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Buchtipp
Das politische Potenzial des Anschnalldildos
Kae Tempests neuer Roman "Ein Leben lang gesucht" öffnet den Leser*innen einen reflektierten Blick auf nichtbinäre und trans Erfahrungen – eine seltene und beeindruckende Leistung in der zeitgenössischen Literatur.
- Von
3. April 2026, 13:36h 4 Min.
Rothko versteht zunächst nicht, wie eine Selbstbedienungskasse im Supermarkt funktioniert, warum junge Menschen auf der Straße Choreografien aufführen und sich dabei filmen. Das verlangt Geduld, denn als Leser*innen bewegen wir uns zunächst vorsichtig mit demm durch den Ort, versuchen seine eigene Logik zu begreifen – im ersten Moment passiert wenig, eher eine situative Bestandsaufnahme. "Als würde niemand mit anderen zusammen im selben Raum existieren. Als wären außer Rothko alle durch eine unsichtbare Membran der Privatheit geschützt. Was war passiert?"
Kae Tempest, der als trans Künstler in Rap, Lyrik und Literatur tätig ist, legt mit seinem zweiten Roman "Ein Leben lang gesucht" (Amazon-Affiliate-Link ) eine eindringliche Charakterstudie vor. Er zeigt überzeugend, welche Spuren der fünfzehnjährige Haftaufenthalt in Rothkos Leben hinterlassen hat: dey erkennt an "Tag eins" – dem ersten Teil des Buchs, der im Oktober 2026 spielt – die Verhaltensweisen und Abläufe in der fiktiven britischen Kleinstadt Edgecliff kaum wieder.
"Zwanzig Jahre im freien Fall in ein Vakuum aus Verzögerung"

Kae Tempests Roman "Ein Leben lang gesucht" ist im März 2026 im Suhrkamp Verlag erschienen
Der Roman ist in drei Teile gegliedert: "Tag eins" (Oktober 2026), "Früher" (April 2006) und "Heute". So wird die Transformation des Protagonisten deutlich: "zwanzig Jahre im freien Fall in ein Vakuum aus Verzögerung". Es ist die Geschichte einer trans nichtbinären Figur, deren impulsive Wut demm hinter Gittern antreibt. "Rothko hatte die letzten fünfzehn Jahre in einem Raum verbracht, der nicht größer war als dieser. Und definitiv nicht so schön. Dabei brauchten Menschen Schönheit. Besonders diejenigen, die mehr als genug Hässlichkeit abbekommen hatten. Damit sie uns anderen erspart blieb." Hier spricht ein lyrisches Ich, vielleicht Tempest selbst, der Rothko dafür dankt, dass dey den Hass übernommen hat, den andere nicht tragen mussten.
Diese Wut wird nachvollziehbar, weil Tempest Rothkos soziokulturellen und emotionalen Hintergrund gründlich entfaltet. Rothko wächst in einer jüdischen Familie auf, mit der suchtkranken Mutter Meg, die unter den Folgen von Missbrauch und Sexarbeit leidet, und dem peniblen, ehrgeizigen und schwer zugänglichen Vater Ezra sowie der Schwester Sarai, deren unterschiedliche Wege der Vergangenheitsbewältigung sie teils auseinander, teils wieder zusammenführen. "Andere Leute hatten etwas aus ihrem Leben gemacht. Rothko hatte nur herumgesessen. Es vorbeiziehen sehen." Vor diesem Hintergrund verliert sich Rothko in innerer Leere, in depressiver Selbstzerstörung, klaut Pillen von der Mutter des besten Freunds, prügelt sich. Am Ende der Retrospektive über Rothkos Jugend entfaltet sich ein ausgedehnter Bewusstseinsstrom, der stellenweise unübersichtlich wirkt, obwohl emotionale Präzision hier wünschenswert gewesen wäre.
Rothko bleibt ein vulnerabler Charakter
"Ein Leben lang gesucht" wird überwiegend aus Rothkos Sicht erzählt, doch auch Familienmitglieder und Nebenfiguren erhalten eigene Perspektiven. So tritt etwa Angel Douglas auf: Ihre Lebenslinie kreuzt sich immer wieder mit Rothkos, zunächst wirkt sie beiläufig, entfaltet im Verlauf aber entscheidende Einsichten über internalisierte Queerphobie, Depression und den Weg zur Versöhnung.
Rothko bleibt ein vulnerabler Charakter, der sich die eigene Liebenswürdigkeit kaum eingesteht – umso berührender ist die Liebesbeziehung zu Dionne. Man fiebert mit, wenn Rothko Dionne während der Schulzeit kennenlernt und die heimliche Affäre vor der grausamen Gruppe von Jungs versteckt, die Rothko queer- und fettphob begegnen. Sie lieben sich, und doch fühlt Rothko sich überfordert von der Aufmerksamkeit, die sie demm – und insbesondere deren Körper – schenken. "'Bleibst du das nächste Mal über Nacht?' Sie sah demm nach einer Antwort suchend an. Aber Rothko wollte nicht mehr angesehen werden."
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Starkes trans Potenzial
Die Genderdysphorie Rothkos spielt im Roman eine zentrale Rolle. Besonders eindrucksvoll ist die Szene, in der Rothko zum ersten Mal einen Anschnalldildo ausprobiert und sich zum ersten Mal wohl im eigenen Körper fühlt und mit sexueller Berührung. Tempest betont das politische Potenzial dieses Moments: "Ihre Lust waren deren Sieg über eine Welt, die Rothko das Gefühl gab, sich schämen zu müssen und nie genug zu sein."
Trotz gelegentlich dialektischer Strukturen und fast didaktischer Passagen besticht der Roman durch Tempests bewusste und konsequente Verwendung von Pronomen, die Selbstbezeichnung, Perspektive und Transformation eng miteinander verknüpft. Gerade in dieser sprachlichen Praxis entfaltet sich ein starkes trans Potenzial: Sie macht Rothkos Identität greifbar, feiert die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und das eigene Begehren und öffnet den Leser*innen einen reflektierten Blick auf nichtbinäre und trans Erfahrungen – eine seltene und beeindruckende Leistung in der zeitgenössischen Literatur.
Kae Tempest: Ein Leben lang gesucht. Roman. Aus dem Englischen von Conny Lösch. 390 Seiten, Suhrkamp Verlag. Berlin 2026. Gebundene Ausgabe: 25 € (ISBN 978-3-518-43299-0). E-Book: 20,99 €
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