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Interview

Wie queer wird das Berlin-Musical "Wir sind am Leben"?

Im neuen Musical "Wir sind am Leben" von Peter Plate und Ulf Leo Sommer spielt Jörn-Felix Alt den jungen, schwulen und HIV-positiven Drag-Performer Bruno. Am Rande der Proben am Berliner Theater des Westens verriet er uns mehr über das Stück.


Queere Hauptrolle: Jörn-Felix Alt (Mitte) bei den Proben zu "Wir sind am Leben" (Bild: popout / Theater des Westens)

Berlin, 1990: Die Mauer ist gefallen, die Häuser sind besetzt, die Clubs pumpen Freiheit. Berlin, 2026: Am Theater des Westens gehen die Proben für "Wir sind am Leben" in die heiße Phase. Das neue Musical von Peter Plate und Ulf Leo Sommer soll ein Denkmal sein für eine Stadt und eine Generation. "Nicht auf Stein, sondern aus Musik, Geschichte und Gefühl", wie der Pressetext erklärt.

Am Rande der Proben haben wir uns mit Jörn-Felix Alt unterhalten, der die zentrale queere Figur im Stück spielt: Bruno, ein junger Drag-Performer, der als Marlene Dietrich auftritt und sich weigert, sich über seine HIV-Diagnose definieren zu lassen. Gesprochen haben wir über Verletzlichkeit, Humor und die Verantwortung, queere Figuren auf eine große Bühne zu bringen.


Jörn-Felix Alt (Bild: Joschka Meier)

Erstmal vielen Dank für die Einblicke in die Proben. Zu deiner Rolle: Bruno bekommt ja eine HIV-Diagnose und entscheidet sich dann bewusst für das Leben. Was war denn dein erster Zugang zu dieser Figur?

Als ich den Anruf erhielt, dass man mich für Bruno in Betracht zieht, fand ich das sofort wahnsinnig spannend. Es ist eine so wichtige Geschichte, die es so nur in Deutschland gab. Nach dem Fall der Mauer erfasste alle ein Freiheitsgefühl. Genau in diese Euphorie kam mit einer solchen Wucht diese schreckliche Krankheit. Ich sehe es als große und tolle Aufgabe, ein solches Schicksal auf eine Musical-Bühne bringen zu dürfen.

Was würdest du dir wünschen, dass das Publikum als erstes in Bruno sieht, vor seiner Infektion?

Seinen Mut und seine Kraft. Bruno ist ein lebensbejahender Mensch, der etwas verändern will und eine Vision hat.

Nun ist da ja nicht nur Bruno, sondern er hat ja auch noch ein Alter Ego, Marlene oder "die Dietrich". Was ist sie genau? Reine Drag-Performance? Schutzraum? Selbstermächtigung?

Bruno ist von Marlene fasziniert – von ihrer Kraft, ihrer klaren Vorstellung und ihrem Durchsetzungsvermögen. Diese Eigenschaften sieht und sucht er in sich selbst. Daher lässt er sich für seine Drag-Performance von ihr inspirieren. Eine Hommage an die Dietrich.

Das Lied "Ich werd' nicht weinen", das bereits veröffentlicht wurde, ist Brunos Reaktion auf seine HIV-Diagnose. Eine klare Absage an das Selbstmitleid. Wo ist die Verletzlichkeit dieser Figur?

Das sehe ich als meine Aufgabe, ihr diese zu geben. Bruno möchte sich selbst nicht bemitleiden und auch kein Mitleid aus seinem Umfeld. Er versucht, alles mit sich auszumachen und schiebt seine Freunde in schwierigen Momenten eher von sich. Gerade in dieser Einsamkeit liegt für mich eine große Verletzlichkeit. Mir ist es sehr wichtig, Brunos Charakter so vielschichtig und nuanciert wie möglich auf die Bühne zu bringen.

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Die andere große Nummer, die schon bekannt ist, ist "Supernovadiscoslut". Da geht es ja um etwas ganz anderes. Da geht es um Begehren und um Freiheit. Wie passiert das auf der Bühne?

