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Wiederentdeckung
Die späte Abrechnung der Molly Keane
Wenn der Geliebte sich mehr für den Bruder interessiert: Der 1981 erschiene Roman "Das gute Benehmen" von Molly Keane zeigt, wie zerstörerisch Höflichkeit sein kann, wenn sie zur Ersatzreligion einer emotional bankrotten Gesellschaft wird.

Die irische Schriftstellerin Molly Keane (1904-1996) schrieb 50 Jahre lang unter dem Pseudonym M. J. Farrell (Bild: Waterford Arts)
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16. März 2026, 12:02h 5 Min.
"Ein feiges Kind war ein heimlicher Makel, und ein Kind, das zugab, sein Pony zu hassen, so etwas wie ein Aussätziger in unserer Gesellschaft." Schon in diesem Satz verdichtet sich die kindliche Welt von "Das gute Benehmen" (Amazon-Affiliate-Link ): eine Gesellschaft, in der Gefühle nicht existieren dürfen, sondern lediglich korrekt verwaltet werden.
Aroon St. Charles begegnet ihrem Pferd mit ehrfürchtiger Angst – unfähig, dessen Impulsivität einzuschätzen, und noch unfähiger, sich gegen den emotional abwesenden Vater zu behaupten, dessen Leidenschaft einzig den Pferderennen gilt. Gemeinsam mit ihrem Bruder Hubert bildet er ein seltsames Bündnis gegen sie: Sie machen sich über Aroon lustig, und sie lächelt dazu, weil Spott immerhin Aufmerksamkeit bedeutet. Gesehen zu werden, selbst durch Demütigung, wird zur einzigen Form von Zuneigung.
Überholte Rituale aristokratischer Überlegenheit

"Das gute Benehmen" ist Ende Januar 2026 im Kjona Verlag erschienen
Aroon ist weniger Individuum als Produkt ihrer Umgebung: der zerfallenden anglo-irischen Landadelsgesellschaft, deren starre Höflichkeitscodes jede emotionale Wahrheit ersticken. Während das Familienvermögen schwindet, klammern sich die St. Charles' an überholte Rituale aristokratischer Überlegenheit. Sie behandeln Angestellte mit herablassender Selbstverständlichkeit, als sei soziale Grausamkeit ein Geburtsrecht. Eine Gouvernante, die versucht, Aroon soziale Fähigkeiten und Empathie beizubringen, wird von der Familie systematisch gedemütigt und schließlich in den Suizid getrieben.
Über sie heißt es: "Mit den Ausschmückungen und Erfindungen des Spiels, die für das Gelächter wesentlich waren, Details wie Länge und Atmosphäre bestimmter Tage, ein verstohlener Blick, der heimliche Liebe oder Gehässigkeit offenbarte, verhöhnten wir im Grunde unsere jeweilige Kindheit, die uns zu den Menschen gemacht hatte, die wir waren."
Eine unsympathische Erzählerin
Es ist ein Schlüsselmoment, denn Aroon ist selbst alles andere als liebenswert. Sie ist schadenfroh, selbstbezogen und emotional abgestumpft – und der Roman macht daraus kein Geheimnis. An keiner Stelle erlaubt der Roman eine einfache Identifikation mit seiner Erzählerin. Aroon bewegt sich durch die Welt, unfähig, die Gefühle anderer wirklich wahrzunehmen. Gleich zu Beginn setzt der Text dafür einen Ton, der zugleich komisch und verstörend ist: ein Todesfall, geschildert mit der beiläufigen Selbstverständlichkeit einer alltäglichen Unannehmlichkeit. Entgegen der warnenden Einwände der loyalen Hausangestellten Rose reicht Aroon ihrer kranken Mutter ein Kaninchenmousse. Noch bevor jemand reagieren kann, schlägt der Geruch der Speise in Übelkeit um; die Mutter stirbt. Aroon hingegen reagiert nicht mit Schock oder Schuld, sondern mit praktischer Sachlichkeit: Sie säubert sich, ordnet den Haushalt und bittet Rose, das Gericht warm zu stellen.
