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"The Night Manager": Queerbaiting? Und wenn schon!

Fast zehn Jahre hat es gedauert, bis die brillante britische Thrillerserie "The Night Manager" eine zweite Staffel bekommen hat. Doch statt sich über die spannende, düstere Fortsetzung zu freuen, sind viele queere Zuschauer*innen enttäuscht.


Ein lasziver Dreiertanz weckte viele Erwartungen: Roxana Bolaños (Camila Morrone), Jonathan Pine (Tom Hiddleston) und Teddy Dos Santos (Diego Calva) in der zweiten Staffel von "The Night Manager" (Bild: Prime Video)

Achtung: Massive Spoiler für die erste und zweite Staffel von "The Night Manager"

Manchmal verläuft das Leben weniger gradlinig als Tanz, Kuss, Sex und Liebe bis der Tod uns scheidet. Meistens sogar. Insbesondere letzteres ist häufig unerreichbar – außer natürlich im Kino und in TV-Serien. Vielleicht sind wir deshalb so wild darauf, genau das vorgesetzt zu bekommen, weil wir wissen, wie wenig selbstverständlich es in der Realität ist. Vielleicht haben wir uns auch so sehr an die Zuckerwatte aus Hollywood gewöhnt, dass wir mit Geschichten ohne glückliches (Beziehungs-)Ende gar nicht mehr umgehen können.

Und ja, zugegeben, für queere Figuren gab es jahrzehntelang nur Unglück und Tod in Filmen und Serien. Deshalb reagieren viele queere Zuschauer*innen reflexartig etwas allergisch, wenn sie damit erneut konfrontiert werden. Aber sie übersehen dabei, dass es in den letzten plusminus 30 Jahren zahllose hoffnungsvolle queere Geschichten mit Happy End gegeben hat und weiterhin gibt. Und wäre es nicht unendlich langweilig – und reichlich realitätsfremd -, wenn es plötzlich nur noch so laufen würde in Film und Fernsehen? Ist es nicht viel aufregender, wenn unsere Erwartungen und Hoffnungen unterlaufen werden? Wenn ein intimer Tanz zwischen zwei Männern zu etwas Komplexerem führt als Kuss, Sex und ewige Liebe?

Genau das ist der Fall in der zweiten Staffel der großartigen britischen Thrillerserie "The Night Manager", die Anfang Februar zu Ende ging – mit einem überraschend vollumfänglichen Triumph des charismatischen Bösewichts Richard Roper (Hugh Laurie in Hochform). Derweil der Held Jonathan Pine (Tom Hiddleston) nur knapp mit dem Leben davonkommt, nachdem er zusehen musste wie Roper seinen eigenen Sohn Teddy (Diego Calva) kaltblütig erschießt.

Eine unerwartete, ebenbürtige Fortsetzung

Aber von vorne. Die mehrfach preisgekrönte erste Staffel von "The Night Manager" basiert auf John le Carrés gleichnamigem Spionagethriller von 1993 und begeisterte 2016 auch das TV-Publikum. Nicht zuletzt wegen der hochkalibrigen Stars, zu denen neben Hiddleston und Laurie auch Olivia Colman und Tom Hollander gehören. Aber natürlich auch wegen den vielen spannenden, überraschenden Wendungen der Geschichte, in welcher der britische Agent Jonathan Pine den skrupellosen internationalen Waffenhändler Richard Roper (und seine schwule rechte Hand) zur Strecke bringt – und nebenbei auch noch korrupte Elemente des eigenen Geheimdiensts ausmanövriert.

Direktlink | Deutscher Trailer zur ersten Staffel. Die Serie kann bei "Prime Video" gestreamt werden
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Dabei hätte man es belassen können. Die Geschichte war an sich zu Ende erzählt, und es war immer klar, dass es nicht leicht sein würde, eine Fortsetzung auf ähnlich hohem Niveau zu machen. Fast genau zehn Jahre später tauchte nun unerwartet doch noch eine zweite Staffel auf, die nicht nur die Darsteller*innen von damals zurückbrachte, sondern nahezu so gut ist.

Der laszive Tanz zu dritt

Auch in der Serie sind etwa zehn Jahre vergangen. Jonathan Pines Nemesis Richard Roper ist tot, er selbst unter einem Tarnnamen noch immer für den Geheimdienst tätig, als er plötzlich über einen Teil von Ropers Waffenhändler-Netzwerk stolpert. Im zwielichtigen kolumbianischen Geschäftsmann Teddy Dos Santos vermutet er einen möglichen Nachfolger: Wie einst Roper gibt sich Dos Santos öffentlich als Wohltäter, um hinter der anständigen Fassade todbringende, kriminelle Geschäfte abzuwickeln.

Über die nicht minder zwielichtige, aber äußerst attraktive Geschäftsfrau Roxana Bolaños (Camila Morrone) gelingt es Jonathan, an Teddy ranzukommen, in dem er sich als reicher Investor ausgibt. Und dann kommt es zu der Szene, die schon im Trailer zur zweiten Staffel zu sehen war und der Serie den Vorwurf des Queerbaiting eintrug: Jonathan und Roxana tanzen an einer Party zu lateinamerikanischen Rhythmen, als plötzlich Teddy hinzukommt und sich ein lasziver Dreiertanz entwickelt, bei dem Jonathan und Teddy mindestens so interessiert aneinander wirken wie an Roxana.

