https://queer.de/?57062
Buchtipp
Eine schwule Abrechnung mit Marokko
Der marokkanische Autor, Journalist und Regisseur Abdellah Taïa gilt als erster offen schwuler Schriftsteller seines Landes. Sein neuer Roman "Die Bastion der Tränen" ist von enormer Intensität, klug komponiert, sprachlich bestechend und politisch unerschrocken.

Der offen schwule marokkanische Schriftsteller, Journalist und Filmemacher Abdellah Taïa, geboren 1973, lebt seit 1999 im selbst gewählten Exil in Paris (Bild: Abderrahim Annag)
- Von
4. März 2026, 10:45h 4 Min.
"Sie haben Allah gekidnappt. Sie haben ihn in Geiselhaft", sagt Najib. Gemeint ist die marokkanische Gesellschaft, deren wütende Frömmigkeit er als Waffe erlebt – als moralisches Instrument zur Demütigung. Najib, selbst homosexuell, flieht aus Selbstschutz ins Militär. Dort lebt er als verborgene Mätresse eines hoch angesehenen Offiziers, geduldet im Schatten, verwundet und doch in Sicherheit. "Wenn sie uns zufällig begegnen, dir und mir, berufen sie sich auf ebendiesen Allah, um uns zu verurteilen, uns ins Exil zu schicken, uns auszubeuten, uns zu vergewaltigen. Uns zu vergewaltigen, sogar wenn wir tot sind."
Diese unerbittliche Sprachgewalt ist paradigmatisch für "Die Bastion der Tränen" (Amazon-Affiliate-Link ). Abdellah Taïa, marokkanischer Autor, Journalist und Regisseur, gilt als erster offen schwuler Schriftsteller seines Landes. Die stark autobiografische Prägung des Romans verdichtet sich in einer bündigen, schneidenden Prosa, die nicht umkreist, sondern trifft. Taïas Stil ist von großer Schönheit: Sätze verschachteln sich, Stimmen gleiten ineinander, Sprecher*in und Gegenüber verschwimmen gerade dort, wo Nähe aufscheint. Wo sie fehlt, stehen Worte isoliert, absatzweise getrennt, wie Menschen, die einander nicht mehr erreichen.
Ein schwuler Lehrer kehrt aus dem Exil zurück

Der Roman "Die Bastion der Tränen" ist Ende Februar 2026 im Orlanda Verlag erschienen
Im Zentrum dieses außergewöhnlichen Romans steht Youssef, ein schwuler Lehrer, der aus seinem französischen Exil zurückkehrt – nach Salé, in die Küstenstadt im Norden Marokkos, in das Viertel Hay Salam. Der Tod der Mutter zwingt ihn, sein Erbe zu regeln. Doch was er tatsächlich antritt, ist ein Gang durch vermintes Gelände: Erinnerungen an Kindheit und Jugend, an Najib, Jugendfreund und erste große Liebe. Najib, der sich einst Rache geschworen hatte, kehrte als Drogenbaron zurück, entschlossen, sich die Zuneigung der Stadt zu erkaufen – und zugleich die eigene Familie leiden zu lassen. Bis zu seinem Tod. Nun kreist alles um einen Diamanten, das letzte Erbstück, und um die Frage, wer daraus Kapital schlagen kann.
In kunstvoll ineinander verschachtelten Zeitebenen legt der Roman die Brutalität des eigenen Umfelds frei – der Nachbarschaft, der Familie, der Stadt. Taïa findet harte, unmissverständliche Worte für die allgegenwärtige Homophobie, für das herzzerreißende Gefühl des Aufgegeben- und Alleingelassenwerdens. Er schreibt über sexuellen Kindesmissbrauch und jahrelange Vergewaltigungen, über ein Kollektiv des Wissens, das schweigt, wegschaut, nicht eingreift. Und doch gibt es sie, die unverhofften Momente der Solidarität: Wenn Prostituierte, Homosexuelle, andere Ausgestoßene einander erkennen, einen Raum schaffen, der nicht richtet, sondern schützt.
Wiederaneignung sprachlicher Macht
Hier entfaltet der Roman seine größte Kraft. Wenn Taïa abrechnet, spürt man die Wiederaneignung sprachlicher Macht. Diejenigen, die Schwule stets in den Schlamm gestoßen haben, verlieren ihr Deutungsmonopol. Und dennoch verfällt der Text nie in Pauschalurteile. Besonders eindrücklich zeigt sich dieses emotionale Paradox in der Beziehung zu Youssefs sechs Schwestern. Er wuchs mit ihnen auf, liebte ihre Lebendigkeit, ihre intime, fast konspirative weibliche Verständigung. Doch auch sie sprachen das Wort "Homosexualität" nie laut aus, griffen nicht ein bei Übergriffen, schützten ihn nicht. Heute beobachtet Youssef ihre patriarchalen Ehen, die wie ein Korsett jede frühere Lebendigkeit abschnüren. Man wünscht sich am Ende eine ebenso kraftvolle Gegenbewegung, eine Eruption der Selbstermächtigung – doch sie bleibt aus. Auch Youssef selbst bleibt exponiert: Als französischer Schriftsteller wird er misstrauisch beäugt, als Teil einer vermeintlichen intellektuellen Elite verlacht.
Der Titel des Romans verweist auf ein historisches Trauma: 1260 wurde Salé für zwei Wochen von kastilischen Truppen besetzt, ein Großteil der Bevölkerung massakriert, Tausende als Versklavte verschleppt. Viele wussten nicht, ob ihre Angehörigen noch lebten. Seither versammeln sich Menschen am Ozean – ein Ort kollektiver Trauer, ein Ort, an dem Schmerz nivelliert wird, weil er alle betrifft. Die "Bastion der Tränen" wird so zu einem Symbol: für Verlust, für Erinnerung, für eine Gemeinschaft im Leid. Und man wünscht Youssef nichts sehnlicher, als dass auch sein Schmerz dort endlich gehört wird.
"Die Bastion der Tränen" ist ein Roman von enormer Intensität, klug komponiert, sprachlich bestechend und politisch unerschrocken. Er ist schmerzhaft, aber nie selbstgefällig; wütend, aber nie blind- und vor allem eine eindringliche Einladung, das Œuvre von Abdellah Taïa weiterzuentdecken.
Abdellah Taïa: Die Bastion der Tränen. Roman. Aus dem Französischen von Astrid Bührle-Gallet. 188 Seiten. Orlanda Verlag. Leipzig 2026. Taschenbuch: 22 € (ISBN 978-3-949545-85-6). E-Book: 17,99 €
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch, Leseprobe und Bestellmöglichkeit bei amazon.de
Mehr zum Thema:
» Porträt von Abdellah Taïa: "Die schwule arabische Revolution steht erst am Anfang" (06.04.2012)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.















