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Keine Aufreger in Hollywood
98. Oscarverleihung: Skandalfrei, kaum queere Themen und ein Trump-Penis-Witz
Bei der 98. Oscarverleihung wurden die begehrten Filmpreise fast schon fair verteilt. Die TV-Show als solche wird wohl nicht besonders in Erinnerung bleiben. Auch queere Themen kamen nur am Rande vor.

Moderator Conan O'Brien führte erneut durch die Oscar-Gala (Bild: IMAGO / Avalon.red)
- 16. März 2026, 06:14h 5 Min.
Am frühen Montagmorgen deutscher Zeit wurden in Los Angeles zum 98. Mal die Academy Awards verliehen, im Volksmund auch bekannt als Oscars. Filmfans in aller Welt verfolgten die Gala. Dabei wurde "One Battle After Another" als "Bester Film" des Jahres ausgezeichnet. Regisseur Paul Thomas Anderson (55, "Boogie Nights", "Magnolia", "There Will Be Blood") erhielt unter anderem auch den Oscar für das "Beste adaptierte Drehbuch". Auf der Bühne sagte er bei der Entgegennahme des Preises: "Ich habe diesen Film für meine Kinder geschrieben, um mich für das Chaos zu entschuldigen, das wir in dieser Welt hinterlassen haben, die wir ihnen übergeben, aber auch, um ihnen Mut zu machen, dass sie die Generation sein werden, die wieder für Vernunft und Anstand sorgt."
Der Film mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle ist ein satirischer Action-Thriller, der lose auf Thomas Pynchons Roman "Vineland" basiert. Er porträtiert eine Gruppe ehemaliger Linksradikaler, die im dystopischen, faschistoiden Amerika der Gegenwart erneut zusammenkommen müssen, um die Tochter eines Mitglieds zu befreien. Nur am Rande werden dabei queere Themen behandelt. Eine der Nebenfiguren wird als nichtbinär beschrieben, die allerdings kaum Bildschirmzeit hat. In einem Dialog wird zudem das Thema Pronomen und moderne Genderdebatten kurz angesprochen.
Auch ansonsten spielten queere Themen nur eine Nebenrolle, nachdem viele Filme mit queeren Themen nicht nominiert worden waren (queer.de berichtete). Lediglich "Come See Me in the Good Light" hatte eine Nominierung als beste Dokumentation erhalten, ging bei der Preisverleihung aber leer aus. Der Film erzählt von Andrea Gibson (1975-2025), eine*r nichtbinäre*n Slam-Poet*in und Aktivist*in. Ebenfalls nominiert, aber ohne Oscar blieb der Kurzfilm "A Friend of Dorothy" mit Miriam Margolyes und Stephen Fry. Die 21-minütige britische Produktion handelt von queerer Geschichte und Identität.
Bei der Oscarverleihung geht es traditionell nicht nur um die Gewinnerinnen und Gewinner der begehrten Filmpreise. Es handelt sich auch um eine große Show-Produktion für Fernsehkanäle und Streamingdienste auf dem gesamten Planeten. Neben den Siegerfilmen und Künstlern feiert das Filmmekka Hollywood bei den Academy Awards auch sich selbst und seine lange, ruhmreiche Geschichte. Das sogenannte In-Memoriam-Segment ehrt indes in den vergangenen zwölf Monaten verstorbene Stars.
Conan O'Brien führt routiniert durch die Oscarverleihung
Durch die Oscarverleihung führte zum zweiten Mal Moderator Conan O'Brien (62). Der ehemalige Late-Night-Talker, Autor der Kultserie "Die Simpsons" und Podcaster hatte bei seiner Premiere 2025 durchweg positive Kritiken erhalten. Im Dolby Theatre legte er am Sonntagabend sogleich mit einer Spitze gegen den oscarnominierten Jungstar Timothée Chalamet (30) los.