Anziehung, aber anders als erwartet

Dass dies beim queeren Publikum gewisse Erwartungen nach mehr weckte, ist klar. Aber rechtfertigt das Unterlaufen dieser Erwartungen tatsächlichen den Vorwurf des Queerbaiting? Teddy ist wohl tatsächlich schwul, scheint jedoch nicht besonders interessiert an Sex oder Beziehungen – das deutet Roxana gegenüber Jonathan schon zuvor an. Bei diesem wiederum gab es bis zu dieser Szene nie irgendwelche Anzeichen, dass er etwas anderes als hetero sein könnte. Und innerhalb der Story macht es durchaus Sinn, dass er sich auf diesen Tanz nur einlässt, weil er Teddys Vertrauen gewinnen will.

Doch irgendwie wird daraus eben doch mehr. Zwar gibt es weder einen Kuss noch Sex zwischen den beiden, aber die gegenseitige Anziehung ist offensichtlich. Und dann passieren zwei Dinge, die alles nochmals gehörig aufmischen: Nicht nur taucht der totgeglaubte Roper quicklebendig wieder auf und erweist sich als eigentlicher Drahtzieher der kolumbianischen Operation, Jonathan findet außerdem heraus, dass Teddy kein simpler lokaler Handlanger ist, sondern Ropers Sohn. Zeit seines Lebens vernachlässigt, versucht er alles, um die Anerkennung seines anspruchsvollen und gefährlichen Vaters zu erlangen, wird von diesem aber nur kühl kalkuliert benutzt, wie Jonathan lange vor Teddy realisiert.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zur zweiten Staffel
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Kein Sex – weder mit Teddy noch Roxana

Der britische Agent setzt nun alles daran, nicht nur Ropers Pläne zu torpedieren, sondern gleichzeitig einen Ausweg für dessen Sohn zu finden – wie er es in der ersten Staffel schon bei Ropers Frau Jed (Elizabeth Debicki) versucht hatte. Und ja, bei ihr gelang ihm das, und ja, auf dem Weg dorthin hatten die beiden eine Affäre. Die bleibt mit Teddy aus (übrigens auch mit Roxana), und die Rettungsmission scheitert kläglich. Aber auf dem Weg dorthin zeigt Jonathan sehr wohl Gefühle für Teddy und sein Schicksal, und die beiden kommen sich auch körperlich immer wieder recht nahe. Während bei Jonathan wohl primär Beschützerinstinkte im Spiel sind, sieht Teddy in ihm viel von dem, was er sich von seinem Vater immer gewünscht, jedoch nie bekommen hat.

Am Ende erhält das Publikum in "The Night Manager" jedenfalls etwas sehr viel Komplexeres als das, worauf es nach der Tanzszene vielleicht spekuliert hatte. Drehbuchautor David Farr sieht tatsächlich sowas wie Liebe zwischen Jonathan und Teddy, wie er in einem Interview erklärte: "Es wurde viel darüber gesprochen, um welche Art von Liebe es sich handelt. Ist sie erotisch? Ich glaube, dass es da schon eine gewisse Anziehung gibt, aber letztlich geht es in gewisser Weise darüber hinaus und wird zu echter, aufrichtiger Zuneigung."

Ein "Spiel der Verführung"

Auch Tom Hiddleston hat sich zur Beziehung geäußert: "Es gibt zweifellos eine Spannung zwischen ihnen. Die entsteht dadurch, dass sich beide in einer sehr, sehr gefährlichen Situation befinden und aufeinander angewiesen sind. Außerdem sind sie beide unglaublich einsam und verletzlich. Also ja, da ist schon was zwischen ihnen, und ich bin sicher, dass viele Menschen ganz unterschiedliche Meinungen dazu haben." In der Tanzszene sieht Hiddleston "ein Spiel der Verführung, aber eines in dem es verschiedene Stufen der Intimität gibt. Für mich handelt es sich eher um eine psychologische und spirituelle Verführung. Sie kommen sich alle drei auf unterschiedliche Weise näher. Für mich fühlte sich das sehr real und ehrlich an."

Entsprechend schockiert ist Jonathan am Ende über Ropers kaltblütigen Mord an Teddy. "Es ist, als würde er von einer Explosion aus Schmerz, Trauma und Verletzlichkeit verschlungen", interpretiert Hiddleston die Situation. "Er wird von einer Welle enormer Trauer überrollt, die ihn für 10 oder 20 Sekunden völlig handlungsunfähig macht. Erst dann erwacht sein Überlebensinstinkt, und er rennt los. Aber wie man in den letzten Bildern sieht, ist er danach in äußerst schlechter Verfassung." In der bereits geplanten dritten Staffel wird sich zeigen, wie Jonathan mit dem katastrophalen Ausgang seines Kolumbien-Abenteuers umgeht und ob es ihm doch noch gelingt, seinem Erzfeind Roper das Handwerk zu legen.

Mehr freuen, weniger jammern

Gut möglich, dass die Serienmacher*innen angesichts des lauten queeren Wehklagens inzwischen bereuen, nicht doch noch eine leidenschaftliche Nacht zwischen Teddy und Jonathan eingebaut zu haben – den Rest der Story hätten sie ja genauso belassen können. Doch wer sich "The Night Manager" nur wegen der queeren Trailerszene angesehen hat und nun enttäuscht ist, hat mit "Heated Rivalry", "Young Royals", "Heartstopper" und wie sie nicht alle heißen nun wirklich genügend andere Optionen, bei denen es alles gibt, was das queere Herz begehrt. Statt zu klagen, könnte man sich alternativ ja auch freuen, dank dem Queerbaiting eine großartige Thrillerserie entdeckt zu haben, die einem sonst entgangen wäre.

-w-