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Berlin
Queere Kunst mit einer Riesenportion Widerständigkeit
An gleich vier Ausstellungsorten in Berlin-Mitte ist noch bis zum 28. Juni 2026 die sehr sehenswerte Ausstellung "Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda" zu sehen.

Jochen Hass, Portrait des Berliner Freundes Walter, Juli 1952, Öl auf Karton, 92,5 x 65,5 cm (Foto: Valentin Wedde, Courtesy: Privatsammlung und KVOST, Berlin)
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28. März 2026, 14:10h 7 Min.
Wer die Ausstellung "Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda" sehen will, lernt auch gleich noch die Stadt kennen oder genauer gesagt, den Berliner Bezirk Mitte, der sich im Norden bis in den Wedding hinein erstreckt. Denn die von Stephan Koal kuratierte Schau, die an drei Tagen und an vier Ausstellungsorten jetzt nach und nach eröffnet wurde, verteilt Bilder, Fotografien, Skulpturen und Keramiken über den ganzen Bezirk.
Das ist für sich schon ein reizvoller Aspekt, denn die Gegenden könnten nicht unterschiedlicher sein – da wandert man vom Kunstverein Ost (KVOST) in der Leipziger Straße rüber auf die andere Straßenseite zum Werkbundarchiv. Von da geht es zum Alexanderplatz in die Karl-Liebknecht-Straße, wo die "neue Gesellschaft für bildende Kunst" (nGbK) ihr Domizil mit Blick auf den Fernsehturm gefunden hat. Und schließlich bringt einen die U-Bahnlinie 8 von dort in die Pankstraße, wo das Mitte Museum Fotografien von Andreas Fux kombiniert mit Zeichnungen und Aquarellen von Jürgen Wittdorf.
Genau genommen, hat man da bereits das Territorium der ehemaligen Hauptstadt der DDR verlassen und ist im kapitalistischen Westen gelandet. Kleine zeitgeschichtliche Erinnerung am Rande: Auf dem Stadtplan Ost war früher der Westteil Berlins ein riesiger weißer Fleck. Heute findet man also auf dem weißen Fleck sehenswerte DDR-Kunst. Immerhin! So ändern sich die Zeiten, aber die Kuriositäten bleiben.
"Transvestitenball in West Berlin"
Und noch eine kleine Nebenbemerkung, bevor ich hier mit meinem Rundgang durch die Ausstellung beginne. In der nGbK entdeckte ich in einer der Vitrinen ein kleines Ölbild von Jochen Hass (1917-2000), entstanden ca. 1954. Es trägt den Titel "Transvestitenball in West Berlin". Hoppla – West-Berlin? Da wurden die Augen ganz groß. Richtig, da gab es noch keine Mauer.
Das kleine farbenfrohe Bild könnte auch heißen "Kleiner Mann, was nun?". Denn es zeigt zwischen zwei mächtigen Königinnen der Nacht ein dazu vergleichsweise kleines Männchen, ganz seriös gekleidet im Anzug. Ist das symbolisch gemeint? Ich versuche lieber keine psychologische Deutung, aber bewundert habe ich es trotzdem. Der Künstler hatte eine Vorliebe für Surreales. Eines seiner Bilder zeigt eine Figur auf rotflammendem Grund, auf dem Körper verteilt lauter kleinere und größere Augen. Und auf dem Porträt eines Freundes mit rosa Gesicht und blutroten Lippen steht daneben ein dunkle Phallus-Vase mit einer einzelnen weiß-gelben Rose darin. Was ließe sich darüber sagen? Der eigenen Fantasie fiele dazu einiges ein.

