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Kommentar

AfD-Verbot: Die Sehnsucht nach dem einfachen Schnitt

Wer eine Partei verbietet, ohne zu reflektieren, warum Menschen sich extremen Positionen zuwenden, bekämpft den Rauch und nährt das Feuer.


Symbolbild: Übergabe der Petition "Prüft ein AfD-Verbot" beim SPD-Parteitag im Juni 2025 in Berlin (Bild: innn.it e.V. / flickr)

Ein Gerichtssaal ohne Mauern, ein Urteil ohne Gesetzeskraft, und doch hängt über der Szene jene elektrisierte Erwartung, die nur Prozesse erzeugen, in denen mehr verhandelt wird als ein Tatbestand. Unter dem Titel "Prozess gegen Deutschland" argumentierten und debattierten nach einer Idee des Schweizer Regisseurs Milo Rau gut 30 Expert*innen und Jurist*innen über ein Verbot der rechtsextremen und queerfeindlichen AfD. Das fiktive Gerichtsszenario im Hamburger Thalia-Theater wurde auch live auf der Website des Theaters ausgestrahlt. Am Ende stimmte eine Bürger*innen-Jury für die Prüfung eines AfD-Verbots (queer.de berichtete).

Das Land trat auf der Theaterbühne gleichsam vor den Spiegel seiner eigenen Ängste: Dreißig Stimmen verhandelten über die Frage, ob ein Verbot die Wunde schließt oder nur ihre Ränder glättet. Während draußen der Sonntag sich neigte, saßen Geschworene aus dem Volke bereit, das letzte Wort zu sprechen – und mit ihm die alte Hoffnung, dass sich komplexe Wirklichkeiten durch einen klaren Schnitt ordnen lassen. Genau hier beginnt die Geschichte der Verbote: nicht im Paragrafen, sondern in der Sehnsucht nach Eindeutigkeit.

Verbote haben Konjunktur. Sie versprechen Ordnung in unübersichtlichen Zeiten, einen klaren Schnitt durch das Dickicht politischer, sozialer und moralischer Konflikte. Wer verbietet, signalisiert Entschlossenheit. Wer verbietet, erhebt sich über das Problem – und glaubt, es damit gelöst zu haben. Doch die Geschichte politischer Verbote erzählt eine andere, widerspenstige Geschichte: die von Nebenwirkungen, Gegenbewegungen und der merkwürdigen Fähigkeit verbotener Ideen, gerade im Schatten des staatlichen Nein eine neue Anziehungskraft zu entfalten.

Die Weimarer Erfahrung: Verbot als Vorwand

In der Weimarer Republik wurden sowohl kommunistische als auch nationalsozialistische Organisationen zeitweise verboten. Das Ergebnis ist bekannt – und unerquicklich. Die Verbote schwächten nicht die Radikalität, sie radikalisierten sie. Die NSDAP verstand es meisterhaft, das staatliche Verbot in eine Erzählung der Verfolgung zu verwandeln. Das Verbot wurde zum Beweis einer angeblich korrupten, schwachen Demokratie, die sich nur noch mit polizeilichen Mitteln zu helfen wisse.

Was Weimar übersah – oder nicht mehr korrigieren konnte – waren die politischen und sozialen Ursachen, die den Extremismus nährten: Massenarbeitslosigkeit, nationale Demütigung, politische Fragmentierung. Das Verbot bekämpfte die Symptome und überließ die Ursachen sich selbst.

Die KPD und das Verbot nach 1956

Auch die junge Bundesrepublik griff früh zum Instrument des Parteiverbots. Das Verbot der KPD 1956 sollte die Demokratie schützen. Tatsächlich verschwand die kommunistische Idee nicht, sie verlagerte sich. Sie überlebte in Vorfeldorganisationen, in außerparlamentarischen Milieus, später in der APO. Das Verbot schuf Klarheit im Gesetzbuch – aber keine im gesellschaftlichen Konflikt.

Die Bundesrepublik konnte sich diesen Schritt leisten, weil sie wirtschaftlich erfolgreich war und politisch stabil wurde. Doch auch hier gilt: Das Verbot funktionierte weniger wegen seiner juristischen Schärfe als wegen der relativen Attraktivität des politischen Systems, das es verteidigte.

Spanien, Italien, Deutschland: Das Erbe des Faschismus

Nach 1945 wurden in mehreren europäischen Ländern faschistische Parteien verboten oder zumindest stark eingeschränkt. In Spanien war es das franquistische Erbe selbst, das erst allmählich politisch entsorgt wurde. In Italien blieb der Neofaschismus trotz Verbotsregelungen politisch präsent. In Deutschland wurde das Verbot als Lehre aus der Katastrophe sakralisiert: "Nie wieder" wurde zur juristischen Maxime.

Doch auch hier zeigt sich ein Paradox: Je erfolgreicher die demokratische Ordnung war, desto weniger musste sie verbieten. Und je mehr sie verbot, desto lauter wurde die Frage, ob sie sich ihrer eigenen Stärke noch sicher war.

Das Verbot als Geschenk

Ein Parteiverbot – insbesondere gegen rechtsradikale Parteien – ist nie nur ein staatlicher Akt. Es ist auch ein politisches Geschenk. Es erlaubt den Verbotenen, sich als Opfer zu inszenieren, als letzte Stimme derer, die angeblich nicht mehr gehört werden. Es verwandelt berechtigte Kritik, diffusen Unmut und sozialen Protest in eine Märtyrererzählung.

Die Frage drängt sich auf: Fördert das Verbot nicht genau das, was es verhindern will? Wird aus dem Stimmzettel nicht der verbotene Beweis, dass "das System" Angst hat? Und verstärkt das Verbot nicht gerade jene Loyalität, die aus Überzeugung, Trotz oder Verzweiflung entsteht?

Vor allem aber: Übersehen die Verbietenden nicht allzu gern ihre eigene Mitverantwortung? Die politischen Fehler, die sozialen Blindheiten, die ökonomischen Ungerechtigkeiten, die erst den Nährboden bereitet haben? Wer verbietet, ohne zu reflektieren, warum Menschen sich radikalen Parteien zuwenden, bekämpft den Rauch und nährt das Feuer.

Wenn Verbote die Lösung wären

Wenn Verbote tatsächlich Konflikte lösen könnten – warum verbieten wir dann nicht Armut? Warum nicht Kriege, Hass, Ausbeutung, Desinformation? Warum nicht gleich die Geschichte selbst, die uns immer wieder lehrt, dass das Verbotene selten verschwindet, sondern meist nur seine Gestalt ändert?

Die Wahrheit ist unerquicklich: Verbote sind kein Ersatz für Politik. Sie sind oft ihr Eingeständnis des Scheiterns. Sie markieren den Punkt, an dem Argumente fehlen, Vertrauen verspielt und soziale Versprechen gebrochen wurden.

Die Zumutung der Demokratie

Demokratie ist anstrengend. Sie verlangt Aushalten, Widerspruch, Konfliktfähigkeit. Sie verlangt, sich den Ursachen zu stellen, statt sie aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Eine starke Demokratie überzeugt – sie verbietet nicht vorschnell.

Das Verbot mag notwendig sein, wo Gewalt droht und die Ordnung selbst zerstört werden soll. Doch wer es zum Allheilmittel erklärt, verrät die Idee, die er zu verteidigen vorgibt.

Vielleicht liegt die eigentliche Frage nicht darin, was wir verbieten sollten – sondern was wir versäumt haben zu ermöglichen.

Wöchentliche Umfrage

» Sollte die AfD verboten werden?
    Ergebnis der Umfrage vom 16.02.2026 bis 23.02.2026
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