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"Nurejew" in Berlin
Von der Subkultur zum Staatsballett: Warum queere Kultur keine Hierarchien braucht
Ein Blick auf die Berliner Premiere von "Nurejew" an der Deutschen Oper zeigt: Queerness spiegelt sich in Hoch-, Pop- und Subkultur gleichermaßen. Und doch werden diese Bereiche noch immer gegeneinander ausgespielt.

Eine glitzernde Drag-Show des Staatsballetts: Szene aus "Nurejew" (Bild: Carlos Quezada)
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27. März 2026, 04:20h 3 Min.
Die Aufregung um das Interview mit Timothée Chalamet war groß – dem langjährigen Verbündeten der queeren Community und Star aus "Call Me by Your Name". Dabei schmähte er Oper und Ballett als elitäre Kunstformen, für die sich "heute eigentlich niemand mehr interessiert". Seine Worte zeigen, wie tief das Denken in kulturellen Hierarchien nachwirkt.
Die Empörung, die Chalamet weltweit in der Kulturszene auslöste, ließ nicht lange auf sich warten – aus guten Gründen. Allein ein Blick auf die Berliner Premiere von "Nurejew" an der Deutschen Oper stellt seine Aussage auf den Kopf: Das vom Moskauer Bolschoi-Theater übernommene Stück – in Russland mittlerweile auf politischen Druck wegen der offenen Darstellung von Homosexualität 2023 vom Spielplan verbannt – erlebt einen Ansturm. Noch bevor sich der Vorhang hebt, sind sämtliche Vorstellungen ausverkauft, und die Live-Übertragung des Premierenabends bei Arte sorgt international für Aufmerksamkeit.
Auch wenn das Berliner Staatsballett unter Christian Spuck seit zwei Jahren außerordentlich erfolgreich ist, hat "Nurejew" die Nachfrage noch einmal übertroffen. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass Ballett in Russland ein wichtiger Teil der nationalen Identität ist. Umso stärker fällt ins Gewicht, wenn ein dort entstandenes und schließlich verbotenes Werk im Ausland gefeiert wird.
Deutsche Medien und die "sehr putzige" Drag-Sequenz
Vor allem eine Szene der Aufführung sticht dabei heraus: Nach seiner Flucht aus der Sowjetunion wird die walzerselige Einführung Nurejews in die westliche Gesellschaft jäh von sechs Dragqueens unterbrochen, die ihn zu den Klängen eines lasziven Jazzsounds umgarnen.
Eine glitzernde Drag-Show mitten im Ballett? In Berlin erregt das nicht wirklich Anstoß, doch in einigen Kritiken scheint aus der Sicht der Hochkultur ein unterschwelliges Abgrenzungsbedürfnis gegenüber queerer Subkultur durch: So beschreibt etwa der "Tagesspiegel" die Einlage als "sehr putzig", das Portal "tanznetz.de" findet sie "von provinzieller Belanglosigkeit" und die "Welt" erklärt sie für "kaum mehr des Anmerkens wert". Dabei war es just diese Szene, die am Moskauer Bolschoi-Theater von Anfang an der Zensur zum Opfer fiel.
Die Abwehrreflexe gehen in beide Richtungen
Zudem handelt es sich bei der Drag-Sequenz in "Nurejew" nicht bloß um einen Regieeinfall, wie man ihn in Berlin und anderen westlichen Städten bereits aus einigen Repertoire-Inszenierungen kennt. Hier ist die Szene dramaturgisch originär vorgesehen: Der Komponist Ilya Demutsky entwickelte dafür eine eigene musikalische Sprache, Yuri Possokhov eine hochstilisierte Choreografie.
Es ist erfreulich, dass queere Subkultur über die Popkultur hinaus allmählich auch Eingang in die Hochkultur findet – und dennoch werden alle drei Bereiche immer noch gegeneinander ausgespielt. Die Abwehrreflexe gehen dabei in beide Richtungen, auch innerhalb der queeren Szene.
Das ist bedauerlich, da sich die kulturellen Facetten längst gegenseitig befruchten und Queerness vorbehaltlos in jedem Genre gespiegelt werden darf. Dabei sollte sie nicht überall provozieren und Tabus brechen müssen – eine Erwartungshaltung, mit der wir uns ab und zu selbst im Weg stehen.














