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Buchtipp

Inspirierende "Gender Punks" aus vier Jahrhunderten

In ihrem neuen Buch "Gender Punks" folgt Kuku Schrapnell historischen trans- und inter Pionier*innen, die jeweils auf ihre Art die Kunst beherrschten, widerständig zu leben.


Queerer Pirat im 18. Jahrhundert: Mark Read (Bild: wikipedia)

Was sind Gender Punks? Menschen, für die Autor*in Kuku Schrapnell jedenfalls ein großes Herz besitzt. Sie nennt sie trans Pionier*innen (und sie können übrigens auch mal intergeschlechtlich sein). Es sind Menschen, die in unterschiedlichsten Epochen und an verschiedensten Orten dieser Welt jeweils auf ihre Art die Kunst beherrschten, widerständig zu leben. Entstanden ist aus dieser großen Sympathie ein kleines, unterhaltsames, anregendes und ermutigendes Büchlein. "Gender Punks" (Amazon-Affiliate-Link ) ist kürzlich im Verbrecher Verlag erschienen und eine Leseempfehlung unbedingt wert.

Kuku selbst ist trans Aktivist*in und hat ganz offensichtlich Lust am Schreiben – am liebsten wohl über queere Geschichte und über Fragen von trans und Geschlechterpolitik. Kuku ist als Speaker*in unterwegs und leitet Workshops. Und irgendwann davor gab es mal ein Studium der Sozial- und Erziehungswissenschaften und der Philosophie. Wohl keine schlechte Grundlage, um sich mit den fragilen und nicht selten konfliktreichen Verhältnissen zwischen Gesellschaft und Individuen zu beschäftigen, die sich auf der Suche nach einem geschlechtlich selbstbestimmten Leben befinden.

Gewidmet sind die 136 Seiten im Taschenformat (ideal für unterwegs) "for all the gender punks to come". Und man muss keineswegs ein Gender Punk sein, um es mit Gewinn zu lesen – es reicht die Offenheit und Neugier für eine von Vielfalt geprägte Welt. Wir sehen dann an Kukus Parcours durch die Jahrhunderte beispielsweise, dass Gender Trouble und die dazugehörigen Troublemaker keine Erfindung erst der Gender Studies sind. Nein, es gab immer schon Menschen, die gegen die geschlechtlichen Erwartungen ihrer Zeit gelebt haben und die normative Zweigeschlechtlichkeit auf ihre Weise definierten.

Gender-Nonkonformität ist fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte


"Gender Punks" ist Ende Februar 2026 im Verbrecher Verlag erschienen

Wer es noch nicht wusste oder immer noch leugnet: Gender-Nonkonformität ist fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte, und so gab es immer schon welche, die wussten, dass das Geburtsgeschlecht nicht das letzte Wort in der Frage der Geschlechtszugehörigkeit ist. Dass sich die Menschen allerdings mit der Freiheit, das zu leben, was sie für sich als richtig erkannten, meistens viel Ärger einhandelten (wenn es nur beim Ärger blieb und nichts Schlimmeres drohte), ist leider ebenso eine traurige Tatsache. Das lässt sich leicht an dem Umstand ablesen, dass wir ihre Geschichten meist nur aus Gerichtsakten kennen und so aus einer Perspektive einer voreingenommenen Fremdwahrnehmung.

Die Gender Punks, die Kuku in ihrem Büchlein versammelt, bilden fürwahr eine recht bunte Versammlung. Da wäre Anastasius Lagrantinus Rosenstengel aus dem Thüringen des 17. Jahrhunderts zu nennen. Das weibliche Geburtsgeschlecht hat ihn nicht daran gehindert, die meiste Zeit als Mann zu leben. Kuku ist fasziniert von Rosenstengels Entschlossenheit, den gesellschaftlichen Konventionen recht deutlich den Stinkefinger zu zeigen.

Auch unter Pirat*­innen wurde Kuku fündig: Mark Read war einer von ihnen. Und auf Haiti lebte Ende des 18. Jahrhunderts Romaine-la-Prophétesse, die zu einer wichtigen Figur in der Geschichte der haitianischen Revolution gegen den Kolonialismus und für die Beseitigung der Sklaverei wurde. Eine andere Geschichte erzählt das Leben von Lucy Hicks Anderson, 1886 in Kentucky/USA geboren, die als Junge auf die Welt kam, aber schon bald wusste, dass in ihr ein Mädchen lebt. Sie arbeitete als Sexarbeiterin, war verheiratet und betrieb ein Bordell. Doch die Probleme bleiben nicht aus und dennoch gab es für sie ein Happy End: Sie und ihr Mann zogen nach Los Angeles und lebten dort zusammen bis zu ihrem Tod.

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Vorbilder und Plädoyer für unsere eigene Individualität

In Kukus trans Ahnengalerie finden wir auch die transweibliche Sexarbeiterin Okiyo aus Tokyo, die dort in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein wohl erfolgreiches und wehrhaftes Leben führte und damals als Berühmtheit galt. Kukus kleiner Rundgang durch die Zeiten und über Kontinente endet mit Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera und erinnert an deren bis Juni 1973 existierende Selbsthilfegruppe STAR – eine Abkürzung für Street Transvestite Action Revolutionaris.

"STAR zerbricht schließlich an der Armut", so Kukus Kommentar, "an der Repression und an persönlichen Streitereien, die an dieser Stelle aufzulisten aber nur unnötig traurig wäre. Es ist schon traurig genug, dass die Gay-Pride-Bewegung zunehmend an Radikalität verliert und auf Kuschelkurs mit der Hetero-Gesellschaft geht."

Für Kuku sind die Gender Punks eine wahre Inspirationsquelle. Sie können Vorbilder sein und liefern gleichzeitig mit ihren Lebensgeschichten ein Plädoyer für unsere eigene Individualität.

Mir geht es darum, die guten Teile, das, was ich mag, herauszuziehen aus diesem uneindeutigen Schleim an Fakten, der ständig in Bewegung ist. Momente, an die wir uns erinnern sollten, Ideen, die es wert sind, nochmal gedacht zu werden, und Taten, die es wert wären, wiederholt zu werden.

Ich glaube, die trans Community hat nie aufgehört (zumindest viele darin), sich genau so zu verhalten. Von unserer Widerständigkeit in Sachen selbstbestimmtes Leben können sich die "Normalos" gerne eine dicke Scheibe abschneiden.

Infos zum Buch

Kuku Schrapnell: Gender Punks: Über trans Pionier*­innen und die Kunst, widerständig zu leben. 136 Seiten. Verbrecher Verlag. Berlin 2026. Taschenbuch: 16 € (ISBN: 978-3-957-32647-8).

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