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Buchtipp
Ein Roman, der einen festhält wie kalte Luft in der Lunge
Mit "Firewatch" gelingt Colin Hadler eine bemerkenswerte Verschmelzung von Suspense-Thriller und queerer Romance: Robin versucht, den mutmaßlichen Mörder seines besten Freundes zu verführen – und verliebt sich dabei zwangsläufig.

Der österreichische Schriftsteller Colin Hadler, geboren 2001 in Graz, lebt in Wien (Bild: dtv)
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2. März 2026, 05:21h 4 Min.
Robin hatte sich seine Familie selbst gebaut. Mit Haley und Aaron, irgendwo zwischen Barhockern, klebrigen Tresenrändern und nächtlichen Gesprächen im "Bullseye", der Stammkneipe von Lancton. Dort konnte er sich fallen lassen, dort war Nähe möglich. Doch Aaron ist verschwunden. Die Suche wurde eingestellt, Akten geschlossen, Hoffnungen begraben. Nur Robin weigert sich, loszulassen. Er klammert sich an die Vermissung wie an einen Schwur – koste es, was es wolle. Sein Plan ist ebenso verzweifelt wie radikal: Er wird Kian daten, den einzigen Zeugen, den Mann, den er für schuldig hält. "Ich werde ihm also bald begegnen, dem Menschen, der hinter deinem Verschwinden steckt. Und ich schwöre dir, Aaron, ich werde beweisen, dass er schuldig ist."
Mit "Firewatch" (Amazon-Affiliate-Link ) gelingt dem österreichischen Autor Colin Hadler eine bemerkenswerte Verschmelzung von Suspense-Thriller und queerer Romance. Robin versucht, den mutmaßlichen Mörder seines besten Freundes zu verführen – und verliebt sich dabei zwangsläufig. Parallel entfaltet sich Aarons Geschichte: Von seinen Eltern in einen Ferienjob im kalifornischen Nationalpark gedrängt, ist er bisexuell, rastlos, süchtig nach Intensität. Über Funkgeräte beginnt er eine erotische Annäherung mit Kian, denn die Feuerwachtürme liegen einen Tagesmarsch voneinander entfernt. Aaron kehrt von diesem Marsch nie zurück. Der Nationalpark wird dabei zum perfekten Resonanzraum der Bedrohung: dichter Wald, unübersichtliches Gestrüpp, Tierlaute, Augen, die man eher spürt als sieht. Die Natur ist nicht Kulisse, sondern Komplizin der Angst.
Charismatischer Verführer mit dunklem Kern

Der Thriller "Firewatch" ist am 19. Februar 2026 bei dtv erschienen
Die Annäherung zwischen Robin und Kian ist sorgfältig gebaut. Hadler lässt sich Zeit, zeigt Risse, Zweifel, Selbstgespräche. Kian erscheint als charismatischer Verführer mit dunklem Kern: sein Körper detailliert, fast tastend beschrieben, seine Attraktivität ebenso präsent wie seine Unberechenbarkeit. In den expliziten, aber nie selbstzweckhaften Sexszenen schwingt stets etwas Bedrohliches mit. Kian kippt in Panik, verliert Kontrolle, greift zu Gewalt. "Firewatch" hält diese Spannung konsequent aufrecht – mit Wendungen, die überraschen, ohne konstruiert zu wirken. Ein Roman, der einen festhält wie kalte Luft in der Lunge; ich habe ihn in wenigen Stunden verschlungen.
Ein besonderer Glücksgriff ist dabei der Protagonist. Robin handelt aus Naivität, doch diese wird immer wieder reflektiert und gebrochen. Er spricht mit sich selbst, mit dem verschwundenen Aaron, mit der eigenen Unsicherheit, mit der Dysphorie, die das Dating mit Kian in ihm auslöst. Und mit den Schuldgefühlen gegenüber Haley, der einzigen, die ihm geblieben ist – zunächst Verbündete, dann zunehmend entfremdet. Diese innere Polyphonie macht Robin glaubwürdig und schmerzhaft nah.
Die Gefahren sexueller Grenzenlosigkeit
Der queere Aspekt ist zentral, nicht dekorativ. Robin ist schwul und hat Homophobie früh verinnerlicht. Seine Vorsicht, seine Unsicherheit, seine Sehnsucht nach Zugehörigkeit ergeben sich logisch aus einem familiären Vakuum: Keine Eltern, die auffangen. Stattdessen eine Wahlfamilie, auf die er alles setzt – weshalb Aarons Verschwinden ihn so radikal aus der Bahn wirft. "Firewatch" erzählt damit auch von einem queeren Jungen, der sich zum ersten Mal verliebt, sexuelle Erfahrungen macht, nachdem er sich diese aus Angst und Einschüchterung lange verwehrt hat.
Hadler stößt mit diesem Roman auf kluge Weise in ein Thriller-Genre vor, das häufig um patriarchale Gewalt, Besitzansprüche und Femizide kreist. Er benennt die Gefahren sexueller Grenzenlosigkeit, das süchtige Streben nach immer mehr, die Gewalt, die entsteht, wenn Männer ihre Lust absolut setzen. Dem setzt er Robin entgegen: eine schüchterne Neugier auf andere Menschen, eine Bereitschaft zur Verletzbarkeit, eine seltene Naivität, die hier nicht als Schwäche, sondern als moralischer Gegenentwurf gelesen werden kann. "Firewatch" ist damit nicht nur spannend, sondern politisch hellhörig – und emotional erstaunlich präzise.
Colin Hadler: Firewatch. Thriller. 400 Seiten. dtv Verlagsgesellschaft. München 2026. Paperback: 17 Euro (ISBN 978-3-423-26463-1). E-Book: 12,99 €
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