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"Der Film soll ein Triumph des Begehrens sein"
Im sexy Erotikthriller "Night Stage" riskieren zwei schwule Männer ihre Karrieren, weil sie gerne Sex an öffentlichen Orten miteinander haben. Im Interview erzählt das Regie-Duo Filipe Matzembacher und Marcio Reolon, warum die Hauptfigur so naiv ist – und wie es ist, als Paar einen Film zu drehen.

Die Regisseure Filipe Matzembacher (l.) und Marcio Reolon am Set von "Night Stage" (Bild: Rafael Barion)
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28. Februar 2026, 09:19h 11 Min.
Der Politiker Rafael will Bürgermeister von Porto Alegre werden. Und Matias möchte als Schauspieler richtig durchstarten. Beide müssen für ihre beruflichen Träume einen Teil von sich verstecken. Doch dann lernen sie sich kennen – und die Lust aufeinander kann ihre Karrieren zerstören.
Ist es ein Job wert, einen Teil von sich selbst zu verleugnen? Das ist die Leitfrage des brasilianischen Erotikthrillers "Night Stage", der im Februar in der Queerfilmnacht lief (Filmkritik queer.de). Zum regulären Kinostart am 26. Fberuar 2026 haben sich die Regisseure Marcio Reolon und Filipe Matzembacher Zeit genommen, um über ihren Film zu sprechen.
Marcio, Filipe, euer Erotikthriller "Night Stage" spielt im brasilianischen Porto Alegre. Ihr seid in der Stadt aufgewachsen. Habt ihr im Film eure liebsten Cruising-Spots verraten?
Marcio Reolon: (lacht) Ich glaube, wir sind in Porto Alegre eigentlich nie selbst cruisen gegangen. In anderen Städten schon. Aber ja, die Cruising-Szene im Park zeigt wahrscheinlich den bekanntesten Ort zum Cruisen. Wir haben nicht genau dort gedreht, wo wirklich gecruist wird, weil wir niemandem den Spaß verderben wollten – also waren wir ein Stück weiter weg.
Filipe Matzembacher: Im Film geht es stark darum, das Leben auf eine Bühne zu bringen. Wir haben dann diese kleine Insel mit den Treppen gefunden. Das sieht aus wie eine Theaterbühne. Das ist witzig, weil das einer der bekanntesten Orte unserer Heimatstadt ist, fast ein Symbol der Stadt, sehr eng mit ihrer Geschichte verbunden. Und gleichzeitig gibt es im Herzen dieses Ortes diesen Cruising-Spot – was, finde ich, sehr viel Sinn ergibt.
Euer Film ist sehr sexy und erotisch, aber er ist kein Softporno. Wie schmal ist für euch der Grat zwischen sexy und plump – und wie habt ihr es geschafft, sie nicht zu überschreiten?
Marcio: Darüber machen wir uns eigentlich nie wirklich Sorgen. Sex ist Teil von allen unseren Filmen. Wir versuchen immer zu verstehen, welche Art der sexuellen Darstellung ein Film braucht. In unserem vorherigen Film "Hard Paint" war das viel roher, naturalistischer und expliziter. Aber "Night Stage" ist performativer, sehr verspielt. Diese Idee der Bühne, von der Filipe gesprochen hat, heißt für uns, dass man nicht wirklich alles sehen muss, was passiert – es geht mehr um die Illusion, die die Figuren für das Publikum erschaffen. Und außerdem geht es in diesem Film nicht so sehr um den Sex an sich, sondern stark um die Umgebung.

Poster zum Film: "Night Stage" läuft seit 26. Februar 2026 regulär im Kino
"Night Stage" ist ein Erotikthriller, aber ohne heteronormative Moral. Vor einigen Jahrzehnten wurden Queers, die auf der Leinwand Sex hatten, am Ende oft bestraft. Wie wichtig war es euch, dieses klassische filmische Narrativ zu verändern?
Marcio: Genau das wollten wir erreichen. Wir wollten mit diesem Film eine Hommage an die Erotikthriller der 1970er, 1980er und 1990er Jahre schaffen. Sie zeigen viel Lust, und damit können wir uns stark identifizieren. Aber oft wird dieses Begehren am Ende bestraft. Und wir wollten, dass unser Film in die entgegengesetzte Richtung geht. Der Film soll ein Triumph des Begehrens sein.
