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Queer Cinema
Vom Verbergen und Behaupten: Das waren die queeren Highlights der Berlinale 2026
Die Berlinale setzte 2026 weniger auf spektakuläre Queer-Momente als auf leise Erzählungen über Begehren, Moral und gesellschaftliche Normen. Fünf Filme stechen besonders hervor.

Szene aus dem Film "Die Blutgräfin" von Ulrike Ottinger (Bild: Amour Fou / Heimatfilm / P. Domenigg)
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22. Februar 2026, 09:39h 6 Min.
Im Programm der Internationalen Filmfestspiele Berlin musste man in den vergangenen Jahren nicht lange nach queeren Leuchttürmen suchen. Man denke nur an den furiosen lesbischen Pulp-Thriller "Love Lies Bleeding" von Rose Glass, der dem lesbischen Kino 2024 einen neuen Meilenstein bescherte. Oder an das zarte Coming-of-Age-Drama "Dreams (Sex Love)", das im vergangenen Jahr sogar mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Der fantastisch-entrückte Animationsfilm "Lesbian Space Princess" avancierte im letzten Jahr in der Community außerdem im Handumdrehen zu Kult.
Umso auffälliger war, dass ausgerechnet zum 40. Jubiläum des "Teddy Award" die queeren Sensationen rarer gesät waren. Dennoch fanden sich auch abseits der diesjährigen Teddy-Gewinner – "Iván & Hadoum" (Bester Spielfilm), "Barbara Forever" (Beste Dokumentation) und "Der Heimatlose" (Jury Award) – bemerkenswerte Filme mit starkem Queerbezug. Fünf davon im Überblick.
Wettbewerb: "À voix basse" / "In a Whisper"

Szene aus "In a Whisper" (Bild: Unite)
Mit "In a Whisper" (Originaltitel: "À voix basse") erzählt die tunesisch-französische Regisseurin Leyla Bouzid von einer Heimkehr, die zur leisen Konfrontation wird. Im Zentrum steht Lilia (Eya Bouteraa), die aus Paris nach Tunis reist, um einen verstorbenen Onkel zu beerdigen. Offiziell gilt sein Tod als tragischer Vorfall. Doch in einem Land, in dem Homosexualität strafbar ist, verschiebt sich hinter vorgehaltener Hand die Perspektive: Nicht die Frage nach einem möglichen Verbrechen steht im Vordergrund, sondern die moralische Bewertung des Toten selbst.
Leyla Bouzid bleibt dicht an ihrer Hauptfigur, folgt ihr mit fast dokumentarischer Nähe, als Lilia beginnt, selbst Fragen zu stellen und Spuren nachzugehen. Dabei gerät auch ihre eigene Identität in den Fokus, in Frankreich lebt Lilia schließlich selbst mit einer Frau zusammen. "In a Whisper" entwickelt daraus eine beinahe kammerspielartige Spannung – und ein berührendes Drama, das manchmal fast zu bedächtig erzählt ist.
Wettbewerb: "Rose"
Der österreichische Regisseur Markus Schleinzer wiederum inszeniert mit "Rose" ein karges Historienepos in strengem Schwarz-Weiß und schafft daraus eines der eindringlichsten Werke des Wettbewerbs. Im Zentrum steht eine Frau, die sich nach dem Dreißigjährigen Krieg als männlicher Soldat ausgibt, um Besitzansprüche durchzusetzen und in einer patriarchalen Dorfgemeinschaft zu bestehen.
Sandra Hüller verleiht dieser Figur in feinen schauspielerischen Nuancen eine grimmige Körperlichkeit, hinter der fast unmerklich eine zarte Verständigkeit aufschimmert, die in dieser Welt jedoch nicht sein darf. Die Maskerade muss um jeden Preis aufrechterhalten bleiben – zeitigt allerdings erste Risse, als Rose eine strategische Ehe mit Suzanna (Caro Braun) eingeht.
Markus Schleinzer interessiert sich jedoch weniger für das Moment der Enttarnung, als für die grausame Logik einer Gemeinschaft, die Devianz schlicht nicht duldet. Selbst wer ihr dient und sie stärkt, verliert sein Existenzrecht, sobald die Norm verletzt scheint. "Rose" erzählt damit ebenso scharfsinnig wie bewegend von erdrückenden Geschlechterrollen, die historisch verortet sein mögen, aber bis heute am Werk sind. Sandra Hüller wurde für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet.
Panorama: "Narciso"

Szene aus "Narciso" (Bild: La Babosa Cine)
Mit "Narciso" wendet sich der paraguayische Regisseur Marcelo Martinessi seiner Heimat der späten 1950er Jahre zu, und damit einer Zeit, in der sich das Land in einem paradoxen Zwischenzustand zwischen gesellschaftlichem Aufbruch und einer heraufziehenden Diktatur bewegt. Der titelgebende Narciso (Diro Romero) bringt als junger Radiomoderator den US-amerikanischen Rock'n'Roll in die konservative Klanglandschaft und wird schnell zur Projektionsfläche der Sehnsüchte von Frauen und Männern gleichermaßen.
Inspiriert von der realen Geschichte um Bernardo Aranda zeichnet Marcelo Martinessi nach, wie der Mord am Freigeist hinter dem Mikrofon schließlich dem erstarkenden Militärregime als willkommener Vorwand diente, um mit Razzien gegen Homosexuelle und andere "Missliebige" vorzugehen.
Mehr noch als von seinem eher im Oberflächlichen verharrenden Plot lebt das Drama allerdings von seiner atmosphärischen Dichte. Luis Arteagas ruhige Kamera badet in nächtlicher Schwüle, in Rauch und Neonlicht. Begehren – auch queerer Natur – liegt in der Luft, wird nicht offen ausgesprochen, ist aber stets spürbar in Blicken und zaghaften Annäherungsversuchen, die verhängnisvoll enden.
Panorama: "The Education of Jane Cumming"

