https://queer.de/?56950
Buchtipp
Homophobie und Hoffnung in der tschechischen Provinz
Queerness und schwules Aufwachsen waren bislang seltene Themen in der tschechischen Literatur. Marek Torčíks sensibler Debütroman "Was die Zeit nicht nimmt" ist eine Ausnahme – und international erfolgreich.

Sein Romandebüt ist in 27 Sprachen erschienen: Marek Torčík, Jahrgang 1993, stammt aus Přerov und lebt in Prag (Bild: Paseka)
- Von
22. Februar 2026, 06:29h 5 Min.
Manchmal braucht es nur einen Satz, und aus tagelanger Vorfreude wird eine vernichtende Demütigung. So ging es Marek beim Schulfasching in der ersten Klasse. Er wollte sich als Harry Potter verkleiden, seine Mutter nähte ihm einen Mantel aus einem alten Vorhang und malte ihm die charakteristische Narbe auf die Stirn. Tagelang übte Marek Zaubersprüche vor dem Spiegel.
Doch in der Turnhalle bei seiner Clique angekommen, haben die Freunde nur Gelächter für ihn übrig. Das sieht ja aus wie ein Kleid, spotten sie, und den Lippenstift auf der Stirn, den hat er doch sicher von der Mutter geklaut. Sie machen sich lustig über ihn, sie erniedrigen ihn. Ein Vorbote für das, was später in der Schule noch schlimmer wird.
Marek will nicht in der Fabrik arbeiten
Marek wächst in Přerov auf, einer mittelgroßen Industriestadt im Osten Tschechiens. Es ist ein trostloser Ort: "Man kann nirgendwo hingehen, hier gibt es nur leere Parkplätze, nur Tennisanlagen und halbleere Kneipen." Deshalb wünscht sich Marek weg von hier. Anders als seine Familie möchte er nicht in der Fabrik arbeiten, er will den Kreislauf durchbrechen, will Abitur machen und anschließend studieren.
Doch bis es so weit ist, muss er die Schulzeit durchstehen. Sein einstiger Kindergartenfreund Filip entwickelt sich zu seinem Feind, der ihm das Leben schwer macht. Marek ist gerne für sich, er liest viel – er ist anders als die anderen Jungs, das merken sie noch vor ihm selbst, und sie lassen ihn das spüren.
Die zwei Außenseiter

Der Roman "Was die Zeit nicht nimmt" ist im Februar 2026 im Berliner Anthea Verlag erschienen
Als Marián in die Klasse kommt, wird er zum neuen Opfer: Der Junge gehört zur Minderheit der Roma und wird rassistisch diskriminiert, von Mitschüler*innen genau wie von Lehrkräften. Und was macht Marek? Der macht mit. Immerhin lenkt Marián von ihm selbst ab. Doch das wird sich ändern, als Marek sich neben ihn setzen muss. Zwischen den beiden Außenseitern entwickelt sich etwas, was beide wohl für unmöglich gehalten hätten.
Für seinen berührenden, autofiktionalen Coming-of-Age-Roman "Was die Zeit nicht nimmt" (Amazon-Affiliate-Link ) findet der junge Autor Marek Torčík einen ungewohnten Stil. Am auffälligsten ist das beim sonst eher seltenen Du-Erzähler: Marián "kriegte jetzt an deiner Stelle alles ab, und du sahst keinen Grund, daran irgendetwas zu ändern." Damit werden aber weniger die Leser*innen direkt angesprochen als vielmehr Marek selbst, so als konfrontiere er sich selbst aus einer gewissen Distanz. Die Selbstreflexion wird so deutlich und nachvollziehbar. Das ist auch deshalb nur konsequent, weil der Roman zwischen den Jahren 2007 und 2021 wechselt.
