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Buchtipp
Das queere Berlin im Jahr 1904
Magnus Hirschfelds neuaufgelegte Schrift "Berlins Drittes Geschlecht" ist eine absolut starke Lektüre für Menschen, die sich mit der Geschichte von Sexualität, Kultur und Gesellschaft näher befassen wollen und dabei erkennen werden, wie weit man eigentlich schon vor 120 Jahren war.

Für die populäre Buchreihe "Großstadt-Dokumente" verfasste Magnus Hirschfeld 1904 eine Schilderung des Lebens homosexueller Männer und Frauen in der Reichshauptstadt Berlin, die er mit "Berlins Drittes Geschlecht" betitelte (Bild: Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin)
- Von Christopher Filipecki
2. März 2026, 04:43h 5 Min.
Was hat sich eigentlich in über 100 Jahren in Berlin hinsichtlich der Wahrnehmung von queeren Menschen getan? Viel und gleichzeitig wenig, könnte man meinen, nachdem man die Neuauflage zu Magnus Hirschfelds gut beobachtetem Essay "Berlins drittes Geschlecht" (Amazon-Affiliate-Link ) gelesen hat.
Der Band aus dem Männerschwarm Verlag holt ein besonderes Zeitdokument aus dem vergangenen Jahrhundert zurück und sorgt beim Lesen für mehrere Aha-Momente. Magnus Hirschfeld, 1868 in Kolberg geboren und 1935 in Nizza in Frankreich verstorben, war Arzt und Sexualwissenschaftler. Heutzutage für mehr Rechte für die LGBTI-Community zu kämpfen, braucht immer noch Mut – dafür 1904 ein Bewusstsein zu schaffen, ist aber eine ganz andere Hausnummer.
In dem 180 Seiten umfassenden Hardcover-Buch nimmt der Aufsatz "Berlins drittes Geschlecht" fast die Hälfte des Raumes ein. Hirschfeld beobachtet die homosexuelle Szene der Hauptstadt und legt dabei vortreffliche Gedanken vor, die zeigen, dass 2026 so manches besser wurde, anderes hingegen kurioserweise aber unverändert blieb.
Schwule Bars gab es schon Anfang des 20. Jahrhunderts

Die Neuausgabe von "Berlins Drittes Geschlecht" ist im Januar 2026 in der Bibliothek rosa Winkel des Männerschwarm Verlags erschienen
Mit viel Feingefühl und komplett vorurteilsfrei beschreibt Magnus Hirschfeld das Verhalten von Männern, die andere Männer der Liebe wegen treffen. Auch gleichgeschlechtlich liebende Frauen kommen vor, jedoch eher am Rande. Berlin wirkt schon Anfang des 20. Jahrhunderts, als Hirschfeld seine sexualwissenschaftlichen Studien durchführt, äußerst liberal und wegweisend. Etablissements, in denen sich schwule Männer nach Gleichgesinnten umschauen können, gibt es schon dann. Sogar von Coming-outs vor den Eltern, die darauf respektvoll und positiv reagieren, weiß er. Immer wieder wird betont, dass das Verhalten zwischen "normalen" – das würde man heute definitiv anders formulieren – liebenden Männern und den Urningen – der damals gängige Begriff für homosexuelle Männer, etabliert durch Karl Heinrich Ulrich – gar nicht so groß anders sei. Viele der Homosexuellen fallen nicht einmal auf.
Doch auch weit darüber hinaus gibt es beim Lesen so manche Zeilen, die für Überraschung sorgen. Hirschfeld beschreibt Männer, die es lieben in Frauenkleidern rauszugehen, die eher feminin wirken, aber sich dennoch nicht als weiblich definieren. Sie nennen sich stolz "Paula" statt "Paul" oder "Frieda" statt "Fritz" in der Öffentlichkeit, in der sie sich wohlfühlen und frei sein können. Er beschreibt, wie so mancher Mann, der trotz seiner Homosexualität stets maskulin auftritt, magisch von den weniger maskulin agierenden Männern angezogen wird und umgekehrt. Manches davon sei ganz bewusst so gewählt, schließlich probieren einige "ihre Neigungen wohlweislich zu verheimlichen", schreibt er. Dass das Miteinander in den Kneipen meist sehr unaufgeregt und harmonisch abläuft, erwähnt Hirschfeld ebenso. Dass heterosexuelle Männer auf der Straße eben schönen Mädchen hinterherschauen und homosexuelle Herren dasselbe mit Männern tun. So einfach, so gut.
Auf der anderen Seite finden aber auch Schattenseiten ihre Erwähnung. Männer, die sich verkleidet als Frau prostituieren, weil sie mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Gewalt und Diebstahl prägen ihren Alltag. Persönlichkeiten werden gespalten und bekommen Tag- und Nachtversionen. Einige suchen Psychiatrien auf, weil sie denken, sie seien verrückt und falsch. Manche wählen vor Zerrissenheit und Scham gar den Freitod.
Appell an den Verstand der Heteros
Hirschfeld probiert auch an den Verstand zu appellieren, dass die Wahrscheinlichkeit, einen homosexuellen Menschen im Umkreis zu haben, äußerst hoch sei. Ob in der Kunst, in der Musik, im Restaurant oder beim Friseur – sehr oft war wohl die Person, die eine hervorragende Dienstleistung erbrachte, womöglich nicht so wie man selbst. Dennoch mochte man sie und war von ihrem Können begeistert. Warum muss sich der Blickwinkel verändern, nachdem man etwas über die Sexualität der Person erfährt?
Neben dem Essay von Hirschfeld, das zeigt, wie sehr sich mit Themen von heute auch schon damals beschäftigt wurde und die Gesellschaft zwar insgesamt toleranter und offen diverser, aber keinesfalls rücksichtsvoll genug agiert, befindet sich noch ein weiterer lesenswerter Text von dem Psychologen Paul Näcke in dem Band, der zur selben Zeit verfasst wurde. Beide Werke werden von den Berliner Autoren Manfred Herzer und Dino Heicker kommentiert und eingeordnet.
"Berlins Drittes Geschlecht" ist eine absolut starke Lektüre für Menschen, die sich mit der Geschichte von Sexualität, Kultur und Gesellschaft näher befassen wollen und dabei erkennen werden, wie weit man eigentlich schon vor 120 Jahren war und wie viel weiter man jetzt sein könnte. Könnte. Darauf liegt die Betonung.
Magnus Hirschfeld schreibt:
Es sei denn, daß man das Geschlechtliche überhaupt als etwas Unsittliches ansieht, daß man die natürliche Weltordnung anzutasten versucht, indem man das Heiligste im Menschenleben in den Schmutz zieht, dann kann man die gleichgeschlechtliche Liebe gleich mit verdammen. – Jetzt weiß ich, daß das, was sich damals in mir abspielte, nichts anderes war, als das erste Erwachen der Liebe in einem noch kindlichen Gemüt, das nicht wußte, was in ihm vorging, und doch von dieser neuen Herrlichkeit gänzlich erfüllt war.
Magnus Hirschfeld: Berlins Drittes Geschlecht. Bibliothek rosa Winkel: Band 1. Vor- / Nachwort von Manfred Herzer und Dino Heicker. 180 Seiten. Männerschwarm Verlag. Berlin 2026 Gebundene Ausgabe: 20 € (ISBN 978-3-85300-401-9). E-Book: 13,99 €
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