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Buchtipp
"Ich hassliebe dich mehr als mein Leben"
"Sommer der schlafenden Hunde" von Laura Dürrschmidt ist ein eindringlicher, außergewöhnlich gut geschriebener Roman über toxische Abhängigkeiten und lesbisches Begehren.

Laura Dürrschmidt, geboren 1994 in Seligenstadt am Main, veröffentlichte 2021 ihr Debüt "Es gibt keine Wale im Wilmersee". Sie lebt heute mit ihrer Frau in Leipzig (Bild: Momo Yamamoto)
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5. April 2026, 12:27h 4 Min.
"Je mehr ich wurde wie Sascha und Trice, desto weniger musste ich noch ich sein. Und ich hatte ja eh nie ich sein wollen." Durch die Theatergruppe gerät Lena in den Dunstkreis der coolen Mädchen, gibt sich selbstbewusst, will sein wie sie. Sie wird hineingezogen in einen Strudel aus Manipulation, Beleidigungen und Prügeleien – bis eine der jungen Frauen stirbt. "Sommer der schlafenden Hunde" (Amazon-Affiliate-Link )ist ein eindringlicher, außergewöhnlich gut geschriebener Roman über toxische Abhängigkeiten und lesbisches Begehren.
Das liegt vor allem am fabelhaften Stil der hessischen Autorin Laura Dürrschmidt, die mit ihrer Sprache eine seltene Sogwirkung entfaltet: Kapitel brechen mitten im Satz ab und gehen nahtlos in das nächste über, dessen Überschrift den Gedanken weiterführt. Anführungszeichen fehlen bewusst: Gesagtes, Gedachtes und Erlebtes fließen ineinander. Es entsteht ein unaufhörlicher Bewusstseinsstrom einer unsympathischen, aber emphatisch nachvollziehbaren und radikal ehrlichen Protagonistin, dem man sich kaum entziehen kann.
Rastlos Suche nach einer Wahlfamilie

"Sommer der schlafenden Hunde" ist im März 2026 im Aufbau Verlag erschienen
Die Hauptfigur heißt eigentlich Lena, nennt sich aber Laika – nach dem Hund ihrer Großmutter, den sie, übernommen vom verstorbenen Nachbarn, getötet hat. Diese Einstiegsszene ist brutal, wird von ihr jedoch lapidar kommentiert: Der Hund habe es ohnehin immer auf sie abgesehen. Laika wurde von ihrer zu jungen, alleinerziehenden Mutter bei der Großmutter zurückgelassen. Nach deren Tod nimmt Josef, ein Freund der Familie, sie auf.
Sie wächst in Einsamkeit und Lügen auf, entfremdet sich durch ein schreckliches Geheimnis auch von ihrem Stiefvater. Rastlos sucht sie nach einer Wahlfamilie – und findet sie schließlich in Trice: eine toughe, unbeirrbare Figur, in deren Schatten ständig Sascha steht – Verkörperung von Manipulation, Verlockung, Female Rage und Anführerinnenschaft, zugleich furchteinflößend und bewundernswert. "Menschen sind nur so mächtig, wie wir sie machen. Sascha hatte alle Macht der Welt." Die Sprache ist bissig, schlagfertig und schmerzhaft ehrlich, zugleich durchzogen von einem rauen Humor, wie er oft dort entsteht, wo Unsicherheit hinter demonstrativer Stärke verborgen wird. Im Laufe der Handlung eskalieren die Mädchen zunehmend – so sehr, dass selbst die Jungs vor ihnen zurückschrecken.
Zwei Komplizinnen, isoliert sie von der Außenwelt
Besonders eindrücklich ist die dichte, düstere Sommeratmosphäre, in der Vergangenheit und Gegenwart ineinanderfließen. Erinnerungen kleben auf der Haut, während Schuld und verdrängte Wahrheiten langsam an die Oberfläche dringen. Die Figuren wollen nicht gefallen; sie wirken, verletzen und berühren zugleich. Die Erzählstruktur folgt konsequent Laikas subjektiver Wahrnehmung, ihrer assoziativen Gedankenbewegung: Sie springt zwischen Zeiten, hält Informationen zurück, entwirft unterschiedliche Versionen von Saschas Identität und behauptet sich radikal in ihrer eigenen Erzählung. Sie will manipulieren, sie will verletzen – sie besteht darauf, sie selbst zu sein.
Besonders stark ist die Beziehung zwischen Trice und Laika: Sie verbindet das gemeinsame Geheimnis von Saschas Tod, macht sie zu Komplizinnen, isoliert sie von der Außenwelt. Während andere längst weitergezogen sind und sich neue Leben aufgebaut haben, kleben sie noch immer aneinander fest in Frankfurt: "Nicht zu wissen, wo die Grenzen verlaufen, oder es doch zu wissen, und sie trotzdem zu überschreiten, einfach, weil man es muss. Weil man es nicht anders kennt."
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Zwei Menschen, die sich offensichtlich nicht guttun
Der Roman blickt auch genau auf die Gruppendynamiken mit Jurek, Basti, Alon und Hamza – besonders Jurek rückt näher in den Fokus, dessen innere Konflikte sich als vielschichtiger erweisen als zunächst gedacht (eine feinfühlige trans Repräsentation). Mit ihm verbringen sie Zeit in einer Kur – eine von vielen impulsiven Entscheidungen Trices, deren Stimmung abrupt kippen kann: Ihr Mitbewohner musste gehen, weil er "zu viel groß musste". Nun sucht sie Ersatz, und Laika soll das in ihren Kontakten verbreiten – dabei hat sie außer Trice kaum noch welche.
"Trice lacht ein kühles Lachen und sagt: Ja, tu, was du am besten kannst, Laika. Sei wachsam. Schnüffel ein bisschen herum. Spiel Bluthund. Beiß in die Hand, die dich füttert." Der emotionale Bruch wirkt ernüchternd, zugleich nachvollziehbar: Er entsteht nicht aus Sicherheit, sondern aus Angst vor Verrat und Verletzung – und eröffnet paradoxerweise eine gewisse Klarheit. Es schmerzt, zwei Menschen beim Auseinanderbrechen zuzusehen, die sich offensichtlich nicht guttun, sich immer wieder anziehen und abstoßen – und einander doch nie ganz loslassen können.
"Hassliebe, hat Trice mal gesagt. Ich hassliebe dich mehr als mein Leben."
Laura Dürrschmidt: Sommer der schlafenden Hunde. Roman. 432 Seiten. Aufbau Verlag. Berlin 2026. Hardcover mit Schutzumschlag: 22 € (ISBN 978-3-351-04268-4). E-Book: 15,99 €
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