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Ausstellungstipp

Queer ist keine Erfindung des Westens

Unter dem Titel "Eyes to Fly With" präsentiert C/O Berlin noch bis 10. Juni eine Werkschau der mexikanischen Künstlerin Graciela Iturbide. Ihre Fotografien machen auch die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten sichtbar.


Eine Fotografie aus der Ausstellung: Nuestra Señora de las Iguanas, Juchitán, Oaxaca, Mexiko, 1979 © Graciela Iturbide

Es ist die zweite große Werkschau in Deutschland, die der mexikanischen Fotografin Graciela Iturbide jetzt im Ausstellungshaus C/O Berlin gewidmet ist. 2019 war es eine Retrospektive im Fotografie Forum Frankfurt (Main). Unter dem Titel "Eyes to Fly With" werden über 200 Fotos präsentiert, sortiert nach den von der Fotografin angelegten Serien und auch nach thematischen Schwerpunkten wie etwa Mode, bei der es ihr stets wichtig war, bei den Arrangements freie Hand zu haben. Auch die Botanik in Mexiko hatte es ihr angetan, diese monströsen Kakteen und all die anderen eigenwilligen Pflanzen.

Die heute 83-jährige Fotografin lebt in Mexiko-Stadt und also in dem Land, dem sie, seinen Menschen, seiner Kultur und eben auch seiner Natur zeitlebens eine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Aber Iturbide kam weit herum und so wird auch von den wundervollen Fotos aus Indien und Bangladesch zu sprechen sein. Sie zählt schon seit Langem zu den ganz Großen in der Geschichte der Fotografie. 2022 wurde sie in die International Photography Hall of Fame (IPHF) in St. Louis/Missouri in den USA aufgenommen. Auch sie schuf Fotos von ikonischem Charakter, die zu festen Bestandteilen unserer Bildwelt wurden.

"Ich arbeite in Schwarz-Weiß"

Graciela Iturbide hat drei Vorlieben – erstens für dokumentarische Fotografie, die sie praktisch ständig unter Menschen sein ließ und wohl immer noch sein lässt, sodann für Schwarz-Weiß-Fotos. Dazu gehört ihr Bekenntnis, Farbe erscheine ihr als "unwirklich". "Ich arbeite in Schwarz-Weiß, ich träume in Schwarz-Weiß, ich fotografiere in Schwarz-Weiß, weil es eine Abstraktion von allem ist." Womit zugleich ein generelles Paradox von Fotografie angesprochen wird, nämlich Dingen, Menschen und Situationen ganz nahe zu kommen und sie durch das Foto zugleich in eine Ästhetik der Distanz zu übersetzen. Ihre dritte Vorliebe gilt der analogen Fotografie – auch das ein nicht unwesentlicher künstlerischer Aspekt.

Beim Gang durch die Ausstellung wird auch dies offensichtlich: Frauen stehen bei ihr klar im Mittelpunkt. Hier von einer feministischen Fotografie zu sprechen hat seine volle Berechtigung. Wichtig war ihr dabei, mit den Frauen für eine Zeitlang zusammenzuleben, ihren Alltag unmittelbar kennenzulernen. Sie sollten zu "Mitstreiterinnen" werden mit einem "Gefühl von Verbundenheit".


¿Ojos para volar?, Coyoacán, Mexiko, 1989 © Graciela Iturbide

"Ich fotografiere immer mit der Zustimmung und Zusammenarbeit der Menschen." So ist auch eines der berühmtesten Fotos entstanden, nämlich das von der Leguan-Frau, die lebende Leguane auf ihrem Kopf trägt und sie auf dem Markt verkauft. Ausgewählt hatte die Fotografin aus den Kontaktabzügen das einzige Foto, auf dem die Frau nicht lachte, vielmehr durch den ernsten Ausdruck eine natürliche Würde ausstrahlt.

