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Ab Donnerstag im Kino
Brutal, poetisch und unvergleichlich fesselnd: "The Chronology of Water"
Kristen Stewart hat die Memoiren der queeren Schriftstellerin Lidia Yuknavitch verfilmt. "The Chronology of Water" erzählt von einer Frau, die ihre Ganzheit nur im Auseinandernehmen der Einzelteile findet, in den Widersprüchen und Zwischenräumen.

Beeindruckendes Regiedebüt: Kristen Stewart (l.) und Hauptdarstellerin Imogen Poots am Set von "The Chronology of Water" (Bild: CG Productions)
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4. März 2026, 01:45h 4 Min.
Sie springt ins Wasser. Blut mischt sich in der Badewanne mit dem klaren Nass, sammelt sich in den Fugen, läuft in den Abfluss. Eine extreme Nahaufnahme zeigt das Gesicht einer verwundeten Frau. "Ich dachte darüber nach, am Anfang zu beginnen. Aber so erinnere ich mich nicht daran." Dieser Satz ist Programm. Der Film entscheidet sich gegen die Chronologie und für das Gedächtnis. Er folgt keiner linearen Ordnung, sondern tastet sich in Fragmenten durch eine traumatisierende Kindheit und die gewaltvollen Wiederholungen, die daraus entstehen.
Mit "The Chronology of Water" übernimmt die queere Schauspielerin Kristen Stewart erstmals die Regie. Sie nimmt sich alle Freiheiten einer Autorin und formt den Film wie eine dissonante Komposition: Der Takt ist unregelmäßig, die Melodie bricht immer wieder ab. Gedreht auf 16mm, trägt das Bild eine körnige, fiebrige Unruhe in sich. Stewart besitzt das handwerkliche Gespür und den erzählerischen Mut, die Porosität der literarischen Vorlage in eine visuelle Sprache zu übersetzen. In der aggressiven Fragmentierung entsteht paradoxerweise so etwas wie Ganzheit. Eine Frau setzt sich aus Splittern zusammen – nicht trotz der Brüche, sondern durch sie.
Schmerz, Lust, Angst und Zärtlichkeit

Poster zum Film: "The Chronology of Water" startet am 5. März 2026 bundesweit im Kino
Die Memoiren von Lidia Yuknavitch sind gnadenlos. Unter dem Titel "In Wasser geschrieben" (btb Verlag) erzählt sie: "Dieses Mal handelte die Geschichte von meinem Leben. Von Vätern und vom Schwimmen und Ficken und toten Babys und Ertrinken. Ausschließlich in wahllosen Fragmenten geschrieben – so wie ich mein ganzes Leben verstand. In der Sprache, die mir am präzisesten erschien: Bild und Fragment und nichtlineare lyrische Passagen. Die Geschichte, die ich mitbrachte, hieß 'Die Chronologie des Wassers'." Die Fragmentierung ist radikal und notwendig zugleich, denn nur in dieser Form wird die chaotische Intensität ihres Lebens spürbar, das ständige Überlagern von Schmerz, Lust, Angst und Zärtlichkeit.
Die Geschichte erzählt von einer Frau, die ihre Ganzheit nur im Auseinandernehmen der Einzelteile findet, in den Widersprüchen und Zwischenräumen. Das Buch ist von Hass, Selbsthass, Tiraden und gleichzeitig überraschender Sanftheit, die sie sich selbst kaum zugestehen kann; während das Narrativ gnadenlos sexuelle Gewalt, Missbrauch durch den Vater, selbstdestruktive Drogentrips, die hypersexualisierte Betrachtung des eigenen Körpers, unkontrollierten Sex mit Frauen und Männern, mit Dominas – mit allen, die Schmerz und Ekstase versprechen – schildert, und dabei die extreme Ambivalenz zwischen Nicht-Fühlen und Alles-Fühlen zugleich erfahrbar macht.
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Beeindruckende Performance
Die Umsetzung des Films ist nah an der Vorlage, und die Performance von Imogen Poots als Lidia Yuknavitch ist beeindruckend in ihrer Mischung aus Verletzlichkeit, Trotz und Intensität. Doch die Übersetzung vom geschriebenen Wort zu Bild, vom inneren Schmerz zu sichtbarer Leinwand, gelingt nicht immer vollständig: die stylisierte Ästhetik, teils pinterest-esk, und die fragmentierte Montage, obwohl sie die Zerrissenheit der Protagonistin spiegeln soll, wiederholt die gleichen Bild- und Gefühlsmuster. Dadurch wird die rohe Wut und Verletzlichkeit des Buches nur fragmentarisch, nie durchgängig spürbar – der Film ist in seinen größten Gesten zwar exzessiv und mutig, aber die Tiefe der Figur umkreist er manchmal nur, statt sie vollständig freizulegen.
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In dieser ständigen Balance aus Bruch, Fragment und Versuch, das Innere sichtbar zu machen, liegt jedoch die Kraft von "The Chronology of Water", denn gerade in den Scherben, in der Zerrissenheit, in der Aggressivität und der ungestümen Intensität, findet die Frau, die auf der Leinwand zu uns spricht, einen Weg, sich selbst in kleinen, winzigen Momenten, in Splittern von Körper, Erinnerung und Gefühl, zu einem Ganzen zusammenzusetzen, und dieser Prozess ist gleichzeitig brutal, poetisch und unvergleichlich fesselnd.
The Chronology Of Water. Biopic. USA, Frankreich, Lettland 2025. Regie: Kristen Stewart. Cast: Imogen Poots, Thora Birch, Susannah Flood, Tom Sturridge, Kim Gordon, Michael Epp, Earl Cave, Charlie Carrick, Esmé Creed, Miles und Jim Belushi. Laufzeit: 128 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Verleih: Eksystent Filmverleih. Kinostart: 5. März 2026
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