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Buchkritik

Warum der queere Jugendroman "Mo & Moritz" problematisch ist

In Julya Rabinowichs neuem Roman "Mo & Moritz" bleibt die Verbindung zwischen queerer Coming-of-Age-Geschichte, der muslimischen Herkunft der Hauptfigur und Motiven von Radikalisierung und Gewalt erzählerisch zu verkürzt.


Symbolbild: Der Roman "Mo & Moritz" spielt im August 2024, als in Wien drei Konzerte von Taylor Swift aus Sicherheitsgründen abgesagt werden mussten (Bild: IMAGO / SKATA)

Eines wird Mo gleich zu Beginn seines neuen Lebens eingeschärft: Für Menschen wie ihn gelten andere Maßstäbe. Als muslimischer Migrant müsse er sich doppelt beweisen, doppelt korrekt verhalten, doppelt dankbar sein. Schon die Auftaktszene setzt den Ton dieser Erfahrung: Mo wird der Schule verwiesen, weil man ihm unterstellt, die Unterschrift seines Vaters gefälscht zu haben – jenes Vaters, der infolge von Kriegsverletzungen kaum schreiben kann. Mos ehrliche Einwände verhallen wirkungslos. Nicht einmal der Versuch, seine Perspektive zu erklären, findet Gehör. Misstrauen ersetzt hier jedes Gespräch.

In "Mo & Moritz" (Amazon-Affiliate-Link ) zeigt die vielfach ausgezeichnete Autorin Julya Rabinowich ihr Gespür für die leisen Zwischentöne des Alltags. Mo beginnt kurzerhand eine Ausbildung in einem renommierten Friseursalon, der unter anderem für die aufwendigen Frisuren des Wiener Opernballs verantwortlich ist. Die Welt aus Farben, Schnitten und Verwandlungen zieht ihn unmittelbar in ihren Bann. Er beobachtet aufmerksam, beinahe ehrfürchtig, wie Menschen sich im Spiegel neu erfinden. Und doch begleitet ihn eine hartnäckige innere Stimme, die ihm zuflüstert, an solchen Orten nicht vorgesehen zu sein. Elitäre Räume erscheinen ihm wie geschlossene Gesellschaften, in denen seine bloße Anwesenheit bereits ein Irrtum ist.

Verliebt auf dem Opernball


"Mo & Moritz" ist Ende Januar 2026 im Hanser Verlag erschienen

Zu den stärksten Momenten des Romans gehört eine stille, zärtliche Szene zwischen Mo und seiner Mutter: Er lädt sie zu einer kostenlosen Behandlung in den Salon ein. Die Freude über die Veränderung ihres Äußeren ist ebenso groß wie die über die Sorgfalt ihres Sohnes, seine behutsame Kreativität, sein tastendes Selbstvertrauen. Gerade weil Geld stets knapp ist, gewinnt dieser Moment eine beinahe feierliche Intimität – eine kleine Insel der Anerkennung in einem sonst von Selbstzweifeln durchzogenen Alltag.

Auf dem Opernball begegnet Mo schließlich Moritz. Die beiden teilen nicht nur die erste Silbe ihres Namens; für Mo wird Moritz sofort zur Projektionsfläche einer Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Er nennt ihn im Stillen den "Zauberlehrling", verliebt sich augenblicklich. Rabinowich trägt ihre Leser*­innen mit einem zugänglichen, schnellen Erzählrhythmus durch diese Annäherung, lässt die Figuren beinahe schwerelos aufeinander zutreiben. Doch gerade hier treten die erzählerischen Schwächen deutlicher hervor.

Eine jüdisch-muslimische Liebe

Viele Nebenfiguren bleiben skizzenhaft, erfüllen eher Funktionen als dass sie Eigenleben entwickeln. Moritz selbst erscheint weniger als eigenständige Figur denn als Spiegel von Mos Begehren: Projektionsfläche, Hoffnungsträger, Symbol. Dass er jüdisch ist und damit eigentlich einen sensiblen Begegnungsraum zwischen zwei historisch und politisch belasteten religiösen Identitäten eröffnen könnte, bleibt erzählerisch unterausgeschöpft. Was als Möglichkeit eines differenzierten Dialogs angelegt ist, verliert sich in Andeutungen. Auch die Einordnung politischer Ereignisse – insbesondere rund um den 7. Oktober – wirkt problematisch pauschal und analytisch unterbelichtet.

