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Fotografie
Underground vom Feinsten
Der deutsche Künstler Albert Scopin hielt ab Ende der 1960er Jahre das Leben im legendären New Yorker Chelsea Hotel fest. Ein neuer Bildband versammelt die über Jahrzehnte verschollenen, sehr queeren Fotografien.

Jackie Curtis mit Lover, 1970 (Bild: Albert Scopin)
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4. April 2026, 07:20h 5 Min.
"Menschen im Hotel" – so hieß ein Roman von Vicki Baum, veröffentlicht 1929. Verfilmt wurde er gleich mehrmals. Das Faszinierende daran, wie sich menschliche Schicksale darin kreuzen, wie der Zufall buchstäblich Welten an einem Ort versammelt. Ein solcher Ort, der zur Legende wurde, der nicht zuletzt queere Geschichte mitgeschrieben hat und dessen Geschichte selbst am Ende ein grandioser Roman wurde – das ist das Chelsea Hotel in New York.
Von diesem Chelsea-Roman ist heute nichts mehr zu finden, er existiert nur noch in der Erinnerung. Vor einigen Jahren wurde das Haus modernisiert und ist nun zu einer der vielen Luxus-Adressen in Manhattan geworden – 222 W 23rd Street im gleichnamigen Midtown-Stadtteil Chelsea. Das einfachste Zimmer hat als Eintrittspreis aktuell ungefähr 500 Dollar pro Nacht. Das war in den wahren Glanzzeiten einmal ganz anders.
Die Gästeliste liest sich wie ein Lexikon der Pop-Moderne
Damals heißt: vor 1980. Ein solches Hotel gab es wohl kein zweites Mal und es dürfte der hipste und verrückteste Ort im Universum gewesen sein – auf jeden Fall in den 1960er und 1970er Jahren. Die Gästeliste liest sich wie ein Lexikon der Pop-Moderne und mit nicht gerade wenigen Berühmtheiten, die dort erst zu Stars wurden.

Eingang des Chelsea Hotel (Bild: Albert Scopin)
Wer dort wohnte, blieb für gewöhnlich nicht nur für eine oder ein paar Nächte, der hatte dort seinen festen Wohnort. Und wer sein Zimmer gerade nicht bezahlen konnte, der durfte die Miete ausnahmsweise auch mal mit einem Kunstwerk begleichen, das sich am Tag zuvor noch auf der Staffelei im Hotelzimmer befand.
Das Hotel wurde besungen – zum Beispiel von Joni Mitchell und Leonard Cohen. Und Andy Warhol drehte dort einen seiner frühen Filme mit dem Titel "Chelsea Girls" (1966) mit einer Spieldauer von mehr als drei Stunden und über den der Kritiker der New York Times lästerte: "Wenn es Warhols Absicht war zu zeigen, dass das wirklich Entsetzliche an der Sünde die Langeweile ist, aus der sie entspringt und in der sie endet, dann ist ihm das nur allzu gut gelungen."
Albert Scopin wohnte von 1969 bis 1971 im Chelsea Hotel