Wir zeigen zwei Figuren mit neoliberalen Zielen, die sie den ganzen Film über verfolgen – während das Begehren immer stärker wird und sie ständig herausfordert. Am Ende können sie die Lust nicht mehr zurückhalten. Das Begehren übernimmt die Kontrolle und gewinnt. Die letzte Szene geht ins Absurde, und das finden wir gut. Die Protagonisten hören nicht auf, ehe sie fertig damit sind, wofür sie gekommen sind. Die Gesellschaft erwischt sie, aber trotzdem können sie ihr Begehren ganz ehrlich annehmen – und müssen es nicht länger wegen irgendwelcher neoliberalen Ideen verstecken.
(Achtung, Filipes Antwort enthält Spoiler) Es gibt zwei heterosexuelle Figuren, die den "Closet" der beiden queeren Hauptfiguren herausfordern. Es ist das erste Mal für uns, dass Figuren von uns sterben. Also war uns klar, dass wir diese Heteros töten – statt die beiden queeren Figuren, von denen uns die Filmgeschichte lehrt, dass sie es sind, die sterben müssten. Das war sehr wichtig.
Rafael ist Bürgermeisterkandidat in Porto Alegre. Wie stark ist die Geschichte in der aktuellen Politik Brasiliens verwurzelt? Gibt es offen queere Politiker*innen? Und wäre dort ein queerer Sexskandal skandalöser als ein heterosexueller?
Filipe: Ja und ja. Ich glaube, ein queerer Skandal hätte viel stärkere Konsequenzen als ein heterosexueller. Vor ein paar Jahren gab es so einen Skandal: Angeblich existierte ein Sexvideo eines Bürgermeisters einer großen brasilianischen Stadt mit drei Frauen. Das hat seiner Karriere überhaupt nicht geschadet. Aber wenn es ein schwuler Politiker in einer Orgie gewesen wäre, würden manche Familien ihn wohl nicht mehr wählen.
Marcio: Natürlich gibt es offen schwule Politiker, zum Beispiel Eduardo Leite, den Gouverneur des Bundesstaates Rio Grande do Sul. Er hat sich geoutet, als er schon Gouverneur war, ist dann aber nochmal zur Wahl angetreten und wurde wiedergewählt. Aber er inszeniert seine Sexualität sehr normativ und nicht als Bedrohung für die Gesellschaft – und deshalb wird er akzeptiert. Für andere Politiker*innen, die ihre Sexualität konfrontativer darstellen, ist es viel schwieriger, Machtpositionen zu erreichen, besonders wenn sie nicht nur die Heteronormativität, sondern auch die herrschenden Machtstrukturen herausfordern. Jean Wyllys etwa, ein linker, offen queerer Abgeordneter, musste das Land verlassen, weil er bedroht wurde und das Leben seiner Familie in Gefahr war.

Szene aus "Night Stage" (Bild: Salzgeber)
Stichwort Machtpositionen: Rafael will Bürgermeister werden, bricht aber Regeln. Erzählt der Film eher die Geschichte einer queeren Befreiung – oder eines privilegierten Manns, der glaubt, keine Konsequenzen fürchten zu müssen?
Filipe: Es geht um diese naive Vorstellung eines schwulen Mannes, der glaubt, wenn er einen Teil von sich selbst opfert, wird er akzeptiert. Rafael wurde beigebracht, dass er so die Anerkennung bekommen würde, die er braucht und will. Aber als queere Person ist er immer der Erste, der aus diesem Machtzentrum ausgeschlossen wird.
Marcio: Das ist die ganze Falle der Assimilation.
