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Buchtipp

Eine Mutter, die sich viele queere Kids wünschen würden

Dilan Sev zeigt mit ihrem Buch "It's a boy! Wie ich Mutter eines transgender Sohnes wurde", dass Unterstützung kein perfektes Wissen voraussetzt, sondern die Entscheidung, an der Seite des eigenen Kindes zu bleiben.


Dilan Sev, geboren 1977 in Aschaffenburg, lebt seit 1992 in Hamburg und betreibt ein Kosmetikstudio. Zum Schutz ihres Sohnes hat sie ihr Buch unter Pseudonym verfasst (Bild: privat)

Mit ihrem biografischen Buch "It's a boy! Wie ich Mutter eines transgender Sohnes wurde" (Amazon-Affiliate-Link ) gelingt Dilan Sev ein bemerkenswerter Perspektivwechsel. Statt des inzwischen vertrauten Narrativs eines trans Coming-outs – der wiederholten Geschichte von Leid, gesellschaftlicher Stigmatisierung und entmenschlichenden Erfahrungen im Gesundheitssystem – rückt sie eine Stimme in den Mittelpunkt, die selten so offen gehört wird: die einer Mutter. Einer liebenden, fürsorglichen, überforderten, lernenden und zutiefst unterstützenden Bezugsperson.

Ich wollte um jeden Preis die Mutter sein, die Nathan brauchte, und ihn auf keinen Fall mit meinen inneren Kämpfen belasten.

Gerade dadurch verschiebt sich der Fokus entscheidend. Nathan muss sich hier nicht erklären, nicht rechtfertigen, nicht um Anerkennung ringen. Das Buch erzählt keine Prüfungsgeschichte von trans Identität, sondern eine Beziehungsgeschichte – über Elternschaft, Verantwortung und die Arbeit an sich selbst. Im Zentrum steht die Frage, wie Liebe aussehen kann, wenn Gewissheiten ins Wanken geraten.

Eine glaubwürdige, fehlbare Elternfigur

Dilan Sev schreibt rührend über ihren Stolz auf ihren Sohn, über einen fantastischen und beeindruckenden Menschen, der trotz innerer Kämpfe und Depression seinen Weg sucht. Die emotionale Kraft des Buches entsteht dabei aus ihrer Ehrlichkeit: Sie verschweigt weder ihre Verunsicherung noch ihre Widersprüche. Statt moralischer Selbstinszenierung erlaubt sie sich Ambivalenz. Sie benennt Scham über eigene unsensible Gedanken, gesteht Projektionen ein und zeigt, wie Lernen tatsächlich aussieht – nicht als plötzliche Erleuchtung, sondern als Prozess.

Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es entwirft kein Idealbild politischer Perfektion, sondern eine glaubwürdige, fehlbare Elternfigur. Sev wird dadurch zu jener Mutter, die sich viele trans und queere Jugendliche wünschen würden – nicht, weil sie alles sofort richtig macht, sondern weil sie bereit ist, sich zu verändern.

Akzeptanz benötigt gesellschaftliche Infrastruktur

Formal verfolgt das Buch keinen radikal theoretischen Ansatz. Dilans Forderungen sind zugleich schlicht und politisch: Menschenwürde im Gesundheitswesen, zwischenmenschlicher Respekt und bedingungslose elterliche Unterstützung. In Zusammenarbeit mit Judith Schneiberg entsteht eine zugängliche, klare Sprache, die bewusst Verständlichkeit über akademische Distanz stellt; die Namen wurden zum Schutz der Beteiligten anonymisiert.

Gleichzeitig formuliert Sev eine wichtige strukturelle Kritik: Sie zeigt, wie wenig Unterstützungssysteme für Eltern von trans Kindern existieren. Viele Institutionen lassen Familien mit ihren Fragen, Ängsten und Unsicherheiten allein – ein Mangel, der nicht nur Eltern überfordert, sondern letztlich auch trans Jugendliche selbst belastet. Das Buch macht deutlich, dass Akzeptanz nicht allein eine individuelle moralische Entscheidung ist, sondern gesellschaftliche Infrastruktur benötigt: Beratung, medizinische Sensibilität, Räume für Austausch und Begleitung. Wo diese fehlen, entstehen Isolation und Unsicherheit auf allen Seiten.

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Ein Buch über Beziehungsethik

Besonders eindrücklich ist eine Szene, in der Sev beschreibt, wie schwer es ihr fällt, ihre vermeintlich "verlorene" "Tochter" loszulassen – ein Gedanke, den sie zugleich kritisch reflektiert und zunehmend hinterfragt. Als Kosmetikerin, geprägt von einem stark feminisierten ästhetischen Umfeld, erlebt sie diesen inneren Prozess auch als Bruch mit eigenen Vorstellungen von Weiblichkeit. Aus dem Deadname ihres Sohnes – den sie sich bei seiner Geburt tätowieren ließ – und seinem neuen Namen entsteht schließlich ein gemeinsames Tattoo. Ein starkes Bild dafür, dass Transition nicht nur das Leben eines Kindes verändert, sondern auch das der Eltern: Identität wird nicht ausgelöscht, sondern transformiert.

Unsere Kinder brauchen uns gerade dann am meisten, wenn sie selbst noch darum ringen, wer sie sind. Wer sich zurückzieht oder alles in Frage stellt, riskiert, dass der Kontakt zum Kind leidet.

So wird "It's a boy!" weniger zu einer klassischen Transitionsgeschichte als zu einem Buch über Beziehungsethik. Es erzählt davon, dass Zugehörigkeit aktiv hergestellt werden muss – durch Zuhören, durch Selbstkritik, durch die Bereitschaft, eigene Gewissheiten loszulassen. Gerade weil Sev keine Heldinnenerzählung schreibt, sondern einen Lernprozess dokumentiert, entfaltet das Buch seine größte politische Wirkung: Es zeigt, dass Unterstützung kein perfektes Wissen voraussetzt, sondern die Entscheidung, an der Seite des eigenen Kindes zu bleiben.

Infos zum Buch

Dilan Sev: It's a boy! Wie ich Mutter eines transgender Sohnes wurde. Unter Mitwirkung von Judith Schneiberg. 160 Seiten. Rowohlt Polaris. Hamburg 2026. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-499-01834-3). E-Book: 14,99 €
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