. Diesen Äußerungen – aufgeschrieben 45 Jahre nach Holsteins Tod – kann ich keine große Bedeutung beimessen.

Ergänzend lässt sich anführen, dass das Whk im JfsZ (1902. S. 974) darauf verwies, dass es auf einer Monatsversammlung des WhK auch um "Mitteilungen über den urnischen (=homosexuellen) Komponisten v. Holstein" ging. Solche Äußerungen belegen nur, dass Holstein zu Beginn der Homosexuellenbewegung von einigen Aktivisten als homosexuell angesehen wurde – mehr nicht.

Holsteins Freundschaften mit Wilhelm Henzen und Heinrich Bulthaupt


Holsteins Freund Heinrich Bulthaupt (1849-1905)

Holstein war mit Wilhelm Henzen (1850-1910) und Heinrich Bulthaupt (1849-1905) befreundet. Nach den Angaben in der Wikipedia waren beide Männer "nach diversen Berichten homo­sexuell". Dafür wird jeweils "Mann für Mann" als einzige Quelle angegeben. In "Mann für Mann" (2010. S. 221-223 und 524-525) wiederum ist die einzige deutliche Quelle, die die Homosexualität für Henzen und Bulthaupt belegen soll, nur Rudolf Meienreis mit seinem oben genannten "klatschhaften" Artikel im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" von 1923. Auch hier bleibt die Quellenlage dünn.

Holsteins Verhältnis zu Joseph Kainz

Im März 1877 lernte Holstein den damals 19-jährigen Schauspieler Joseph Kainz (1858-1910) kennen. Nach Wikipedia scheiterte der "Versuch, den damals 19-jährigen Schauspieler Joseph Kainz 1877 zu adoptieren und als Universalerben einzusetzen". Die zitierte Quelle dafür ist "Mann für Mann" (2010. S. 570). Hier steht: Holstein nahm Kainz "in väterliche Obhut. (Sein) Herzenswunsch, Kainz zu adoptieren und zum Universalerben einzusetzen, ging zu seinem Leidwesen nicht in Erfüllung".


Der Schauspieler Joseph Kainz (1858-1910)

Für diese Angaben nennt das Lexikon zwei mittlerweile auch online verfügbare Quellen. Zum einen sind dies die Äußerungen seiner Ehefrau Hedwig von Holstein, die in ihren Erinnerungen "Eine Glückliche" (1902. S. 287) schrieb: "Wie ein letzter Sonnenstrahl erquickte ihn damals der Verkehr mit Josef Kainz, (…) dessen großes Talent ihn ebenso interessierte, als sein schlichtes, natürliches Wesen ihn sympathisch berührte. 'Wenn Kainz mein Sohn wäre! – Es wäre zu viel des Glücks' seufzte der Kinderlose, der sich so heiß nach einem Sohn gesehnt hatte".

Zum anderen sind dies die Äußerungen von Joseph Kainz in dem Buch "Der junge Kainz. Briefe an seine Eltern" (1923). Kainz geht auf Holstein ein, der sich zunächst "lebhaft wünschte", ihn "kennen zu lernen" (S. 161). Der Herausgeber der Briefe kommentiert dies mit dem Hinweis: Holstein "interessierte sich für Kainz so sehr, daß er ihn adoptieren wollte. K.(ainz) und seine Eltern verhielten sich ablehnend" (S. 269). Eine weitere spätere Äußerung des Theaterdirektors Neumann zu Kainz lautet: "jetzt haben sie weiter nichts zu thun als sich das Wohlgefallen dieser beiden Leute (also dem Ehepaar Holstein) zu erhalten, u. dafür zu sorgen daß sie sie zum Universalerben machen" (S. 163).

Neumanns Kommentar wirkt auf mich nicht wie ein ernstgemeinter, sondern wie ein scherzhafter Vorschlag. Es ist schleierhaft, wie der Wunsch nach einer Adoption ernsthaft kolportiert wurde, obwohl Kainz und seine Eltern dies überhaupt nicht wollten. Holstein hat Kainz zwar offenbar künstlerisch gefördert, ich habe jedoch keine Hinweise gefunden, dass er ihn auch in "väterliche Obhut" nahm, wobei auch das nichts bedeuten muss.

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Resümee

Am Anfang der Recherche hatte ich gehofft, Substanzielleres über die Homosexualität von Franz von Holstein schreiben zu können – etwa von seinen Beziehungen und Freundschaften. Letztlich besteht das, was ich recherchieren und dokumentieren konnte, überwiegend aus Klatsch. Für mich gibt es keine Dokumente, die ernsthaft auf eine homosexuelle Orientierung von Franz von Holstein hindeuten. Die Quellen machen keine Aussage über Holstein, sondern eher über Richard Meienreis, auch wenn ich betonen möchte, dass Meienreis kein grundsätzlich unseriöser Autor war, sondern eine Stütze der frühen Homosexuellenbewegung (s. das Kurzporträt über ihn auf der Homepage der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft).

Damit ist der Beitrag mehr eine Reflexion darüber, wie vorsichtig man mit historischen Quellen umgehen muss. Oft bleibt einem nur das Abschreiben aus anderen Veröffentlichungen. Manchmal lohnt es sich aber auch, tiefer zu graben. Holsteins Homosexualität wirkt wie ein Scheinriese, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt.

-w-