Filipe: Und ich finde, das ist interessant an Rafael und Matias. Der Politiker Rafael ist bereits im Closet, sehr heteronormativ und so. Während Matias zu Beginn der Geschichte anders ist – er steht zu seiner Sexualität. Doch nach und nach beginnt auch er, Kompromisse zu machen, um Erfolg zu haben. In unseren Filmen bekommen die Figuren nie das, was sie wollen – sondern das, was sie brauchen. Was wir wollen, wird uns meist von der Gesellschaft beigebracht – oft von patriarchalen oder kapitalistischen Vorstellungen. Aber was wir brauchen, kommt von tiefer in uns selbst. Die beiden Figuren bekommen genau das. Es ist ein Happy End. Am Ende sind sie ihrem Glück näher als davor.
Beim Schauen musste ich viel an den "male gaze" denken, weil der Film stark mit Voyeurismus arbeitet: Das Publikum beobachtet Rafael und Matias – im Wissen, dass es ihnen gefällt, beobachtet zu werden.
Filipe: Der "male gaze" ist in manchen Filmen, die wir sehr mögen – etwa in den erwähnten Erotikthrillern – sehr präsent. Darin werden die Körper sowohl von uns als auch von der Kamera betrachtet. Unsere Figuren jedoch haben das Bewusstsein, dass jemand sie beobachtet. Und das verändert alles – sie können darauf reagieren und entsprechend handeln. Der erste Dialog im Film lautet: "Sie kommen" – sie sprechen über den Casting-Direktor, aber es ist auch das Publikum im Kino gemeint. Ständig gibt es diese Meta-Referenz: Wird jemand zuschauen? Selbst wenn es nur das Publikum ist. In älteren Filmen sind insbesondere Frauen oft nur Objekte – dieses Machtgefälle haben wir in unserem Film nicht.
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"Night Stage" ist eine Hommage an die Erotikthriller der 1970er Jahre. Wie habt ihr – besonders mit eurer Kamerafrau Luciana Baseggio – diese visuelle Spannung zwischen Gefahr und Erotik entwickelt?
Filipe: Dieser Idee von Voyeurismus und der Mischung aus Begehren und Gefahr – wenn man Sex hat und erwischt werden könnte – wollten wir uns unbedingt nähern. Wir haben uns gefragt, wie wir eine Mise-en-scène und ein Framing schaffen können, das damit verbunden ist – und zugleich mit der Idee der Bühne. Fast alle Szenen beziehen sich auf dieses Theatermotiv. Es gibt viele Einstellungen, die an Plateaus erinnern, weitere Einstellungen, die wirken, als würden die Figuren für die Kamera posieren – wie in einem Theaterstück. Auch rote Vorhänge tauchen im ganzen Film auf, in Matias' Wohnung und an anderen Orten. Und das harte Licht, das an klassisches Theater erinnert, findet sich sogar auf der Straße wieder. Die ganze Umgebung wird zu einer Erweiterung dieser Bühnenidee. Es war ein sehr spielerischer Prozess mit Luciana und auch mit Manuela Falcão, unserer Szenenbildnerin.
Marcio: "Verspieltheit" war das Wort, das uns durch den gesamten Prozess geleitet hat. Wir haben unsere Wünsche und Sehnsüchte nicht zurückgehalten. Wir wollten eine Welt erschaffen, die für uns und für diesen Film Sinn ergibt – ohne an irgendeine Vorstellung von Realität gebunden zu sein.
Es ist nicht euer erster gemeinsamer Film. Könnt ihr erzählen, wie ihr als Regie-Duo zusammenarbeitet?
Marcio: Filipe und ich haben uns vor vielen Jahren an der Filmhochschule kennengelernt. Wir haben gleichzeitig angefangen, uns zu daten und zusammenzuarbeiten – wir kennen also weder Arbeiten ohne Beziehung noch Beziehung ohne Arbeit. Das ist ein großes, chaotisches Ganzes, aber es funktioniert für uns. (lacht)
Was uns verbindet: Wir haben beide geschauspielert, bevor wir angefangen haben, Regie zu führen. Ich bin immer noch als Schauspieler tätig, Filipe ist, glaube ich, vorzeitig in Rente gegangen. (lacht) Außerdem teilen wir eine sehr ähnliche Cinephilie. Als wir angefangen haben, uns zu daten, sind wir gemeinsam ans Meer gefahren. Jeder sollte seine fünf Lieblingsfilme mitbringen, um sie dem anderen zu zeigen. Ohne es zu merken, haben wir damals schon eine gemeinsame Leidenschaft für Filme aufgebaut und unsere Interessen geteilt. So entstand eine gemeinsame Basis für unsere Arbeit.
