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Zum Gedenken an Derek Jarman
Das Kino nach dem Ende der Bilder
Heute vor 32 Jahren – am 19. Februar 1994 – starb der Filmemacher Derek Jarman mit nur 52 Jahren an den Folgen von Aids. Sein Werk erinnert daran, dass Kunst nicht lauter werden muss, um gehört zu werden.
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19. Februar 2026, 07:26h 3 Min.
Derek Jarman drehte Filme, während ihm das Sehen entglitt. Nicht metaphorisch, sondern real. Aids zerstörte seinen Körper, die Medikamente griffen seine Augen an, das Licht wurde milchig, die Welt löste sich in Konturen auf. Was andere als Ende begriffen hätten, wurde für Jarman ein ästhetischer Anfang – mit einem Blick, der sich verabschiedet. Er reagierte nicht mit dem Rückzug, sondern mit einer radikalen Entscheidung: Wenn das Bild verschwindet, muss das Kino neu erfunden werden.
"Blue" oder die Weigerung zu illustrieren
"Blue" (1993) ist kein Film im herkömmlichen Sinn. Er zeigt nichts – und zeigt damit alles. Ein einziges, unbewegtes Blau füllt die Leinwand. Dazu Stimmen, Geräusche, Erinnerungen, medizinische Protokolle, Wut, Müdigkeit, Hoffnung.
Dieses Blau ist kein Symbol. Es ist ein Zustand. Es steht für den Himmel, für das Meer, für den Bildschirm, der leer bleibt – und für die Augen, die nicht mehr unterscheiden können. Jarman illustriert sein Sterben nicht. Er erzählt es gegen das Bild.
Damit widersetzt sich "Blue" einer Grundannahme des Kinos: dass Sehen Erkenntnis garantiere. Jarman zeigt, dass Erkenntnis auch dort entsteht, wo nichts mehr sichtbar ist.
Stille als politische Form
Jarmans spätes Werk verweigert sich dem Spektakel. Keine Dramatisierung des Leidens, keine sentimentale Erlösung. Stattdessen: Pausen, monotone Farbfelder, brüchige Stimmen.
Diese Reduktion ist kein Rückzug ins Private. Sie ist politisch. In einer Zeit, in der Aids-Kranke entweder ignoriert oder moralisiert wurden, bestand Jarman auf der Würde des Unaufgeregten. Sein Kino schreit nicht. Es hält aus.
Die Stille in "Blue" ist keine Leerstelle. Sie ist Anklage. Gegen eine Gesellschaft, die nur hinsieht, wenn es etwas zu sehen gibt.
Queeres Kino ohne Identitätsgeste
Jarman war offen schwul, politisch radikal, ein Aktivist gegen Thatcher, Zensoren und kirchliche Moral. Und doch ist sein Spätwerk frei von jeder identitätspolitischen Pose.
Seine Queerness liegt nicht im Bekenntnis, sondern in der Form: im Bruch mit Erzählkonventionen, in der Ablehnung von Heldenreisen, in der Weigerung, das eigene Leiden zu verwerten. Blue verlangt keine Solidarität, es fordert Aufmerksamkeit.
Gerade darin unterscheidet sich Jarman von vielen späteren queeren Repräsentationsdiskursen: Er wollte nicht sichtbar sein um jeden Preis. Er wollte wahrhaftig sein.
Gegen die Diktatur der Bilder
2026 lesen wir Derek Jarman in einer Gegenwart, die vom Zuviel geprägt ist: zu viele Bilder, zu viele Reize, zu viel gleichzeitige Empörung. Alles will gesehen werden, alles konkurriert um Aufmerksamkeit.
Jarmans Antwort darauf wäre kein Kommentar, kein Statement, kein schneller Schnitt. Sie wäre ein Innehalten. Ein monochromes Blau. Eine Stimme, die sagt: Ich bin noch hier.
Sein Werk erinnert daran, dass Kunst nicht lauter werden muss, um gehört zu werden. Dass Reduktion Widerstand sein kann. Und dass Stille politisch ist – gerade dort, wo man sie nicht erwartet.
Das Blau bleibt
Derek Jarman starb am 19. Februar 1994. Sein Körper verschwand, sein Blick verlosch. Aber das Blau ist geblieben. Nicht als Farbe, sondern als Haltung: die Weigerung, sich dem Sichtbaren zu unterwerfen.
Vielleicht ist das sein Vermächtnis für 2026: Dass es Formen des Widerstands gibt, die leiser sind als jedes Manifest – und nachhaltiger.
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