Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?57261

"Persistence of Vision"

Schwänze und Schafe: Die fotografische Vielfalt von Peter Hujar

Parallel zur Bundeskunsthalle in Bonn zeigt nun auch der Berliner Gropius Bau zahlreiche Arbeiten des schwulen Fotografen Peter Hujar – viele zum ersten Mal in Berlin. Werke von Liz Deschenes ergänzen die sehenswerte Ausstellung.


Peter Hujar, David Wojnarowicz (Hand Touching Eye), 1981 © The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 202

So viel Peter Hujar war noch nie – von Bonn bis Berlin. Die Bundeskunsthalle und der Martin Gropius Bau zeigen als Kooperation in zwei großen Werkschauen Fotografien von Peter Hujar. In Berlin sind Hujars Fotos mit Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Liz Deschenes unter dem vieldeutigen, schwer übersetzbaren Titel "Persistance of Vision" kombiniert. Da treffen minimalistische Skulpturen, monochrome Farb- und graue Spiegelflächen auf Schwarz/Weiß-Fotografien und deren von Konkretheit und Intensität geprägten Bildinhalte. Abstraktes im Dialog mit Konkretem.


Blick in die Ausstellung (Bild: Luca Girardini / Gropius Bau)

120 Fotos sind jetzt in Berlin ausgestellt und – wie zu hören war – etliche hier zum ersten Mal. Die Hängung der Fotos ist streng gerastert und in großzügigen klaren Strukturen verteilt – entweder in Bildreihen oder Bildblöcken, was eine optimale Zugänglichkeit zu den Fotos garantiert und außerdem in einigen Sälen mit der geometrischen Strenge von Deschenes skulpturalen Arbeiten korrespondiert – so Besucher*innen sich auf solche Wechselbeziehungen einlassen. Doch die Präsentation enthält auch eine historische Reminiszenz an die letzte, noch zu Hujars Lebzeiten organisierte Ausstellung 1986 in der New Yorker Gracie Mansion Gallery.

- Werbung -

Fast alles alte Bekannte – und schauen trotzdem gerne wieder hin

Einem queeren Publikum muss ich wohl Hujar als Fotografen nicht erst vorstellen oder groß erklären. Dafür ist seine Aktfotografie und all die mal schlaffen, mal erigierten Penisse, all die lässig zur Schau getragene nackte Haut, all die schlanken, mal gelangweilt auf Stühlen platzierten oder abenteuerlich verschlungenen Körper nur allzu bekannt. Außer lauter Déjà Vus ist da wohl nichts Neues zu gewinnen. Vielleicht die an den New Yorker Piers aufgenommen Fotos, Orte des schwulen Cruising. Fast alles alte Bekannte – und schauen trotzdem gerne wieder hin.


Peter Hujar, Self-Portrait (I) Jumping, 1974 © The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Und natürlich kennen wir seine zahlreichen Porträtaufnahmen – der Schriftsteller William Borroughs, Susan Sontag, die Sängerin Peggy Lee, der Maler und Objektkünstler Paul Thek, der Schriftsteller David Wojnarowicz und viele, viele andere. Ganz abgesehen davon, dass sich Hujar auch immer wieder selbst porträtiert hat.

Die queere Community dokumentiert

Hujar hat auf diese Weise die queere, intellektuelle und künstlerische Community New Yorks der 1970er und 1980er Jahre dokumentiert. Dokumentiert hat er aber auch deren Verluste, als Aids den Horror und das große Sterben in die queere Community brachte. Auch das ist fotografisch festgehalten (obschon in der Berliner Ausstellung weniger präsent). Doch zogen der Tod und das Thema der Sterblichkeit den Fotografen schon lange vorher an. Sein erster Bildband von 1976 trägt den Titel "Life and Death" und enthält unter anderem Aufnahmen aus der Kapuzinergruft in Palermo mit all diesen bizarren mumifizierten Toten.