Alles beginnt mit dem Tod des alkoholkranken Großvaters
Marek Torčík, 1993 geboren, veröffentlichte seinen ersten Lyrikband bereits 2016, der Roman "Was die Zeit nicht nimmt" ist sein Prosa-Debüt. Seine dichterische Qualität wird in treffenden, zugleich präzise-blumigen Verben spürbar, aber ohne eine Spur des Floskelhaften oder Sentimentalen. Der Übersetzer Mirko Kraetsch hat sie ins Deutsche übertragen: Da scheppert eine Klingel, schnappt die Mutter nach Gedanken, beginnen Flecken zu tanzen oder ergießt sich eine Reflexion über die Wände.
Nicht nur der Stil, auch die fragmentarische Art der Erzählung ist besonders: Mal schildert Marek Torčík Szenen, etwa in der Schule oder mit der Mutter, dann folgen wieder längere nachdenkliche Reflexionen. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht dabei die Frage des Erinnerns, denn der Tod des alkoholkranken Großvaters ist der Anlass zurückzublicken.
Der Roman erinnert an Édouard Louis
Und so fragt er sich: Woran und weshalb wir uns erinnern, welche Macht das Erinnern hat, aber auch, wie ausgeliefert wir unseren Erinnerungen sind: "Noch ahnst du nichts davon, wie tief sich die Erinnerungen an den Schmerz festsetzen und wie wenig genügt, damit sie wieder an der Oberfläche auftauchen."
Das Setting des Romans erinnert dabei an andere queere Coming-of-Age-Geschichten: Eine schwierige Familie, eine manchmal unzugängliche, oft bemühte Mutter, die trostlose Provinz, die Arbeit in der Fabrik, welche die ganze Familie ernährt, das quälende Mobbing in der Schule, die Scham.
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Neue stilistische Akzente
Sofort kommen einem die ebenfalls autofiktionalen Werke der Franzosen Édouard Louis und Didier Eribon oder des dänischen Literaturstars Thomas Korsgaard in den Sinn. Sie alle verschränken ebenfalls Queerness mit Fragen nach Klasse und ökonomischen Zwängen.
Die Erfahrungen, als queerer Jugendlicher in einer queerfeindlichen Umgebung aufzuwachsen, ähneln sich oft. Und doch kann man sich zum Beispiel fragen, warum Mareks Vater Pavel im Roman eine abwesende Figur darstellt, in echt jedoch ganz anders ist, zumindest wird das im Nachwort betont. Eine überraschend positive Figur hätte der Erzählung womöglich noch gutgetan. Doch auch wenn die Erzählung sich inhaltlich auf den ersten Blick in die schwule Coming-of-Age-Literatur einreiht, setzt sie formal und stilistisch neue Akzente.
Der international erfolgreichste tschechische Roman seit Jahrzehnten
Marek Torčíks Roman behandelt und problematisiert außerdem den Antiziganismus, den Marián erfährt. Sinti und Roma erleben in Tschechien wie in anderen Ländern Mittel- und Osteuropas nach wie vor starke Diskriminierung und Ausgrenzung. Seine Figur geht jedoch weit über die bloße Funktion eines Opfers hinaus, und gerne hätte man sogar noch mehr über ihn erfahren.
Schwules Aufwachsen in der mährischen Provinz, Homophobie und Antiziganismus: "Was die Zeit nicht nimmt" schließt eine Lücke in der tschechischen Literatur, die sich dieser Themen sonst selten annimmt. Dafür erhielt Marek Torčík nicht nur mehrere Preise. Sein Debüt ist bislang in 27 Sprachen erschienen, was es zum erfolgreichsten tschechischen Werk seit Jahrzehnten macht. Das ist ein außergewöhnlicher Erfolg – für einen außergewöhnlichen Roman.
Marek Torčík: Was die Zeit nicht nimmt. Roman. Aus dem Tschechischen übersetzt von Mirko Kraetsch. 320 Seiten, Anthea Verlag. Berlin 2026. Gebundene Ausgabe: 25 € (ISBN 978-3-89998-456-9). E-Book: 18,99 €
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch, Leseprobe und Bestellmöglichkeit bei amazon.de
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.
