Dorothea von Philipsborn, Zwei sitzende Mädchen, 1922-1940er Jahre, Bronze, 20,1 x 17,7 x 32,8 cm (Foto: Valentin Wedde, Courtesy: Kunstgewerbemuseum – Staatliche Kunstsammlungen Dresden und KVOST, Berlin)
Werke von insgesamt neun Künstler*innen
Um gleich mal bei diesem Künstler zu bleiben. Beeindruckt haben mich seine farbintensiven Porträts, die im KVOST zu sehen sind. Sie stammen alle aus den 1950ern und bestätigen ganz unaufgeregt und wie nebenbei, dass wir selbstverständlich einen Blick für Queerness besitzen. Das betrifft die künstlerische Seite wie den Publikumsblick. Denn es ist der Habitus dieser jungen Männer, diese lässige Haltung, der gesenkte Blick, die halbe Drehung des Kopfes. Das alles wie aus dem Bilderbuch der Sehnsuchts-Melancholie. Schwul zu sein war im Übrigen damals gefährlich. Die DDR hatte wie die BRD den Paragrafen 175 ins Strafgesetzbuch übernommen, allerdings – anders als der Westen – wenigstens die Verschärfung aus der Nazi-Zeit herausgenommen.
Die groß angelegte Ausstellung zeigt Werke von insgesamt neun Künstler*innen aus mindestens vier Generationen, die heute unter dem Label "queere Kunst" präsentiert werden, ohne je dieses Etikett für sich benutzt zu haben. Denn dafür ist der Begriff noch zu jung, um die olle DDR kennengelernt zu haben. Aber als Wegweiser für das heutige Publikum ist das natürlich voll in Ordnung. Da muss niemand lange überlegen, welches Kapitel aus dem großen Buch der DDR-Kunst gerade aufgeschlagen wird. Die Vernissagen waren jedenfalls Publikumsmagneten.

Jürgen Wittdorf, Jugend und Sport, Freundschaftsfoto, 1964, Linolschnitt, 67 x 91,5 cm (Courtesy: Sammlung Schwules Museum und KVOST, Berlin)
Was ist eigentlich queere Kunst?
Trotzdem die Frage: Was ist eigentlich queere Kunst? Was macht sie als solche erkennbar? Reicht es, dass die Künstler*innen schwul oder lesbisch oder trans und deshalb in unserem Sinne queer waren oder es sind? Was aber wäre an einer Frauen-Skulptur queer neben den zahllosen anderen nackten Frauenkörpern aus der Kunstgeschichte? Oder was wäre an abstrakter Kunst queer? An den Kompositionen aus Farbflächen und geometrischen Formen? Oder was wäre an hinreißend filigranen Keramikvasen und -schalen queer, deren dünnwandige Formen aufgerissen mit ausgefransten Rändern wie bizarre Naturformen erscheinen?
Wir werden da wahrscheinlich nicht zu einer wirklich befriedigenden Antwort kommen, aber wir dürfen auf jeden Fall stolz sein auf die Kreativität der queeren Community. Denn darin steckt mindestens auch eine Riesenportion Widerständigkeit gegen eine Gesellschaft und einen Staat, die eine Dauer-Diskriminierung für "normal" hielt. Und es ist eben eine Tatsache, dass die DDR kein Schwulenparadies war – Lesben und trans Personen eingeschlossen. Um so wichtiger waren die subkulturellen Nischen, die privaten Netzwerke, all die Wohnungen als Treffpunkte samt der Gefahr, ob nicht vielleicht die Stasi mit auf dem Sofa sitzt.
Fotos, auf denen man die DDR förmlich riecht
Zu meinen Highlights gehören auf jeden Fall die Fotografien von Andreas Fux (Jahrgang 1964) aus den frühen 1980ern. Und als ob es ein Gesetz der DDR-Fotografie war: Es gibt kein Lächeln und es wird schon gar nicht gelacht. All diese jungen Männer (zumeist in Porträtaufnahmen, und immer wieder ist es ein Jörg) spiegeln eine seltsame und anziehende Mischung aus heroischem und melancholischem Habitus mit Blicken, die zumeist in die Ferne gehen. Hinzu kommen Fotografien aus dem großstädtischen Alltag auf dem Alexanderplatz und in anderen Quartieren. Man riecht die DDR förmlich auf diesen Fotos, diese vom Zweitakt-Gemisch der Trabis geschwängerte Luft.