Das Fotobuch "Chelsea Hotel" ist im März 2026 im Kerber Verlag erschienen
Warum ich das alles erzähle? Um auf ein Fotobuch (Amazon-Affiliate-Link ) aufmerksam zu machen, das kürzlich im Kerber Verlag erschienen ist. Darin sind Fotos des deutschen Fotografen Albert Scopin versammelt. Scopin hatte als junger Mann im Chelsea von 1969 bis 1971 gewohnt und hatte die Menschen dort fotografiert – am häufigsten in ihren Zimmern, aber auch in der Hotel-Lobby und zu allen möglichen Anlässen.
Nach New York ging er in der Hoffnung, bei einem der großen Fotografen arbeiten zu können. Da standen Namen wie Irving Penn oder Richard Avedon auf der Wunschliste. Bei denen hatte es zwar nicht geklappt, aber er bekam Arbeit. Abgesehen von dem fotografischen Tagebuch, das er nun zu führen begann.
Die Fotos waren 46 Jahre lang verschollen
Und dass dieses fürwahr intime Fototagebuch erst jetzt erscheint, ist eine so fantastische Geschichte, wie es fantastische Geschichte über das Hotel und seine Bewohner*innen unendlich viele gibt. Dem "Zeit-Magazin" bot Scopin eine Fotoreportage an (der Mensch braucht schließlich Geld zum Leben), und weil die Redaktion sofort von dieser New-York-Exotik begeistert war, ging gleich ein dickes Paket mit 800 Fotos und Negativen über den großen Teich. Einige davon wurden im Magazin veröffentlicht, und der Rest landete im Archiv.
Wie sich jedoch viel, viel später herausstellte, besaß das Archiv ein mysteriöses Loch, denn die Fotos waren unauffindbar weg, um aber vor einiger Zeit überraschend in einem bayerischen Antiquariat aufzutauchen. Scopin bekam seine Fotos wieder zurück, und wir haben deshalb heute mit ihm das Glück, in diesem prächtigen Band aus absolut wilden Zeiten blättern und lesen zu können, die nonkonform und queer zu nennen, eine glatte Untertreibung bedeuten.
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Rosa von Praunheim als Dragqueen

olly Woodlawn, Rosa von Praunheim und Shirley Clarke auf dem Dach des Chelsea Hotel (Bild: Albert Scopin)
Im Chelsea Hotel schrieb Jack Kerouac "On the Road", William S. Burroughs "Naked Lunch", hier logierte Rosa von Praunheim und amüsierte sich mit der Filmemacherin Shirley Clarke und der trans Frau Holly Woodlawn aus Warhols Factory, die der Sänger und Musik Lou Reed in dem Song "Walk on the Wild Side" verewigte. Auf einem Foto versucht sich Rosa als Dragqueen, aber mit nicht allzu viel Talent. Sein Kollege Wim Wenders, damals 25 Jahre alt, belässt es dabei, in die Kamera zu lächeln. Die trans Frau Candy Darling ist wie immer absolut Ladylike, während Jackie Curtis sich nackt mit seinem Lover präsentiert.
Ohne hier in Namedropping zu verfallen, aber Patti Smith und Robert Mapplethorpe dürfen in der Aufzählung nicht fehlen. Scopin fotografierte die beiden, als sie gerade anfingen, berühmt zu werden. In der Silvesternacht 1969, so erzählt Patti in ihrem unbedingt lesenswerten Buch "Just Kids", ist sich Robert ganz sicher, dass jetzt ihr Jahrzehnt kommen würde. Und so kam es. Auf den Fotos sind sie sozusagen beide auf dem Sprung: Patti, von einem anarchischen Chaos umgeben, Robert dagegen liebt die Ordnung in seinem Hotel-Atelier.
"Ein Puppenhaus in der Twilight Zone"
Patti erinnert sich: "Das Chelsea war ein Puppenhaus in der Twilight Zone, mit Hunderten von Zimmern, von denen jedes ein eigenes kleines Universum barg." Und weiter: "Ich liebte dieses Hotel, seine schäbige Eleganz und die Geschichte, die es so eifersüchtig bewahrte." Beide hatten zuerst ein kleines Zimmer – "eine halbwegs einladende Gefängniszelle". Doch das änderte sich bald – so, wie sich überhaupt ihr Leben änderte.
Amüsiert hat mich in Scopins Fotobuch ein Foto und der dazugehörige Kommentar. Es zeigt Germaine Greer, die damals als Feministin mit ihrem Buch "The Female Eunuch" Furore machte und heute die dienstälteste Terf sein dürfte. Scopin erinnert sich: "Sie war eine der unangenehmsten Personen, die mir dort begegnet sind."
Ich glaube es ihm aufs Wort. Der Rest des Buches ist Underground vom Feinsten.
Scopin: Chelsea Hotel. Herausgegeben von Albert Scopin Schöpflin; Galerie Ahlers, Göttingen. 176 Seiten. 118 farbige Abbildungen. Kerber Verlag. Berlin 2026. Taschenbuch: 38 € (ISBN 978-3-7356-1046-1)
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