Ähnlich verhält es sich mit weiteren Figuren des Romans: Zwei Stammkundinnen des Salons reduziert Mo gedanklich auf die "Wurst" – eine Karikatur aus schrillem Outfit, latentem Alltagsrassismus und einem furchteinflößenden Hund – während die "blaue Fee" als Gegenfigur mit beinahe märchenhafter Gutgläubigkeit emotionales Öffnen predigt. Mos Vater bleibt eine eher passive Autoritätsfigur, die Mutter liebevoll und zugleich unerbittlich, der ältere Bruder Fariz aggressiv und verkrampft männlich, die jüngere Schwester Maryam auf der Suche nach eigenen Grenzen als junge Frau. Herr Franz, der Friseurmeister, fungiert als gutmütig-strenger Ausbilder, der alle so behandelt, wie sie es vermeintlich gerade brauchen – mehr pädagogische Instanz als komplexe Persönlichkeit.

Vereinfachung statt Differenzierung

Zeitlich verankert wird die Handlung im August 2024, als in Wien drei Konzerte von Taylor Swifts "The Eras Tour" aus Sicherheitsgründen abgesagt werden mussten: Ermittler*­innen hatten rechtzeitig Anschlagspläne aufgedeckt, nachdem sich ein Jugendlicher online durch IS-Propaganda radikalisiert hatte und Kontakt zu einem jungen Mann aus Österreich aufgenommen hatte, der einen Bombenanschlag plante und entsprechende Anleitungen teilte. Diese reale Bedrohungslage fließt in die Erzählung ein – jedoch nicht ohne Reibung. Denn die Verbindung zwischen Mos queerer Coming-of-Age-Geschichte, seiner muslimischen Herkunft und Motiven von Radikalisierung und Gewalt bleibt erzählerisch problematisch verkürzt.

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Gerade hier entsteht ein irritierender Eindruck: Mos muslimische Wurzeln bleiben auffallend konturlos, fast hüllenhaft, während gleichzeitig eine atmosphärische Nähe zu Extremismus und Gewalt aufgebaut wird. Anstelle einer differenzierten Auseinandersetzung mit familiären Beziehungen, Generationenkonflikten oder innergemeinschaftlichen Gesprächen entsteht eine diffuse Bedrohungskulisse. Zwischenmenschliche Verhandlungen – jene Räume, in denen Identität tatsächlich ausgehandelt wird – bleiben weitgehend ausgespart. So droht ein pauschalisierendes Bild zu entstehen, das weniger Verständnis erzeugt als unterschwellige Angst. Auch die Familiengeschichte, lose in einer Vergangenheit irgendwo in einem nicht näher benannten Kriegsgebiet verankert, wirkt erzählerisch richtungslos. Das Trauma bleibt Behauptung, ohne wirklich narrative oder emotionale Tiefe zu entfalten.

Dabei liegt im Kern des Romans ein wichtiges, dringend notwendiges Vorhaben: eine queere Coming-of-Age-Geschichte unter religiösen Vorzeichen sichtbar zu machen – ein Feld, das im Kinder- und Jugendbuch weiterhin unterrepräsentiert ist. Doch gerade weil "Mo & Moritz" diese Leerstelle adressiert, wiegt seine erzählerische Vorsicht umso schwerer. Statt die Widersprüche, Spannungen und Ambivalenzen eines solchen Lebensraums konsequent auszuleuchten, entscheidet sich der Text immer wieder für Vereinfachung, symbolische Verkürzung und pädagogische Lesbarkeit. Das Ergebnis ist ein Roman, der Repräsentation beansprucht, ohne ihre Komplexität wirklich auszuhalten. Wo eine mutige, differenzierte Auseinandersetzung möglich gewesen wäre, bleibt vieles Andeutung – und hinterlässt den Eindruck einer Geschichte, die ihr eigenes politisches und emotionales Potenzial letztlich nicht einlöst.

Infos zum Buch

Julya Rabinowich: Mo & Moritz. Jugendroman. 224 Seiten. Hanser Verlag. München 2026. Paperback: 17 Euro (ISBN 978-3-446-28589-7). E-Book: 12,99 €.

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