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Eltern und Kinder, die nicht wissen, worüber sie reden sollen
In Jim Jarmuschs Anthologiefilm "Father Mother Sister Brother" geht es um das queere Thema familiäre Entfremdung, es gibt eine hochkarätige Besetzung und eine heimlich lesbische Figur – dennoch blieb ich emotional komplett unberührt.

Die ungeoutete Lilith (Vicky Krieps) und ihre ältere Schwester Timothea (Cate Blanchett) beim alljährlichen Kaffeekränzchen im Haus ihrer dominanten Mutter (Charlotte Rampling) in Dublin. (Bild: Vague Notion / Yorck Le Seaux)
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4. März 2026, 08:01h 4 Min.
Sie schlürfen an ihren Teetassen, werfen nervöse Blicke aus dem Fenster. Hinter der Glasfront: ein zugefrorener See, reglos, tot. Vielleicht verirrt sich ein einzelner Rabe ins starre Bild. Die Natur ist erstarrt – und genauso die Gespräche am Tisch. Man hat sich nichts zu sagen. Und das weiß man.
Die erste Episode in Jim Jarmuschs Anthologiefilm erzählt von zwei erwachsenen Geschwistern, die ihren alten Kauz von Vater (Tom Waits) in einer schäbigen, abgelegenen Hütte am See besuchen, wo er weitestgehend isoliert vor sich hinlebt, als hätte er sich selbst aus der Welt exiliert. Die kommunikative Leere, die zwischen ihnen klafft, versucht Jeff (Adam Driver) mit Dingen zu füllen: gute Pasta, eine Sauce, in der der Käse praktischerweise bereits enthalten ist, gute Cracker – Konsumgüter sollen die Rolle emotionaler Brücken übernehmen, während das eigentliche Problem unangetastet bleibt.
Lesbische Figur als dekorativer Akzent

Poster zum Film: "Father Mother Sister Brother" läuft seit 26. Februar 2026 bundesweit im Kino
Dann ein Drehortwechsel nach Dublin, Episode "Mother": Eine kalte Matriarchin (Charlotte Rampling) zelebriert British Tea mit ihren beiden Töchtern Timothea (Cate Blanchett) und Lilith (Vicky Krieps), letztere mit pinken Haaren, lesbisch und ungeoutet, weshalb sie ihre Freundin kurzerhand bittet, sich als Uber-Fahrerin auszugeben – ein Detail, das nach subversivem Konflikt riecht, aber im Film lediglich als dekorativer Akzent verpufft. Obwohl alle drei in derselben Stadt wohnen, treffen sie sich angeblich seit Ewigkeiten kaum noch; der Tisch ist makellos gedeckt, instagrammable bis in die letzte Serviette, und die Kamera ahmt mit beinahe schulischer Akribie die Blickachsen am Tisch nach, als sei formale Spiegelung bereits inhaltliche Tiefe.
Die Dynamik gleicht der ersten Episode frappierend: ein Treffen zwischen Eltern und Kindern, die nicht wissen, worüber sie reden sollen. Nur die Machtverhältnisse verschieben sich minimal. Während der Vater in der Hütte hilfsbedürftig wirkt und auf Unterstützung angewiesen ist, hat es die Mutter als Autorin zu etwas gebracht, während die Töchter orientierungslos durch ihr Leben treiben und ihr mit einer Mischung aus Respekt und latenter Einschüchterung begegnen.
Es fehlt an Emotion, Seele, Plot und Dringlichkeit
Doch so sehr der Film sich um bedeutungsschwere Symmetrien bemüht, so deutlich veräußert sich hier ein faules Drehbuch, das trotz hochkarätigem Cast und durchaus soliden Performances erstaunlich wenig zu sagen hat: Es fehlt an Emotion, an Seele, an Plot, an Dringlichkeit – alles fühlt sich leer und uneigenständig an, als habe man Versatzstücke aus besseren Jarmusch-Filmen neu arrangiert, ohne zu bemerken, dass die innere Notwendigkeit fehlt. Ich blieb emotional komplett unberührt, was bei einem Film über familiäre Entfremdung fast schon eine Kunstleistung ist. Wiederkehrende Motive sollen Bedeutung simulieren: das ritualisierte Anstoßen mit Kaffee, Tee oder Wasser samt der Frage, ob man damit überhaupt anstoßen dürfe; die Diskussion, ob die Rolex echt sei; Skater, die durchs Bild rollen; der ominöse Onkel Bob. Verbindungen, die erzwungen wirken, hohl bleiben, sinnentleert verpuffen.
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In der letzten Episode, "Sister Brother", angesiedelt in Paris, treffen zwei junge Zwillinge (Indya Moore, bekannt aus "Pose", und Luka Sabbat) aufeinander, nachdem ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Hier ist zumindest noch so etwas wie echte Liebe zwischen den beiden spürbar, ein tatsächlicher emotionaler Kern, der nicht bloß behauptet wird. Ein Shot in der leeren Altbauwohnung der Eltern bleibt im Gedächtnis: Eine Wand fungiert als Spiegel, trennt und verbindet zugleich, während die Zwillinge durch die Räume gehen und in Erinnerungen schwelgen – ein seltener Moment, in dem Form und Gefühl ineinandergreifen. Doch sonst bleibt die Kamera insgesamt erstaunlich ambitionslos, keine Einstellung sticht wirklich hervor, keine kreative Volte überrascht; insbesondere die Auto-POVs wirken derart aus der Zeit gefallen, als habe man sie aus einem vergessenen Indie-Film der frühen 2000er recycelt.
So geschniegelt bedeutungsvoll, so demonstrativ artifiziell und dabei unerquicklich banal – ich hätte beim besten Willen nicht vermutet, dass ein derart leerer, selbstverliebter Film tatsächlich mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet wird. Es fühlt sich an, als habe Jarmusch seit Jahren keinen echten menschlichen Kontakt mehr gehabt – und genau dieses Gefühl überträgt sich leider mit unerbittlicher Konsequenz auf sein Publikum.
Father Mother Sister Brother. Spielfilm. USA, Irland, Frankreich 2025. Regie: Jim Jarmusch. Cast: Tom Waits, Adam Driver, Mayim Bialik, Charlotte Rampling, Cate Blanchett, Vicky Krieps, Sarah Greene, Indya Moore, Luka Sabbat, Françoise Lebrun. Laufzeit: 110 Minuten
Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Weltkino. Kinostart: 26. Februar 2026
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