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Mockumentary "The Moment"

Ein Film für die "gays & theys"

"The Moment" mit Charli xcx versteht sich als satirischer Kommentar auf den medialen "brat"-Hype. Doch bis zum Schluss bleibt unklar, wofür die britische Sängerin jenseits von Überforderung, Drogen und Strobo-Licht eigentlich stehen will.


Charli xcx in "The Moment" (Bild: Universal Pictures)

Mit ihrem elektronischen Hyperpop-Album "brat" und dem ikonischen giftgrünen Cover löste die britische Sängerin, Produzentin und Songwriterin Charli xcx ein weltweites popkulturelles Phänomen aus: den "brat summer". Ein perfekter Punk-Kommentar, der sich über konventionelle kulturelle Vorstellungen lustig macht und eine görenhafte Scheißegal-Mentalität zelebriert.

Nun ist nach Charli xcx' Idee ein Film daraus entstanden – eine Mockumentary unter der Regie von Aidan Zamiri, mit dem sie bereits für die Musikvideos zu "360" und "Guess" mit Billie Eilish zusammengearbeitet hat. Parallel zur geplanten "brat"-Welttournee soll auch ein Konzertfilm entstehen, und plötzlich wollen alle mitreden, mitgestalten – und vor allem mitverdienen. Besonders Star-Regisseur Johannes Godwin (Alexander Skarsgård) versucht, die eingespielte Dynamik zwischen Charli und ihrer Creative Director (Hailey Benton Gates) komplett umzuschreiben und eine familien- und massentaugliche, PG-, Amazon-gesponserte Version zu produzieren. Ein Konzertfilm über ein Album, in dem es offen um Drogenkonsum geht? Johannes nennt das schlicht "metaphorisches Kokain".

Persiflage auf die Musikindustrie


Poster zum Film: "The Moment" läuft seit 19. Februar 2025 bundesweit im Kino

"The Moment" versteht sich als Persiflage auf die Industrie, als satirischer Kommentar auf das mediale Aufspringen auf den "brat"-Hype – ein Ansatz, der jedoch nicht immer aufgeht. Stellenweise ist der Film durchaus witzig, vor allem in den irritierten Blicken direkt in die Kamera. Der Mockumentary-Stil und der Bruch mit der vierten Wand funktionieren oft gut, wirken aber ebenso häufig zu langgezogen, ermüdend – und gleichzeitig reizüberflutend.

Immer wieder durchziehen intensive Strobo-Effekte den Film, die im Kino physisch spürbar werden. Sie sollen neue Informationen, Orte und Kontexte vermitteln, flackern jedoch so schnell vorbei, dass man kaum folgen kann – und genau darin liegt die Absicht. Es geht um Desorientierung, um ein Dazwischen-Sein, um die Überforderung, die Charli erlebt und die sich auf das Publikum überträgt: Wer spricht gerade? Worum geht es eigentlich?

Zahlreiche Cameos

Auch die zahlreichen Cameos, etwa von Kylie Jenner, Julia Fox und Rachel Sennott (wieso nicht Troye Sivan?), verstärken diesen Eindruck der Überfrachtung. Immer wieder tauchen angefangene Hooks, Strophen und Referenzen auf ("communist cum slut"), die für Fans sofort lesbar sind, anderen Zuschauer*innen jedoch den Zugang erschweren. Gleichzeitig adressiert der Film seine Kernzielgruppe auffallend direkt: die "gays & theys", etwa wenn ironisch eine "brat"-Kreditkarte speziell für queere Menschen eingeführt wird.

Charli selbst erscheint in ihrem Debütfilm als halb-fiktionalisierte Version ihrer Person: genervt, verärgert, passiv – ein Spiegel der Anxiety hinter dem plötzlich allgegenwärtigen Scheinwerferlicht. Gerade deshalb wirkt der Film oft inkohärent, denn die Entstehungsgeschichte des Albums bleibt ausgespart. Es fehlt die Fallhöhe, die verständlich machen würde, warum die Gegenwart nur noch ein verzerrtes, sperriges Echo der ursprünglichen künstlerischen Idee ist. "The Moment" zeigt nicht die Freude an der Musik oder am Album, sondern vor allem den riesigen Rattenschwanz an Erwartungen, Interessen und Kapitalisierungsversuchen, der daran hängt.

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Dabei liegt hier eigentlich eine spannende Kritik: Charli hat das Album selbst geschrieben und produziert, und kaum jemand glaubte an den durchschlagenden Erfolg von "brat". Dennoch kommt man ihr nicht näher – weder der fiktionalisierten Figur noch der realen Künstlerin. Ihre Reaktionen bestehen aus Ablehnung, Sarkasmus und demonstrativer Bocklosigkeit, alles Elemente ihres öffentlichen Images. Der Film respektiert diese Distanz, sucht keine echte Nähe und zeigt stattdessen, wie sie sich bewusst vor den gierigen Blicken des Publikums abschottet. Neue Perspektiven auf Fame bietet er dabei allerdings kaum.

Man wünscht sich mehr Drama

Am berührendsten wird "The Moment", wenn Charli das "brat"-Phänomen endgültig hinter sich lässt und ihre Angst formuliert, als Künstlerin daran zu erstarren – irrelevant zu werden, sobald "The Moment" vorbei ist. In diesen Augenblicken zeigt sich plötzlich Verletzlichkeit: Am Ende ist sie eben doch nur eine "von uns".

Trotz einzelner starker Ansätze fehlt dem Film jedoch Substanz. Man wünscht sich mehr Drama und weniger Meetings, weniger Bürokratie und Meta-Kommentar. Die Persiflage auf die kapitalistische, gierige Industrie bleibt zu zaghaft, das Finale wirkt überraschend einknickend. Zwar thematisiert der Film die Unfähigkeit, unter permanenter Beobachtung Entscheidungen zu treffen, das Gefühl, in eine Rolle gezwängt zu werden, und den Bruch zwischen Underground-Identität und Mainstream-Rampenlicht. Doch bis zum Schluss bleibt unklar, wofür Charli jenseits von Überforderung, Drogen und Strobo-Licht eigentlich stehen will – und genau das ist letztlich schade.

Infos zum Film

The Moment. Mockumentary. USA 2026. Regie: Aidan Zamiri. Cast: Charli xcx, Rosanna Arquette, Kate Berlant, Jamie Demetriou, Hailey Benton Gates. Laufzeit: 103 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Universal Pictures. Kinostart: 19. Februar 2026
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