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Christian Wulff

"Homo­sexuelle waren in vielen Momenten der Geschichte die mutigsten Menschen"

Der frühere Bundespräsident Christian Wulff appelliert an die Mehrheitsgesellschaft, sich für Rechte von Minderheiten einzusetzen. Er versteht nicht, warum "woke" in manchen Kreisen ein Schimpfwort geworden ist.


Christian Wulff war von 2003 bis 2010 niedersächsischer Ministerpräsident und anschließend bis 2012 Bundespräsident (Bild: IMAGO / Future Image)

In einem Gastbeitrag für den "Tagesspiegel" setzt sich der frühere Bundespräsident Christian Wulff dafür ein, dass die gesellschaftliche Mehrheit es als ihre "ureigenste Pflicht" ansehen müsse, "sich gleichermaßen für Minderheiten und deren Rechte einzusetzen". Schließlich habe man aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gelernt, "wie Minderheiten, wie bestimmte Gruppen erst diffamiert, dann diskreditiert und dann ermordet wurden". Soweit dürfe es nicht wieder kommen, so Wulff mit Blick auf die Erfolge der rechtsextremen AfD.

Der Gastbeitrag stammt aus einer Rede Wulffs beim beim Jahresempfang der Queerbeauftragten Sophie Koch (SPD) Ende Februar. Dabei geht er auch ausführlich auf die queere Community ein: "Heute sehen wir, dass der Einsatz um die gleichen Rechte queerer Menschen weiterhin ein Engagement für uns alle ist. Für Vielfalt, für Gleichheit, für Inklusion, für einen guten Alltag für alle – ohne Verstecken, ohne Scham", so der 66-Jährige. Dies werde aber nicht mehr von allen für selbstverständlich gehalten. Vielmehr gebe es "zunehmend wieder Diskriminierung und Feindbildgestaltungen mit all den Folgen, die das für die einzelnen betroffenen Menschen hat".

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Stonewall-Aufstand als Vorbild für gesellschaftliches Engagement

Wulff nennt als Vorbild auch den Stonewall-Aufstand: "Homosexuelle waren in vielen Momenten der Geschichte die mutigsten Menschen. So beim Stonewall-Aufstand 1969 in New York, wo queere homosexuelle Menschen auf die Straße gingen für ihre Rechte, ihre Ansprüche – eigentlich Selbstverständlichkeiten." Dieses Ereignis habe "Menschen weltweit inspiriert". Wulff appelliert: "Das Erreichte darf man nicht kleinreden. Das Errungene darf nun nicht aufgegeben werden, sondern muss fortentwickelt werden. Der gesellschaftliche Diskurs darf nicht rückwärtsgewandt geführt werden."

Der CDU-Politiker beklagt, dass es queere Identitäten gebe, "die heute wieder zum Feindbild stilisiert werden: Trans Personen und nichtbinäre Personen, die zur Zielscheibe gemacht werden". Er wandte sich gegen Bestrebungen, CSDs zu verbieten: "Es ist jedes Menschen Recht, eigene Interessen zu vertreten, fröhlich zu feiern, auf die Straße zu gehen, zu werben. Wenn das bestritten wird von anderen Menschen, dann ist jeder einzelne dieser Vorgänge ein Angriff auf die Würde von Menschen. Das dürfen wir nicht zulassen", so Wulff. Hintergrund ist wohl, dass die AfD immer offener mit dem ungarischen CSD-Verbot sympathisiert (queer.de berichtete).

Ich verstehe nicht, warum nicht alle Menschen sagen, sie sind "woke"

Wulff äußert auch kein Verständnis dafür, dass derzeit viel gegen Wokeness polemisiert wird – übrigens auch in seiner eigenen Partei (queer.de berichtete). "Eigentlich ist Achtsamkeit – übersetzt – das Wort Wokeness. Ich verstehe nicht, warum nicht alle Menschen sagen, sie sind 'woke'", erklärt der Christdemokrat. "Weil prinzipiell alle Menschen achtsam sein sollten. Wenn sie es sind, dann sind viele Probleme dieser Welt gelöst – an vielerlei Stellen in der Gesellschaft. Wenn das einfach eine Selbstverständlichkeit wäre, die es aber offenkundig nicht ist."

Das frühere deutsche Staatsoberhaupt kritisiert dabei auch offen die Vereinigten Staaten unter Donald Trump: "Die USA zeigen uns jetzt, was droht, wenn bestimmte Bücher in den Schulen verboten werden." Dort werde ein "Kulturkampf von Menschen gegen Menschen, gegen Mitbürgerinnen und Mitbürger" betrieben. Wulff attestiert: "Wir fallen wieder zurück in unselige Zeiten, die wir für überwunden glaubten." Dabei zitiert er auch Björn Höcke, der "die Schutthalden der Moderne" beseitigen möchte.

Wulff fordert deshalb die Öffentlichkeit auf, sich weiter für Demokratie und Menschenrechte zu engagieren: "Nutzen wir die Gelegenheit, dass wir in Schulen gehen, in Bereiche junger Menschen, die anfällig zu werden scheinen für bestimmtes Gedankengut. Denn politische Vergiftung ist das Gefährlichste für ein Gemeinwesen, für eine Demokratie. Rechtsextremismus, der grassiert, vergiftet die Demokratie schleichend. Das beginnt an vielen Stellen, auf allen Ebenen. Dem müssen wir gemeinsam viel deutlicher entgegentreten." (dk)

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