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In eigener Sache
Warum ich mich von der Arte-Doku "Die sexuelle Provokation" distanziere
Transfeindliche Stimmen, Voyeurismus, Missverständnisse: Die neue Arte-Doku über "Magnus Hirschfeld und die Geschlechter" ist komplett misslungen. Ich bedauere, dass ich mich als Interviewpartnerin zur Verfügung gestellt habe.

Trans Aktivistin und queer.de-Autorin Nora Eckert in der Arte-Doku "Die sexuelle Provokation – Magnus Hirschfeld und die Geschlechter" (Bild: Screenshot Arte)
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16. März 2026, 06:32h 4 Min.
Ich melde mich hier zur Abwechslung mal in eigener Sache zu Wort. Es geht um die bereits am 9. März auf Arte gesendete und in der Arte-Mediathek abrufbare Filmdokumentation "Die sexuelle Provokation – Magnus Hirschfeld und die Geschlechter", an der ich als Interviewpartnerin beteiligt war. Ich distanziere mich von der Filmdokumentation aus verschiedenen Gründen und bedauere hier meine Teilnahme.
Erst seit gestern kenne ich das Endprodukt. Hätte ich auch nur annähernd eine Vorstellung davon gehabt, auf was dieses Projekt hinausläuft und wie es am Ende umgesetzt werden würde, hätte es mein Gespräch mit dem Regisseur Miguel Kaluza nicht gegeben. Die Basis für solche Gespräche enthält eben immer auch einen Anteil Vertrauen.
Für eine trans Aktivistin wie mich und damit als eine Person, die in der Öffentlichkeit steht (was einerseits unvermeidlich ist, aber eben zum "Job" gehört und natürlich gewollt ist), sind Interview-Anfragen Alltag. Als mich 2024 eine solche im Zusammenhang mit einer geplanten Filmdokumentation zu Magnus Hirschfeld erreichte und mir erklärt wurde, worum es ungefähr gehen solle und dass an dem Projekt die in Berlin ansässige Magnus Hirschfeld Gesellschaft als Gesprächspartnerin beteiligt ist, habe ich gerne zugesagt. Auch deshalb, weil Hirschfeld eine eminent wichtige Figur im Kampf um queere Emanzipation vor 1933 war, der aber leider mit seinen Erkenntnissen und Haltungen in der Sexualwissenschaft nach 1945 keine Rolle mehr spielen sollte mit verheerenden Folgen nicht zuletzt für trans Menschen.
Bullshit über das Selbstbestimmungsgesetz
Und so saß ich an einem Novembertag 2024 in den Räumen der Hirschfeld Gesellschaft und beantwortete die Fragen des Regisseurs Miguel Kaluza. Dass auch Till Randolf Amelung und Chantal Louis, Redakteurin bei "Emma", interviewt werden sollten, wusste ich. Was ich nicht wusste, wie sie in der Filmdokumentation präsent sein würden, obschon mir ihre Positionen zum Thema trans leider allzu bekannt sind. Doch schien mir der Regisseur tough genug, um von Fall zu Fall auch mal kritisch nachzufragen.
Inzwischen bin ich also eines Besseren belehrt worden. Und erst seit gestern weiß ich, dass es keine kritischen Nachfragen gab und dass weder der Realität noch den Fakten etwa in Bezug auf das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) und die stets hochdramatisierten Missbrauchsvorwürfe und Bedrohungsszenarien ein Mitspracherecht in der Dokumentation gewährt wurde. Bullshit ist Trumpf.
Trans-Sein ist keine Krankheit
Es gibt noch mehr Einwände: Schon der Einstieg irritiert. Was hat diese sex-positive Esoterik-Gruppe mit Hirschfeld zu tun? Ich sehe da nur ein grobes Missverständnis. Ein weiterer Einwand: Die Dokumentation betreibt Voyeurismus pur, wo sie Passagen aus einem historischen Film kopiert, der drei trans Frauen nackt präsentiert als Beispiele für frühe geschlechtsangleichende Operationen.

Was hat diese sex-positive Esoterik-Gruppe mit Magnus Hirschfeld zu tun? (Bild: Arte)
Von filmästhetischen Einwänden, die es auch gibt, will ich gar nicht reden. Wohl aber davon, dass Amelung eine Bühne gegeben wurde, um erneut das Trans-Sein als Krankheit zu definieren, indem er sich nicht entblödet, die Begutachtung von trans zu fordern, denn schließlich müsse er ja seine Schwerhörigkeit auch medizinisch begutachten lassen, wenn er als behinderter Mensch rechtlich anerkannt werden will. Also gibt es für trans den Schwerbehindertenausweis, oder?
In der Doku gibt es auch einige Szenen von Aufmärschen rechtsextremer Gruppen. Ist denn im Film-Team niemandem aufgefallen, dass sich der Hass und die darin transportierten Vorurteile kaum, allenfalls graduell (und daran ändern auch Louis' gegenteilige Beteuerungen nichts) von den Bedrohungsfantasien der "Emma"-Redakteurin unterscheiden. Sie laufen auf dieselbe Menschenverachtung hinaus.
Magnus Hirschfeld hat sich wohl im Grabe umgedreht
Ich kann meine Mitwirkung an der Filmdokumentation nicht rückgängig machen, wohl aber mein Missfallen über das Ergebnis zum Ausdruck bringen und mich davon distanzieren. Das habe ich hiermit getan. Am 9. März, so um die Mitternacht herum, dürfte wohl niemand auf dem Cimetière de Caucade in Nizza gewesen sein, wo Magnus Hirschfeld seine letzte Ruhestätte fand. Wenn doch, dann wird man wahrscheinlich gehört haben, wie er sich gerade im Grabe umdreht.