Szene aus "The Education of Jane Cumming"(Bild: Heimatfilm)
Sophie Heldmans "The Education of Jane Cumming" hingegen führt ins Schottland des frühen 19. Jahrhunderts und zeichnet ein vielschichtiges Drama über Begehren, Ausgrenzung und den unbedingten Willen, sich zur Wehr zu setzen. Im Kosmos einer kleinen Privatschule findet die 15-jährige Jane (Mia Tharia), die aufgrund ihrer indischen Wurzeln von den anderen Schülerinnen gemieden wird, in ihren beiden Lehrerinnen erstmals echte Vertrauenspersonen.
Später allerdings wird sie schwere Anschuldigungen gegen Miss Pririe (Flora Nicholson) und Miss Woods (Clare Dunne) erheben, die sie um ihre Existenz bringen: Nicht nur von einer lesbischen Beziehung, sondern dass diese gar inmitten der Schülerinnen ausgelebt wurde, ist die Rede. Sophie Heldman, die gemeinsam mit Nicholson auch das Drehbuch verfasste, fokussiert sich allerdings nicht auf den daraus erwachsenden historischen Verleumdungsprozess, der bereits das Theaterstück "The Children's Hour" und den Hollywoodfilm "Infam" mit Audrey Hepburn und Shirley MacLaine inspirierte.
Stattdessen richtet "The Education of Jane Cumming" das Hauptaugenmerk auf die feinen Verschiebungen davor. Die Beziehung der beiden Pädagoginnen wird dabei mit großer Zurückhaltung gezeichnet, als lvorsichtige Intimität in einer Welt rigider Moralvorstellungen. So entsteht ein präzise Erzählung über queere Existenz im Schatten von Verleumdung – empathisch, klug und nachhaltig bewegend.
Special Gala: "Die Blutgräfin"
Mit "Die Blutgräfin" liefert die lesbische Kultregisseurin Ulrike Ottinger ein barock funkelndes Schaupanoptikum ab. Inspiriert von der Legende um Elisabeth Báthory gleitet Isabelle Huppert in der Titelrolle mit porzellanweißer Strenge durch opulente Tableaus, flankiert von einer herrlich trockenen Birgit Minichmayr.
Der Queerfaktor ist ästhetisch hoch, narrativ aber eher gering. Überzeichnung, Bombast und kalkulierte Künstlichkeit durchziehen dieses visuelle Fest, das sich ohnehin kaum für eine echte Handlung interessiert. Doch so bestechend schön die Ausstattung ist, so starr wirkt das Gesamtkonzept. "Die Blutgräfin" entwickelt sich so eher zum faszinierenden Ausstellungsstück als zu mitreißendem Camp-Kino. Erst Conchita Wurst, die im letzten Drittel überraschend ihren ESC-Song anstimmt, verleiht dem Film die dringend nötige Selbstironie.
"A Family" (Mees Peijnenburg): Lobende Erwähnung der Jugendjury von Generation 14plus
"Barbara Forever" (Brydie O'Connor): Teddy Award für den besten Dokumentarfilm
"Bucks Harbor" (Pete Muller): Preis der Ökumenischen Jury – Panorama
Céline Sciamma: Special Teddy Award
"Der Heimatlose" (Kai Stänicke): Teddy Jury Award
"Feito Pipa" (Allan Deberton): Gläserner Bär der Kinderjury von Generation Kplus für den besten Film, Großer Preis der internationalen Jury für den besten Film
"I Built a Rocket Imagining Your Arrival" (Janaína Marques): Preis der Leser*innenjury des Tagesspiegel
"Iván & Hadoum" (Ian de la Rosa): Teddy Award für den besten Spielfilm
"Narciso" (Marcelo Martinessi): Preis der Fipresci Jury – Panorama
"River Dreams" (Kristina Mikhailova): Preis der ökumenischen Jury – Forum
Sandra Hüller: Silberner Bär für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle im Film "Rose" von Markus Schleinzer
"Staatsschutz" (Faraz Shariat): Cicae Art Cinema Award – Panorama, Heiner-Carow-Preis, Panorama Publikums-Preis
"Taxi Moto" (Gaël Kamilindi): Teddy Award für den besten Kurzfilm
"Whale 52 – Suite for Man, Boy, and Whale" (Daniel Neiden): Gläserner Bär der Kinderjury von Generation Kplus für den besten Kurzfilm
"What Will I Become?" (Lexie Bean, Logan Rozos): Amnesty International Filmpreis, Preis der AG Kino – Gilde – Cinema Vision 14plus
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