Gerade diese erschreckende Nonchalance definiert den Ton des Romans: Naive Grausamkeit erscheint hier nicht als Ausnahme, sondern als soziale Normalität. Die herausragende Übersetzung von Bettina Abarbanell macht sichtbar, wie sehr der Text zwischen den Zeilen arbeitet. Man muss sich zunächst in den Stil einlesen, lernen, die Boshaftigkeit, den Missgunst, die Egozentrik und die Selbstinszenierung hinter der Oberfläche des titelgebenden "guten Benehmens" zu erkennen. Nichts wird ausgesprochen; alles bleibt höflich verkleidet. Doch sobald man diesen Rhythmus versteht, entfaltet der Roman eine eigentümliche Sogwirkung – eine Orientierungslosigkeit, die perfekt zu seinen moralisch verwahrlosten Figuren passt.
Homosexualität als blinder Fleck der Erzählerin
Besonders eindrücklich ist dabei, was niemals benannt wird. Aroon ist schlicht zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um zu erkennen – oder anerkennen zu wollen -, dass Richard nicht in sie verliebt ist, sondern höchstwahrscheinlich in ihren Bruder. Homosexualität existiert im Roman nicht als tabuisiertes Geheimnis, sondern als blinder Fleck der Erzählerin. Sie ist viel, viel, viel zu höflich, um auszusprechen, was offensichtlich ist: dass ihre romantischen Fantasien fehlgeleitet sind, dass ihr Vater Affären hat, während die Mutter sich in kühler Verachtung einrichtet, und dass die emotionalen Beziehungen der Familie die offiziellen gesellschaftlichen Rollen längst unterlaufen haben. Das Schweigen ist kein moralischer Schutzraum – es ist Ausdruck von Aroons radikaler Selbstbezogenheit.
So wird der Roman zu einer bitteren Coming-of-Age-Geschichte über ein übergewichtiges Mädchen, das permanent gedemütigt wird, ohne es wirklich zu begreifen. "Sie akzeptierte meine Nutzlosigkeit" – ein Satz, der erschreckend deutlich macht, wie tief Aroon die Perspektive ihrer Umgebung internalisiert hat. Vater und Bruder benutzen sie als Pointe, und ihr verzweifeltes Mitlachen gehört zu den schmerzhaftesten Momenten des Buches: der Versuch, Teil eines Witzes zu sein, dessen Zielscheibe man selbst ist. Man wünscht sich beim Lesen immer wieder, sie könnte ausbrechen – doch genau darin liegt die Tragik. Aroon besitzt weder die emotionale Sprache noch das Selbstbewusstsein, ihre Situation zu erkennen.
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Ein entzaubernder Blick auf die Gesellschaft
Dass dieser Roman so schonungslos wirkt, hängt auch mit seiner Entstehung zusammen. Molly Keane hatte seit den 1920er Jahren erfolgreich unter dem Pseudonym M. J. Farrell veröffentlicht, sich jedoch vollständig aus dem Literaturbetrieb zurückgezogen. Erst Ende der 1970er Jahre begann sie wieder zu schreiben. Als "Das gute Benehmen" 1981 erschien, war sie über 70 Jahre alt und veröffentlichte erstmals unter ihrem eigenen Namen. Der Roman liest sich daher wie ein rückblickender, entzaubernder Blick auf die Gesellschaft, aus der sie selbst hervorgegangen war – eine späte Abrechnung ohne Nostalgie.
Die bitterböse Satire, die der Mord zu Beginn verspricht, erreicht der Roman allerdings nicht durchgehend. Manchmal hätte man sich mehr literarische Eskalation gewünscht, mehr Momente, in denen die unterdrückte Grausamkeit offen hervorbricht. Doch vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Konsequenz des Buches: Die Katastrophe geschieht hier nicht laut, sondern höflich. "Wir hielten den Kopf über dem Morast, erstickten die himmelschreiende Verzweiflung in gutem Benehmen." Ein Satz, der wie ein stilles Programm wirkt – für diese Familie, für ihre Klasse und für einen Roman, der zeigt, wie zerstörerisch Höflichkeit sein kann, wenn sie zur Ersatzreligion einer emotional bankrotten Gesellschaft wird.
Molly Keane: Das gute Benehmen. Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. 336 Seiten. Kjona Verlag. München 2026. Gebundenes Buch: 26 € (ISBN 978-3-91037-267-2). E-Book: 19,99 €
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