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Erfinder der "Lindenstraße"
Hans W. Geißendörfer feiert 85. Geburtstag
Der Regisseur und Produzent der ARD-Serie "Lindenstraße", Hans W. Geißendörfer, wird am Ostermontag 85 Jahre alt. Mit dem ersten homosexuellen Kuss im deutschen Fernsehen schrieb er TV-Geschichte.
- 6. April 2026, 08:42h 4 Min.
Er brachte den Deutschen die "Lindenstraße": Der Regisseur und Produzent Hans W. Geißendörfer war der Erfinder einer Fernsehserie, die er eigentlich für die Ewigkeit gedacht hatte. Doch 2020 stellte die ARD die "Lindenstraße" ein (queer.de berichtete). Geißendörfer, der nun 85 Jahre alt wird, konnte das Serienende damals nicht nachvollziehen. Er hat sich mittlerweile aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.
Die ARD nannte für das Ende der "Lindenstraße" nach fast 35 Jahren finanzielle Gründe. Auch die veränderten Sehgewohnheiten spielten eine Rolle. Diese sind inzwischen auch im Hause Geißendörfer angekommen: Geißendörfers Tochter Hana, der der Vater noch zu "Lindenstraßen"-Zeiten seine Produktionsfirma übergeben hatte, produzierte zuletzt mit "Alphamännchen" eine Reihe für den Streamingdienst Netflix.
"Lindenstraße" basiert auf eigenen Erfahrungen
Hans W. Geißendörfer kam am 6. April 1941 in Augsburg zur Welt. Er wuchs als Kind einer Pfarrersfamilie im fränkischen Neustadt an der Aisch auf. Der Vater war als Militärgeistlicher in der Sojwetunion gestorben, Geißendörfer verlebte seine Kindheit in einem Haus voller Pfarrerswitwen mit deren Familien. Für ihn waren diese Erlebnisse später die Grundlage der "Lindenstraße".
"Ich bin dort in einem Mehrfamilienhaus aufgewachsen, das ziemlich ähnlich besetzt war wie das Haus 'Lindenstraße Nr. 3' in der Serie. Fünf Familien links, fünf Familien rechts", erinnerte er sich einmal im Magazin "Planet Interview". "Ohne die Erfahrung vom Leben in einem Mietshaus wäre ich sicher auch nie auf die Idee gekommen, über so etwas zu schreiben."
Studium in Marburg, Erlangen, Wien und Zürich
Schon vor der "Lindenstraße" machte sich Geißendörfer einen Namen als Produzent und Regisseur. Er studierte zunächst Germanistik, Theaterwissenschaften, Psychologie und afrikanische Sprachen an den Universitäten Marburg, Erlangen, Wien und Zürich. In dieser Zeit begann er erste Filme zu drehen.
Ab Ende der 1960er Jahre arbeitete Geißendörfer professionell im Filmgeschäft. 1969 lief sein erster Spielfilm "Der Fall Lena Christ". In der Folge entwickelte sich Geißendörfer zu einem der bekannten Vertreter des neuen deutschen Autorenkinos. Er gewann zahlreiche Auszeichnungen wie den Deutschen Filmpreis für "Jonathan", "Sternsteinhof", "Die gläserne Zelle" oder seine Thomas-Mann-Verfilmung "Der Zauberberg". "Die gläserne Zelle" brachte Geißendörfer 1979 sogar eine Oscar-Nominierung in der Kategorie bester ausländischer Film.
Die erste Folge wurde 1985 ausgestrahlt
Doch die Arbeit an den Spielfilmen fand er auch einschränkend. "Ich finde das Entwickeln von Charakteren über einen längeren Zeitraum schöner", sagte er "Planet Interview". "Wenn ich ehrlich bin, habe ich mit der 'Lindenstraße' auch aus der Not heraus angefangen, weil ich mit meinen Kinofilmen nie fertig geworden bin." Und noch etwas kam hinzu: Seine Kinofilme waren beim Publikum nur leidlich erfolgreich. Geißendörfer wollte zuverlässig ein großes Millionenpublikum.
1985 flimmerte die erste Folge der "Lindenstraße" über den Bildschirm. Das Sendungskonzept einer tagesaktuell wirkenden Serie war damals sehr umstritten. Der stets mit einer Wollmütze als Markenzeichen auftretende Geißendörfer, politisch ein Alt-68er, musste kräftige Überzeugungsarbeit leisten, bis er die erste wöchentliche Soap Opera in Deutschland ins Fernsehen bringen durfte. Beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) fand er den nötigen Rückhalt.
Erster homosexueller Kuss im deutschen TV
Geißendörfer war der Produzent, die ersten 31 Folgen inszenierte er auch als Regisseur. Er nutzte den Sonntagabend, um die Deutschen mit Tabubrüchen aufzurütteln – der erste homosexuelle Kuss im deutschen Fernsehen schrieb in der "Lindenstraße" Fernsehgeschichte (queer.de berichtete).
Geißendörfer wurde immer wieder für Inhalte und Inszenierung kritisiert. Aber er wurde auch zigfach ausgezeichnet – mit dem Bambi oder der Goldenen Kamera, 2001 auch mit dem Grimme-Preis. Und er träumte davon, dass die "Lindenstraße" ihn überdauern würde. Die Serie sei endlos angelegt, sagte Geißendörfer immer. Mit ihrem dann doch eingetretenen Ende nach insgesamt 1.758 Folgen war auch die Phase seines eigenen Schaffens vorüber. (cw/AFP)
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