Peter Hujar, Beauregard and his Dog Pilar (I), 1983 © The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Es hat lange gedauert, bis Hujar und sein fotografisches Werk die Ehrung erfuhr, die ihm gebührt. Zu Lebzeiten stand er mehr oder weniger im Schatten von Robert Mapplethorpe und dessen so ganz anderer Bildästhetik, die sich fundamental von der Hujars unterschied. Auch bei Mapplethorpe gibt es sexualisierte Körperlichkeit, nur mag sie noch so explizit sein, so bleibt sie doch in einer formalen Vollkommenheit merkwürdig steril verpackt. Fast kommen mir seine Blumenaufnahmen erotischer vor als die Sex-Szenen der Fotos.

Natürlich ist das genau kalkuliert. Bei Mapplethorpe sind das nachgerade stählerne Modelle mit glänzenden Oberflächen, während Hujar sich in erster Linie für das Emotionale interessierte. Es wird immer wieder betont, wie intensiv bei ihm die Beziehung zu den Modellen war. Ich denke, man kann das gut an den Fotos und dieser sehr spezifischen Intimität ablesen. Auch wenn man seine Bildkompositionen nicht aufregend nennen kann, so geht trotzdem von ihnen eine spür-, aber nur schwer definierbare Spannung aus.

Die eher unbekannten Vorlieben des Fotografen

Doch Vorsicht, auch wenn uns Hujars schwule, queere Bildwelt so bekannt und vertraut vorkommt, sollten wir ruhig mal den Blick auf den eher unbekannten Fotografen und seine Vorlieben lenken. Gelegenheit dazu gibt es in der Berliner Ausstellung jedenfalls. Seien es die frühen New York-Aufnahmen mit einer fast mystisch zu nennenden Ausstrahlung oder die vom Hudson River und den bewegten Wasseroberflächen. In ihrer Art faszinierend auch die Tieraufnahmen: Schafe, Kühe, Hunde.


Peter Hujar, Will: Shar-Pei (I), 1985 © The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Was man seinen Fotos nun wirklich nicht mehr ansieht, das ist die Tatsache, dass Hujar lange Zeit sein Geld mit Modefotografie verdiente. Als er sie eines Tages an den Nagel hängte, begann ein finanziell eher unsicheres Leben mit ziemlich prekären Phasen darin. Gleichwohl war er im New Yorker Nachtleben und in der Kunstszene ein Dauergast. Es war übrigens eine Meisterklasse bei dem großen Richard Avedon, die 1967 einen Wendepunkt in seiner künstlerischen Arbeit markierte und ihn zu einem der bedeutenden Gesellschaftsfotografen seiner Zeit werden ließ.

Wechselbeziehungen zwischen Abstraktem und Konkreten

Und weil ich oben von Wechselbeziehungen zwischen Abstraktem und Konkreten sprach, sei hier der Hinweis nicht versäumt: Diese in den Blick zu bekommen, dafür eignen sich ganz besonders gut vor allem zwei Räume. Hujars Aufnahmen vom Wellenspiel des Hudson Rivers in Verbindung mit den gewölbten schwarzen Claude-Glass-Arbeiten Deschenes' mit den sich mit verändernden Spiegelungen im Vorbeigehen und in einem anderen Raum die großen graumetallisch matten Spiegel in Korrespondenz mit den Aufnahmen des nächtlichen New Yorks von 1976 mit seinen magischen Architekturgiganten und den gleißenden Schluchten dazwischen.


Liz Deschenes, FPS (60), 2018, Ausstellungsansicht, "Une seconde d'éternité", Bourse de Commerce – Pinault Collection, 2022 © Courtesy of Liz Deschenes / Tadao Ando Architect & Associates, Niney et Marca Architectes, Agence Pierre-Antoine Gatier (Foto: Aurélien Mole)

Wer will, kann also einen sehr vielseitigen Fotografen Peter Hujar kennenlernen und dazu mit Liz Deschenes eine eigenwillige Künstlerin und ihre minimalistische Ästhetik, die die Sensibilität des Sehens lehrt. Zu empfehlen ist die Schau auf jeden Fall, und schon der Ort selbst fasziniert immer wieder. Gelegenheit dazu gibt es bis zum 28. Juni 2026 im Martin Gropius Bau.

-w-