"Die Sicherheitsvorkehrungen sind heute Abend extrem streng. Mir wurde gesagt, dass Bedenken hinsichtlich möglicher Anschläge aus der Opern- und Ballettwelt bestehen", scherzte O'Brien. Chalamet, der sich im Vorfeld der Academy Awards über ebenjene Kunstformen abfällig geäußert hatte, wurde daraufhin lächelnd im Publikum eingeblendet, blieb jedoch sympathisch und cool. Auch im weiteren Verlauf des Abends kriegte der Star des Pingpong-Films "Marty Supreme" sein Fett weg, etwa wenn das Orchester eine "Bum-Drum" (auf Deutsch: "Hintern-Trommel") spielte, also mit Tischtennisschlägern auf eine Po-Attrappe eindrosch.
O'Brien machte auch einen Seitenhieb auch auf US-Präsident Donald Trump. Der Komiker sagte im Laufe der Gala: "Wir melden uns live aus dem Hat-einen-kleinen-Penis-Theater. Mal sehen, ob er da seinen Namen davor setzt." O'Brien spielte damit offenbar auf die umstrittene Umbenennung des "Kennedy Center" in Washington, eines der wichtigsten Kulturzentren der USA, in "Trump Kennedy Center" an.
"Frankenstein" als lachender Dritter
Zahlreiche Oscars wurden selbstverständlich auch verliehen am Sonntagabend. Dabei sorgte ein Gleichstand in der Kategorie "Bester Kurzfilm" ebenso für Aufsehen wie der nicht-anwesende Sean Penn (65), der seinen insgesamt dritten Academy Award – dieses Mal als "Bester Nebendarsteller" für "One Battle After Another" – nicht persönlich entgegennahm.
Im Vorfeld der Oscarverleihung galten Ryan Cooglers (39) "Blood & Sinners" und "One Battle After Another" von Paul Thomas Anderson (55) als haushohe Favoriten auf die Filmpreise. Und tatsächlich gewann "One Battle After Another" insgesamt sechs goldene Statuetten, der Film "Blood & Sinners", der wie viele Vampirfilme immerhin einen queeren Subtext aufweist, deren vier.
Doch im Laufe der Oscarverleihung kristallisierte sich "Frankenstein" von Queer-Ally Guillermo del Toro (61) als eine Art lachender Dritter heraus. Die Verfilmung von Mary Shelleys (1797-1851) ikonischem Horror-Roman gewann etwa den Oscar für das "Beste Szenenbild", "Make-up" und "Kostümdesign", also in vielen der oft so wahrgenommenen "kleineren" Oscar-Kategorien, die doch letztlich viel über die handwerklich-künstlerische Qualität eines Films aussagen. Kritiker*innen sehen in seinem Film eine Auseinandersetzung mit queeren Erfahrungen und dem Bedürfnis, für das eigene, wahre Selbst geliebt zu werden.
Ausuferndes In-Memoriam-Segment
Der Tod hat in den vergangenen zwölf Monaten in Hollywood grausame Ernte gehalten. Und so fiel auch das immer bewegende In-Memoriam-Segment der 98. Academy Awards im Jahr 2026 besonders ausufernd aus. Barbra Streisand (83) ehrte ihren verstorbenen "So wie wir waren"-Co-Star Robert Redford (1936-2025) nicht nur als unvergessenen Hauptdarsteller und generell guten Menschen, sondern auch als Mitgründer des Sundance Film Festivals, der sich um das amerikanische Independent-Kino so verdient gemacht hat.
Rachel McAdams (47) erinnerte an Diane Keaton (1946-2025), die in "Die Familie Stone" ihre Leinwandmutter spielte. Billy Crystal (78) würdigte seinen "Harry und Sally"-Regisseur Rob Reiner (1947-2025), der gemeinsam mit seiner Ehefrau Michele (1955-2025) im Dezember mutmaßlich vom Sohn des Paares erstochen worden war.
Allein einen große Aufreger oder besonders erinnerungswürdigen Moment wollte diese Oscarverleihung im Lauf des Abends dem TV-Publikum nicht präsentieren. Die Qualität der ausgezeichneten Filme begeisterte jedoch durchweg. (spot/dpa/cw)
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