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Bundeskunsthalle

Das beeindruckende Werk von Peter Hujar

Peter Hujar porträtierte die queere Szene New Yorks, fing aber auch Tiere und verlassene Orte ein. Die Ausstellung "Eyes Open in the Dark" in Bonn verdeutlicht, wie meisterhaft der schwule Fotograf klassische Ästhetik und queere Erotik verband – und dabei Leben und Tod immer mitdachte.


Peter Hujar, Selbstportrait (II), 1975 © The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Courtesy of The Peter Hujar Archive / ARS, New York, and Pace Gallery, Fraenkel Gallery, Maureen Paley, and Mai36

Links: Ein unbekannter schwarzer Mann, der neugierig in die Kamera blickt. Daneben: Ein Mann in stolzer Pose, der am New Yorker West Side Pier seinen ordentlichen Penis in der Hand hält und in großem Bogen uriniert. Gegenüber: Der Performancekünstler Richie Gallo, der unter einem schwarzen Ganzkörpernetz nichts trägt, der Kopf steckt in einer Ledermaske, der Reißverschluss über dem Mund ist geöffnet.

Zu seiner Linken: "Discarded Rug", ein entsorgter Teppich, kunstvoll auf einem breiten Gehweg drapiert, ein fast barocker Faltenwurf entsteht, dahinter die charakteristischen New Yorker Metallmülltonnen.

Portraits seiner Liebhaber

Schon die ersten vier Fotografien machen klar, wie vielseitig das fotografische Werk von Peter Hujar ist. Doch so unterschiedlich seine Motive waren, so deutlich werden auch die Gemeinsamkeiten: Der New Yorker Fotograf ukrainischer Abstammung verleiht den abgebildeten Personen, Tieren und Objekten eine Würde, er transportiert ihre Charaktere, er kommt ihnen ungewöhnlich nah. Selbst ein Teppich auf dem Müll ist es Peter Hujar wert, abgebildet zu werden.

Die Ausstellung "Eyes Open in the Dark" in der Bonner Bundeskunsthalle geht nicht chronologisch vor. Sie widmet sich insbesondere den Arbeiten der 1970er und 1980er Jahre, als Peter Hujar die Werbefotografie bereits hinter sich gelassen hatte. Zu dieser Zeit konzentrierte er sich darauf, die queere Community New Yorks und seine Liebhaber zu porträtieren, fotografierte aber auch Gebäude oder Osterfeierlichkeiten in New York. Als "Chronist wider Willen" bezeichnet ihn die Intendantin der Bundeskunsthalle, Eva Kraus, vor der Eröffnung.

Ikonische Bilder von Bruce de Sainte Croix

Seine Fotografien ermöglichen einen Einblick in eine wechsel-, freud- und qualvolle Zeit. Nach den Stonewall Riots 1969 begann eine bis dahin unbekannte Liberalisierung, in der queeres Leben sichtbarer wurde. Doch mit der Aids-Epidemie nahmen Stigmata zu, dazu kam das unermessliche Leid einer Generation, die nach und nach einer Infektion und einer ignoranten Gesundheitspolitik zum Opfer fiel.

In dieser Zeit entstanden einige Fotografien, die es zu ikonischen Bildern geschafft haben: Dazu gehört etwa das Portrait von Susan Sontag, das zu den bekanntesten Fotos der einflussreichen Intellektuellen gehört. Für die queere Bewegung noch wichtiger war die Reihe mit dem Tänzer Bruce de Sainte Croix: Ein Triptychon, das den jungen, drahtigen Mann nackt zeigt – stolz posierend, im Bett kniend und masturbierend, schließlich breitbeinig auf einem Stuhl sitzend, sein Blick auf seinen steifen Penis gerichtet.


Hujars Porträts von Bruce de Sainte Croix (Bild: Fabian Schäfer)

Mit großem Zeh im Mund oder Doppeldildo im Hintern

Es handelt sich um eine Serie, die sich zwischen Homoerotik und selbstbewusstem Portrait bewegt, die schwule Sichtbarkeit einfordert und zugleich sensibel mit ihrem Abgebildeten umgeht. Fotografien, die simpel wirken, beim genauen Betrachten jedoch fein komponiert und durchdacht ausgeleuchtet sind. Und die beweisen, wie viel Vertrauen die Portraitierten zu Peter Hujar haben mussten. Bruce de Sainte Croix macht sich, im wahrsten Sinne des Wortes, frei.