Andreas Fux, Handelszentrum Friedrichstraße, Berlin, 1985, Fotografie (Courtesy: Andreas Fux und KVOST, Berlin)
Die im Mitte Museum gezeigten Fotos korrespondieren mit Grafik von Jürgen Wittdorf (Jahrgang 1932), der als Zeichenlehrer und in der Kunsterziehung arbeitete. Aufgefallen ist mir dabei eine Serie von Holzschnitten unter dem Titel "Zyklus für die Jugend" von 1963, darunter eines mit der Bildunterschrift "Noch kein Bartwuchs und schon Vater". Zu sehen ist ein junger Mann mit einem Kind auf dem Arm und in der anderen Hand eine Tasche mit den Einkäufen. Ansonsten dominiert die Freizeit-Welt: "Gruppe mit Kofferradio", "Sommerurlaub", "Gruppe mit Rädern".
Eine weitere Serie von Holzschnitten zeigt die nGbK: Junge Männer unter der Dusche, ein Trainingsgespräch am Beckenrand in der Schwimmhalle, eine Baubrigade der Sportstudenten, im Umkleideraum, dazu ein Bild der Freundschaft zwischen Schwarz und Weiß. Überall herrscht Harmonie. Die männlichen Figuren sind alle schlank und gutaussehend. Die Idealisierung der Körper blendet im Grunde die menschliche Wirklichkeit aus. Es kommt mir so vor, als sei in dem wiederkehrenden stereotypen Habitus ein Begehren regelrecht eingefroren und das erzeugt eine seltsame Spannung. Eine Spannung, die sich auch aus dem geradezu propagandahaften Charakter dieser Serien ergibt.
Eine Ausstellung, die längst fällig war
Nicht unerwähnt sei die kleine Abteilung in der nGbK, die der trans Frau Toni Ebel (1881-1961) gewidmet ist. Darunter befinden sich zwei weniger bekannte Selbstbildnisse – eines mit Hut mit blauem Band und ein anderes, auf dem die Künstlerin im Profil zu sehen ist, und zwar seitlich von hinten betrachtet, fürwahr eine ungewöhnliche Perspektive. Ebel hat trans Geschichte mitgeschrieben. Sie gehörte Ende der 1920er Jahre zu dem Kreis von trans Frauen an dem von Magnus Hirschfeld gegründeten Institut für Sexualwissenschaft.

Toni Ebel, Selbstbildnis (1955), Öl auf Hartfaser, 24 x 32 cm (Foto: Thomas Kläber, Courtesy: Museum Utopie und Alltag, Beeskow und KVOST, Berlin)
Zu entdecken gibt es noch viel, viel mehr an den einzelnen Ausstellungsorten. Eine Empfehlung ist die Ausstellung unbedingt – und eigentlich war sie längst fällig. Sie läuft bis zum 28. Juni.
In der Ausstellung steht hilfreiches Informationsmaterial zur Verfügung – ein Heft mit ausführlichen Biografien und ein Flyer "Zeitstrahl", der wichtige Daten und Entwicklungen in der queeren Geschichte seit 1869 bis in unsere Gegenwart mit kurzen Erläuterungen auflistet. Außerdem ist zur Ausstellung im Distanz Verlag ein himmelblauer Katalog erschienen, der in einigen Essays die Lebenssituation queerer Menschen in der DDR zwischen Identitätsfindung, Anpassung und widerständiger Selbstbehauptung beschreibt und natürlich die ausgestellte Kunst zeigt.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung und den Austellungsorten
» Der Katalog zur Ausstellung bei amazon.de
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» auf sissymag.de
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