"Supernovadiscoslut" ist Brunos Nachtclub-Performance als "die Dietrich". Eine Mischung aus Protest und Party. Er will was verändern und hat viel Spaß dabei. Es war eine schöne Aufgabe, einen eigenen Sound für dieses Lied zu finden. Somit ergibt sich ein wichtiger Unterschied zu den anderen Songs und eine Abgrenzung zwischen Drag-Performance und Brunos Privatleben.

Direktlink | Video zu "Supernovadiscoslut"
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Gab es eine Szene in den Proben, wo du dann gemerkt hast, jetzt habe ich den Bruno richtig verstanden?

Wahrscheinlich die Szene vor dem Lied "Ich werd' nicht weinen". Kurz davor bekommt Bruno seine HIV-Diagnose. Nun trifft er auf seine Freunde. Eigentlich will er direkt mit seinem Partner sprechen, wird dann aber in einen Streit verwickelt. Dabei platzt es im Affekt ungewollt aus ihm raus. Ein Moment, der ihn selbst überrascht und für mich eine Key-Szene ist in der Charakterbildung von Bruno.

Du sagst, diese Diagnose steht dann einfach so im Raum. HIV und Aids sind ja historisch auch wirklich sehr stark aufgeladene Themen. Bis heute prägt diese Pandemie die gesamte Community. Welche Verantwortung fühlst du als Darsteller, als Repräsentant?

Wir werden diese Show achtmal die Woche, für eine lange Zeit und vor einem sehr breiten und gemischten Publikum spielen. Vielen wird dieses Thema nicht präsent sein. Ich sehe es als Verantwortung, aber auch als große Möglichkeit, diese Geschichte mit allen Nuancen und Feinheiten auf unsere Bühne zu bringen. Mir ist es wichtig, dass wir nicht vergessen, was damals mit unserer Szene, mit einer ganzen Generation passiert ist.

Es geht aber nicht nur um ernste Themen, sondern es soll auch ein sehr lustiges Stück sein, wie es heißt. Wie findest du da die richtige Balance zwischen diesen beiden Polen?

Ich suche in der Tragödie immer den Humor und die Tragik in der Komödie. Wenn wir drei Stunden auf der Bühne stehen und alle heulen, wird es das Publikum nicht berühren. Als Schauspieler reizt mich vor allem, gerade in den Momenten, die sehr emotional sind, den Gegenpol zu finden – ein bisschen Lachen in der Traurigkeit, ein paar Tränen beim Lachen. Wir haben viele ernste Themen in unserem Stück, daher ist es sehr wichtig, genug Humor einzubringen, um eine gute Balance zu finden.

Wenn du Bruno in einem Satz beschreiben musst, ohne das Wort krank, was wäre dieser Satz?

Ein mutiger Mann, der etwas bewegen möchte.

Und zum Schluss, du hast gesagt, ihr spielt das Stück eine sehr lange Zeit, für ein sehr breites Publikum. Aber speziell für queer.de: Was hoffst du, dass ein queeres Publikum in der Figur, aber auch in dem Stück wiedererkennt?

Ich hoffe, dass es uns gelingt, die Essenz dieser Zeit auf die Bühne bringen. Die 1990er Jahre sind ja schon eine Weile her, aber trotzdem auch noch relativ präsent und irgendwie nah. Das Musical behandelt so viele unterschiedliche Themen: Homosexualität, Aids, Familie und Freundschaften, die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland. Ich denke, dass sich jeder darin in irgendeiner Weise wiederfinden kann. Gleichzeitig habe ich den Wunsch, dass insbesondere die queere Community sich präsentiert sieht. Nicht, indem wir Klischees auf die Bühne bringen, sondern Menschen und ihre Geschichten.

Das Musical "Wir sind am Leben" feiert am 21. März 2026 seine Premiere am Theater des Westens in Berlin. Karten sind im Vorverkauf erhältlich.

-w-