Peter Hujar fotografierte die Menschen von vorne, von hinten, häufig wie als zufälliger Gast in Betten, in einer Plastiktüte, mit großem Zeh im Mund oder Doppeldildo im Hintern, immer wieder auch mit geschlossenen Augen: Sie zeigen sich verletzlich und zugänglich. Auf diese wiederkehrenden Motive und Posen geht Esther Ruelfs im zur Ausstellung erschienenen Katalog ausführlich ein und betont die klassische Herangehensweise Hujars: Im Format klassisch komponiert und schwarz-weiß, inhaltlich psychologisch nahe und human – und politisch.

Hujars und Wojnarowicz' Wahlverwandtschaft

Die Beziehungen Hujars nehmen in der Bonner Ausstellung – die zuvor in der Londoner Galerie Raven Row zu sehen war – eine besondere Rolle ein: Die Künstler Paul Thek und David Wojnarowicz gehörten zu den zwei wichtigsten Menschen in seinem Leben, entsprechend häufig dienten sie ihm als Motiv.

Die Beziehung von Hujar und Wojnarowicz entzieht sich den typischen Kategorien. Nicholas Maniu bezeichnet sie im Katalog als "Wahlverwandtschaft", sie waren "weder wie Vater und Sohn, noch wie Liebende, noch wie Brüder", schreibt John Douglas Miller dort in seiner biografischen Skizze. Die Beziehung ist besonders, und das sind auch die Werke, die mit- und voneinander entstehen.

Hujars Werk überdauert seinen Tod

Den emotionalen Höhepunkt bilden sicher Wojnarowicz' Fotografien von Peter Hujar kurz nach seinem Tod. Hujar starb 1987, im Alter von 53 Jahren, an den Folgen einer Aids-bedingten Lungenentzündung. Sein Partner fotografierte ihn im Krankenhaus – das Triptychon zeigt ihn mit fast geschlossenen Augen und halb geöffnetem Mund, außerdem seine Hand sowie seine Füße. Es sind ergreifende Werke. Die aber nicht etwa am Ende der Ausstellung gezeigt werden, sondern in der Mitte. Hujars Werk überdauert seinen Tod, auch wenn ihm größere Bekanntheit und Anerkennung erst nach seinem Tod zuteilwurden.


Peter Hujar starb 1987 an den Folgen von Aids (Bild: Fabian Schäfer)

Neben der nicht-chronologischen Anordnung sticht vor allem das Konzept des Rasters hervor. Die gleich großen Schwarz-Weiß-Fotografien wurden bereits in Hujars letzter Ausstellung 1986 in einem Raster angeordnet. Das ermöglicht ungeahnte Assoziationen, Überraschungen, auch mal ein Augenzwinkern, etwa wenn neben einem Baum mit schmelzendem Schnee das Portrait eines Hundes hängt, darüber ein Portrait des Tänzers Larry Ree – und beide Blicke sind auf ihre Weise zum Dahinschmelzen.

Es ist erstaunlich und sicher kein Zufall, dass sowohl Peter Hujar als auch David Wojnarowicz gerade verstärkt ins öffentliche Bewusstsein rücken: Vom Regisseur Ira Sachs stammt der Film "Peter Hujar's Day" aus dem vergangenen Jahr, im Dezember erschienen Wojnarowicz' "Waterfront Journals" erstmals auf Deutsch, in Partnerschaft mit der Bonner Ausstellung sind Hujars Werke bald auch im Berliner Gropius Bau zu sehen.

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Der Charakter der dreckigen New Yorker Flüsse

In einer Zeit der queeren Befreiung und der daran anschließenden Unterdrückung schufen sie ein persönliches, intimes und politisches Werk – das in einer Zeit des Kulturkampfes, der politischen Polarisierung und von gesellschaftlichen Rückschritten als Anker dienen kann. Schließlich lassen sich auch die Pandemieerfahrungen und die Frage nach staatlichen Eingriffen vergleichen.

Die großartige Ausstellung "Eyes Open in the Dark" endet unerwartet und mit eher unbekannten Werken. Acht Bilder des Hudson River und des East River, die Hujar für eine katholische Kapelle schuf, hängen in einem etwas abgetrennten Raum. Es ist ein Ort der Kontemplation, der Ruhe. Die über steife Penisse schmunzelnden Gäste sind ganz weit weg. Die Fotografien des dunklen Wassers, das in der Sonne glitzert und das Bläschen der Wellen schmückt, entfalten hier eine ungeahnte Kraft – und zeugen vom Talent des Fotografen Peter Hujar, der sogar dem verdreckten East River einen Charakter verleiht.

-w-