"Überraschung, Staunen, Träume und Fantasie"

Und noch ein weiterer Schwerpunkt fällt buchstäblich ins Auge, überfällt uns förmlich, mal maskiert, mal unmaskiert – der Tod. Seine vielfältige Präsenz hat seine Wurzeln unverkennbar in der mexikanischen Kultur mit jeweils spezifischen indigenen Traditionen. Dabei vermischen sich die Alltagsszenen nicht selten mit einer eigentümlich irritierenden Fantastik. "Was meine Arbeit antreibt, sind Überraschung, Staunen, Träume und Fantasie." All das findet Iturbide im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße, auf Märkten, beim Blick ins Innere von Häusern.

Das Gefundene kann dabei so unspektakulär und einfach nur komisch sein, wie die Ziege, die auf dem Lastenfahrrad scheinbar wartet, herumkutschiert zu werden, oder der kleine Affe hoch über der Straße, im Gewirr der Elektroleitungen balancierend. Bizarr wiederum die Aufnahme aus dem Tempel der Ratten, die um eine Tränke herum versammelt sind. Oder der Blick in einen leeren Raum, wo eine Krokodilhaut auf einer Leiter zum Trocknen aufgespannt ist, daneben sitzt gelangweilt eine junge Frau.

Im Badezimmer von Frida Kahlo

Eine wirklich außergewöhnliche Serie ist Iturbide mit den Aufnahmen aus einem der Badezimmer der Künstlerin Frida Kahlo gelungen. Das Haus ist für gewöhnlich unzugänglich, doch 2006 gab es die Erlaubnis, eines der Badezimmer zu fotografieren zusammen mit all den darin befindlichen Objekten – Gehhilfen, Korsagen, die Kahlo nach einem Unfall tragen musste, dazu seltsamerweise Plakate, auf denen Stalin zu sehen ist. Auch das war wohl Teil ihres Lebens. Dazu erklärte Iturbide: "Der Ort hatte eine aufgeladene Atmosphäre. Es roch streng und über allem lag der Staub eines halben Jahrhunderts. Die riesigen Flaschen mit dem Schmerzmittel Demerol beeindruckten mich ganz besonders."

Die südmexikanische Stadt Juchitán ist schon lange als die "Stadt der Frauen" bekannt und mit Blick auf den sonst in Mexiko epidemischen Machismo eine absolute Ausnahme. Dort herrscht zwar kein Matriarchat, aber immerhin matriarchale Strukturen, in denen gender-nonkonforme Menschen, also mithin das Thema trans, ganz selbstverständlich dazugehören und anerkannt sind. Die betreffenden Personen tragen die Bezeichnung Muxes – eine Abwandlung von Mujer (Frau).

Fokus auf trans Menschen in Indien

Auch entsprechende Fotos aus Indien, auf denen Hijras zu sehen sind, stehen für kulturelle Inklusion. Iturbides Momentaufnahmen aus der indischen trans Community sind von einer bemerkenswerten Offenheit und Sympathie getragen. Iturbide kommentierte: "Während meiner zweiten [Indien-]Reise legte ich den Fokus auf trans Menschen. In den Situationen, die ich erlebt habe, begegnete man ihnen mit Respekt. Es ist ähnlich wie in Juchitán, wo die Muxes von der Gesellschaft akzeptiert werden."

Nebenbei bestätigen gerade diese Fotos: Queer ist keine Erfindung des Westens, nichts, was sich als Trend und Mode abtun ließe. Dass Gender-Nonkonformität überall und zu allen Zeiten kulturell verankert war und ist, das zeigen beeindruckend die Fotos aus Juchitán wie die von den Hijras aus Indien.

Nun also ist Graciela Iturbide mit einer wundervollen Werkschau in Berlin an der Reihe und setzt nach Diane Arbus und Eve Arnold das Defilee der prominenten Fotografinnen fort. Ein wirklich fantastisches Geschenk.

-w-