Wir teilen uns die Aufgaben nicht auf. Wir machen alles kollaborativ – vom Drehbuch über die Arbeit mit den Schauspieler*innen bis zu Meetings mit jeder einzelnen Abteilung. Da wir zusammenleben, sprechen wir ständig über unsere Arbeit. Wenn wir dann am Set schnell eine Entscheidung treffen müssen, haben wir vorher so viel diskutiert, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass einer von uns etwas entscheidet, womit der andere nicht einverstanden wäre. Wir sind uns so bewusst über den Film, dass das ganz natürlich entsteht. Das größte Risiko eines Duos ist wohl, wenn beide innerlich an unterschiedlichen Projekten arbeiten.
Filipe: Zeit ist für uns sehr wichtig. Wenn wir in unserem Prozess in etwas investieren können, dann ist es Zeit – um wirklich denselben Film im Kopf aller Beteiligten entstehen zu lassen.
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Euer Film ist ein durch und durch queerer Film. Manchmal taucht die Frage auf, warum ein hetero Publikum einen queeren Film sehen sollte. Wie reagiert ihr darauf?
Filipe: Queeres Kino versucht, Normen zu destabilisieren. Und das ist etwas, womit sich alle auseinandersetzen und wovon alle lernen können. Oft setzt sich queeres Kino mit Geschlecht und Sexualität auseinander – aber letztlich geht es darum, eine neue Welt vorzuschlagen oder zumindest die bestehende infrage zu stellen. Ich freue mich sehr, wenn ein heterosexuelles Publikum unsere Filme sieht. Manchmal ist es lustig zu sehen, wie Leute nach der ersten Sexszene den Saal verlassen – aber das gehört dazu.
Alle sollten versuchen, Filme zu schauen, die ein anderes Leben zeigen. Natürlich können sich queere Zuschauer*innen meist stärker identifizieren, weil sie bestimmte kulturelle Codes verstehen. Zum Beispiel verstehen viele Queers das Ende des Films besonders gut – weil Begehren in unserer Community immer unterdrückt wurde. Sich für das Begehren statt für die Karriere zu entscheiden, ergibt für sie mehr Sinn.
Marcio: Queere Menschen existieren. Also ist es essenziell für ein heterosexuelles Publikum, sich damit auseinanderzusetzen. Wir haben gerade auf der Berlinale Filme aus aller Welt gesehen, die uns andere Leben zeigen als unsere eigenen – und das bereichert uns als Menschen. Ich hoffe, dass auch Heteros dasselbe tun, wenn sie einen queeren Film sehen.
Wenn ein queeres Publikum nach "Night Stage" das Kino verlässt – wie sollen sie sich fühlen?
Marcio: Wir wollen, dass sie geil sind (lacht) – und gleichzeitig eine gewisse Lust verspüren, Regeln zu brechen. Dieser Film ist keine realistische, sondern eine symbolische Darstellung des Lebens. Es ist uns wichtig, dass das Publikum die Symbolik hinter der Reise von Matias und Rafael versteht. Diese Frage, ob es sich wirklich lohnt, so viele Kompromisse für neoliberalen Erfolg einzugehen. Und dann werden alle aufs eigene Leben schauen und selbst urteilen.
Filipe: Wir hatten so viel Spaß beim Drehen. Ich hoffe also, die Leute verlassen das Kino mit einem Lächeln, vielleicht ein bisschen horny, vielleicht auch ein bisschen erschrocken von den letzten Minuten. Vielleicht wollen sie tanzen oder cruisen gehen oder sich einfach mit Freund*innen treffen.
Night Stage. Erotikthriller. Brasilien 2025. Regie: Marcio Reolon, Filipe Matzembacher. Cast: Gabriel Faryas, Cirillo Luna, Henrique Barreira, Ivo Müller, Kaya Rodrigues, Larissa Sanguiné. Laufzeit: 119 Minuten. Sprache: portugiesische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 26. Februar 2026
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